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„Christopher Robin“ Hundert Morgen Einsamkeit

Disney hat einen tristen Winnie-Puuh-Realfilm anzubieten: Marc Fosters „Christopher Robin“.

Kinostart - "Christopher Robin"
Bronte Carmichael als Madeline Robin in einer Szene von "Christopher Robin". Foto: dpa/Walt Disney Germany

Für viele Fans der Kindergeschichten von A. A. Milne ist Disney der Antichrist. So sah es etwa ihr verstorbener Übersetzer Harry Rowohlt. Meinem Einwand, Disneys Kurzfilme aus den Sechziger Jahren seien der Inbegriff werktreuer Verfilmungen folgte ein unversöhnlicher Disput. Es gebe überhaupt keine werktreuen Verfilmungen, protestierte Rowohlt, und ein Film, der ein Buch zeige, das sich öffnet, jeden Einfall darin in bewegte Zeichnungen umsetzt und den kleinen Bären sogar noch über die Textzeilen hinauf zu seinem Honigbaum klettern lässt, vermochte ihn nicht vom Gegenteil zu überzeugen. Die deutsche Übersetzung des Namens in „Winnie Puuh“ war für den Bärenfreund der größte Frevel.

Es kommt wohl darauf an, wie man dem kleinen Bären zum ersten Mal begegnet. Für mich war es eine stumme 8mm-Rolle des Films „Winnie Puuh und der Honigbaum“. Hunderte Male habe ich sie als Kind gespielt, vorwärts und rückwärts. Alle Wunder der Animation steckten für mich in den beseelten Spielgefährten von Christopher Robin, die in der ersten Aufnahme als Fotografie zu sehen waren.

Nun hat Disney in der Serie von Realverfilmungen seines Cartoon-Repertoires auch einen Abstecher in den Hundert-Morgen-Wald gemacht. Der echte Christopher Robin, Milnes Sohn und Adressat seiner Geschichten, starb bereits 1996. Im Jahre 2001 kam seine Witwe zu immensem Wohlstand, als sie alle Rechte an den Kinderbüchern und den Figuren für 350 Millionen an Disney verkaufte. Nur noch acht Jahre kann man etwas damit anfangen, dann ist der Autor siebzig Jahre tot und die Rechte sind Allgemeingut. Machen wir uns nichts vor: Ein neuer Winnie-Puuh-Film hat für Disney in dieser Zeit vor allem die Aufgabe, Lizenzen für Plüschfiguren zu verkaufen. So gesehen, könnte man sich ja auch einige Freiheiten damit leisten.

„Christopher Robin“ strahlt an keiner Stelle im satten Orange des Bärenfells oder im wonnigen Rosa von Schweinchen Piglet. Marc Foster, der Regisseur des thematisch ähnlichen „Wenn Träume fliegen lernen“ über den Peter-Pan-Autor James Barrie, tönt die meisten Szenen grau in grau.

Als Jugendlicher verabschiedet sich der von Ewan McGregor gespielte Christopher Robin von den Stofftieren: „Ich werde nicht mehr nichts machen“, sagt er unmissverständlich und zieht in den Zweiten Weltkrieg. Auch später als junger Familienvater ist seine Beziehung zu seinen Liebsten ein einziges Abschiednehmen: Frau und Tochter kriegen den fleißigen Effizienzmanager einer Gepäckfirma kaum noch zu sehen. Kann man sich einen größeren Gegensatz zur uferlosen Abenteuerzeit der Kindheit vorstellen als das Credo eines Effizienz-Experten?

„Von nichts kommt nichts“, rät er seiner Tochter, und das fleißige Mädchen macht artig Schulaufgaben. Niemand ist überrascht, als der Vater den lange erwarteten Ausflug ins Landhaus in Sussex absagt, um in London fleißig eine anstehende Massenentlassung vorzubereiten. Wir haben die Geschichte schon einmal gesehen. Da hieß sie Mary Poppins, und Christopher Robin ist eigentlich Mr. Banks. Die gute Fee – in Gestalt eines Teddybären – lässt allerdings lange auf sich warten.

Als Pooh endlich seinem gealterten Spielkameraden aus einem Baumhaus vor die Füße fällt und diesen nötigt, ihn nach Sussex zu bringen – der Hundert-Morgen-Wald liegt gleich hinter dem Wochenendhaus -, ist die trübe Stimmung noch lange nicht vorbei. Kinder, die sich mit dem Mädchen identifizieren, werden es unerträglich finden, dass der geliebte Papa noch immer keine Zeit hat und sich heimlich am Haus vorbeischleicht, um den Teddy zu seinen Spielkameraden zu bringen. Nun, endlich, wird so etwas Ähnliches wie ein „Best of“ der Originalgeschichten daraus – aber noch lange kein Film, den man Kindern empfehlen möchte.

Anders als bei seinem James-Barrie-Film tut sich Foster schwer, ein Lebenskonzept zu formulieren, dass der Kindlichkeit eine Tür in die Erwachsenenwelt öffnet. Verfechter einer für Disney seltenen Düsternis werden vielleicht einiges an „Christopher Robin“ loben, aber es liegt kein Stil darin, Marc Foster ist kein Tim Burton, der übrigens letztes Jahr – ebenfalls in England – eine neue „Dumbo“-Version für Disney abgedreht hat. Die Verbindung zwischen den animierten Stofftieren und den Realaufnahmen ist selbstverständlich vorzüglich, aber davon gab es mehr als genug in den lustigen Paddington-Filmen der Konkurrenz. Disney muss sich wohl noch einmal an einen Puuh-Film wagen. Acht Jahre nur, dann darf jeder andere Filmemacher in den Hundert-Morgen-Wald
 
Christopher Robin. USA 2018. Regie: Marc Foster. 104 Min. 

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