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Charlotte Gainsbourg in "The Tree" Mein Freund, der Baum

Ohne Pathos, dafür mit Charlotte Gainsbourg: In „The Tree“ stellt sich eine Zehnjährige vor, ihr verstorbener Vater habe sich in einen Baum verwandelt. Ein Kinderfilm über den Tod, der nicht auf die Tränendrüse drückt? Wann hat man so etwas schon gesehen?

Simone (Morgana Davies) glaubt, dass ihr toter Vater im Baum hinter dem Haus wohnt. Im Hintergrund ist ihre Mutter (Charlotte Gainsbourg) zu sehen. Foto: Pandora Film / Les Films du Poi

eigWenn es eine unselige Trennung in der Filmwelt gibt, dann ist es die zwischen dem Kinder- und dem Erwachsenenfilm – als wäre der künstlerische Einsatz nicht stets derselbe. Wahrscheinlich kommt Astrid Lindgren das Verdienst zu, bei ihren Literaturverfilmungen die höchsten Standards zu setzen: Sie bestand darauf, dass den kleinen Zuschauern nichts von all dem vorenthalten wurde, was auch die großen von einem Kinobesuch erwarteten. Dass dennoch gerade in Deutschland eine florierende „Bibi-Blocksberg“-Industrie regelmäßig geistlose Unterhaltung für Nachmittagsvorstellungen produziert, kann diese Notwendigkeit nur bestätigen. Da aber auch anspruchsvolle Filme für Kinder in dieselbe Schublade fallen, finden selten breite Anerkennung. Es ist die gleiche Situation, die Michael Ende schon vor fünf Jahrzehnten für eine Literaturwelt beklagte, die Kinderbuchautoren nicht für voll nahm.

Julie Bertuccellis in Australien gedrehter Film „The Tree“ ignoriert dieses Spartendenken so konsequent wie es seine Vorlage tat, Judy Pascoes Roman „Our Father who Art in the Tree“. Auf Deutsch trägt er den banalen Titel „Erzähl mir, großer Baum“ und ist aufgemacht wie ein ökologisches Kinderbuch. Das einzige was fehlt, ist die Altersempfehlung. Es ist die Erzählung einer Zehnjährigen, die den Tod ihres Vaters betrauert: „Es war ganz einfach“, kommt sie gleich im ersten Absatz zur Sache. „Heilige waren im Himmel, Schutzengel hatten Flügel wie Batman, und mein Dad war gestorben und lebte im Baum hinter dem Haus.“

Kein Puderzucker, kaum Sentiment

Von der Überzeugung, dass sich der tote Vater in den Baum verwandelt habe, weicht das Mädchen während der Erzählung nicht ab, und man ist schnell geneigt, ihr zu glauben. Denn das, was sie sich vorstellt, ist beschrieben, als geschähe es tatsächlich. Der Baum beginnt, mit dem Kind zu sprechen und scheint sogar die Mutter von seinem Nachleben zu überzeugen. Es ist die Geschichte einer Trauerarbeit als verzögerter Abschiednahme, psychologisch sehr komplex in der Gleichzeitigkeit von Verarbeitung und Verdrängung. Bertuccellis Film nähert sich dieser Erzählung mit erstaunlicher Distanz. Niemand käme auf die Idee, ihren Film in ein Öko- oder Esoterikregal einzusortieren. Und zu erzählen hat ihr Baum schon gar nichts. Die Entscheidung, ob tatsächlich ein Geist in ihm wohne, überlässt sie dem Betrachter.

Das übliche Pathos von Fantasyfilmen bleibt aus, es gibt keinen Puderzucker und kaum Sentiment. Im gnadenlosen Sonnenlicht über der australischen Weite schneidet der Tod ins Leben einer jungen Familie und isoliert dabei die älteste Tochter von ihren drei Geschwistern. Sie zieht sich zurück in den gewaltigen Feigenbaum. Als aber die Mutter – Charlotte Gainsbourgs leises Spiel vermeidet jede äußere Expression – einen anderen Mann ins Haus holt, regt sich einiges im Geäst: Der Baum scheint sich aufzulehnen, schiebt sich mit seinen Wurzeln unter das Haus, dass er beinahe zum Einsturz bringt. Schließlich versetzt ihn ein Sturm vollends in Bewegung, nichts scheint vor seiner Urgewalt sicher.

Stellt man sich diese Geschichte als Film vor, dann wahrscheinlich in Bildern wie von Steven Spielberg. Der Vergleich zu „Poltergeist“ drängt sich auf, doch merkwürdigerweise fehlen die visuellen Klischees des Horrorfilms ebenso wie die der romantischen Märchenhaftigkeit. Die Regisseurin bleibt bei einem nur leicht ins Magische gewendeten Realismus. Und so überschreitet sie nicht nur die Grenze zwischen dem Kinder- und dem Erwachsenenfilm sondern auch die zwischen dem Wirklichen und dem Überwirklichen. Das Ähnlichste zu diesem auf merkwürdige Art zugleich kunstvollem wie nüchternem Film ist die museale Filmkunst der Finnin Eija-Liisa Ahtila.

Schon im Roman blieb die Option offen, dass sich die Geschichte nur in der Vorstellungswelt des Mädchens abspielte, das sie erzählte. Der Film macht dies sogar noch spannender: Sieht der Zuschauer, was sich das Mädchen vorstellt? Sieht er eine phantastische Geschichte? Oder lediglich eine unwahrscheinliche aber durchaus mögliche Naturerscheinung? Die Regisseurin lässt alle Möglichkeiten offen. Der Preis dafür ist absolute Zurückhaltung, auch in der Emotionalität. Als dieser Film im vergangenen Jahr das Filmfestival von Cannes als Abschlussfilm beendete, stiftete er durchaus Verwirrung. Wann hat man so etwas schon gesehen? Ein Kinderfilm über den Tod, der nicht auf die Tränendrüse drückt? Oder doch ein Erwachsenenfilm, der sich eine kindliche Perspektive zu eigen macht?

The Tree, Regie: Julie Bertucelli, F/AUS/D/I 2010, 100 Minuten.

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