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Charlie Chaplin Etwas Großes sagen, Elefant zum Beispiel

Von der unerhörten Schönheit des Schweigens: Vor 125 Jahren wurde Charlie Chaplin geboren. Einst der größte Star der Welt, sah er sich mit dem Aufkommen des Tonfilms bald in seinem ureigenen Lebensraum bedroht.

Chaplin in "The Cure". Foto: imago stock&people

Für jeden Film gibt es einen Augenblick, in dem er damit beginnt, sich in die Geschichte einzuschreiben. Auch wenn nur wenige in der Filmgeschichte so tiefe Spuren hinterlassen wie die Werke Charlie Chaplins, der heute vor 125 Jahren geboren wurde.

Lange galt der Premierentag als dieser Augenblick, heute kann es auch die Freischaltung eines Download-Angebots sein oder die Bereitstellung auf Youtube. Das Ergebnis ist das gleiche: Ein Film ist in der Welt und wird Teil der Kultur, auf die er trifft. Chaplins frühe Filme hatten in den USA besonders rasante Karrieren. Am 4. Mai jährt sich zum 100. Mal die Uraufführung seines Regie-Debüts, „Caught in the Rain“, das sich der junge Schauspieler mit einer Pfandleistung von 1 500 Dollar erkauft hatte.

Einst der größte Star der Welt

Nur drei Monate zuvor war er zum ersten Mal als Filmdarsteller aufgetreten. Es wurde ein durchschlagender Erfolg. Dennoch dauerte es noch sieben Jahre, bis der erste Chaplin-Film in Deutschland zu sehen war. Wer konnte an der Verhinderung ihres Vergnügens nur ein Interesse haben?

Wie so oft lag das Übel in der Politik. Ein Einfuhrverbot für US-amerikanische Filme war der entscheidende, aber nicht der einzige Hinderungsgrund dafür, dass Chaplin erst im Jahre 1921 einen offiziellen deutschen Kinostart erlebte, mit einem Film, der bereits 1916 entstanden war, „Die Rollschuhbahn“, „The Rink“.

Noch heute liebäugeln Filmpolitiker immer wieder mit Einfuhrbeschränkungen, die als Schutzinstrumente für nationale Filmkulturen ausgegeben werden. Als täte man heimischen Filmemachern einen Gefallen, indem man ihrem Publikum die freie Wahl verböte. Denn Kunst lebt nun einmal vom Austausch. Slapstick ist gleich Slapstick – aber nur, bis man den ersten „Chaplin“ gesehen hat.

Und hat man ihn gesehen, dann sind Komödien zwar immer noch Komödien, dann ist Film zwar immer noch Film. Aber nur in Relation zu dem, was einen Chaplin-Film ausmacht. Und genau dieser Erkenntnisgewinn blieb den meisten Deutschen bis 1921 verwehrt. Mancher deutsche Filmenthusiast entwickelte gar angesichts des internationalen „Hypes“, wie man heute sagt, eine besondere Skepsis.

„Ich hatte den Willen, mit schärfster, unbarmherzigster kritischer Brille dazusitzen“, wehrte sich etwa der Essayist Kurt Pinthus, als er seinen ersten Chaplin-Klassiker „The Cure“ sah. „Aber ich habe in den 20 Minuten, in denen dieser Film vorüberhopst, vorbeirast, so gelacht, dass bald meine Brille vom Hauch des Gelächters und der Tränen so beschlagen war, dass ich sie abnehmen und mit der Brille der Liebe vertauschen musste.“

Dennoch sah der größte Star der Welt mit dem Aufkommen des Tonfilms bald seinen ureigenen Lebensraum bedroht. Was man wohl davon hielte, fragte er sein Publikum in der Fan-Zeitschrift „Mein Film“, wenn ein Gemälde plötzlich Geräusche machte? „Die sogenannte Sprechfilmkunst will die unerhörte Schönheit des Schweigens zerstören! Und Schweigen ist das Wesen des Films.“ Chaplin dachte noch nicht daran, seinem komödiantischen Alter Ego wie erst spät in „Der große Diktator“, eine Stimme zu geben.

Gleichzeitig entstand in der kreativen Freiheit seines eigenen Studios sein neuester Stummfilm, „City Lights“ („Lichter der Großstadt“). Nach dreijähriger Arbeit erlebte die Stadt Los Angeles am 30. Januar 1931 die wohl spektakulärste Premiere ihrer Geschichte. Für Albert Einstein, Chaplins Ehrengast, erhob sich das Publikum von den Sitzen. Und auf der Leinwand erlebte es gleich darauf eine furiose Demonstration der visuellen Erzählkunst. Dass sich die Feier der Stummfilmkunst um ein Mädchen drehte, dem selbst tragischerweise alle Augenfreuden verwehrt sind, machte es noch dramatischer.

Vor den erloschenen Augen der blinden Blumenverkäuferin gibt es keine Klassenunterschiede, und der verliebte Tramp will alles für sie tun. Unerkannt gelingt es ihm, dank der Freigiebigkeit eines versoffenen Millionärs, ihre rettende Augenoperation zu finanzieren. Dass ihn dieser dann in nüchternem Zustand gleich als Dieb einsperren lässt, ist ihm die Sache wert. Doch wie soll das Mädchen ihn nach der Entlassung überhaupt erkennen?

Für Chaplin, der seine Filme minutiös plante, schrieb sich die Geschichte fast von selbst, als ihm erst das Ende eingefallen war: Als die junge Frau dem kleinen Tramp aus Mitleid eine Münze schenken will, weicht er beschämt zurück – doch dann erkennt sie ihren geheimen Gönner an der Berührung seiner Hand.
Noch einmal lässt Chaplin die typischen Situationen seiner frühen Kurzfilme in diesem Film Revue passieren, doch er orchestriert sie zu einem großen Melodram, unterstützt von bewährten Nebendarstellern seiner Anfangsjahre. Und doch wiederholt er sich nie. So ist die wunderbare Szene eines Boxkampfs, bei dem Charlie hofft, das Geld für die Operation des Mädchens zu gewinnen, nicht mit seinem früheren Auftritt in „The Champion“ von 1915 zu verwechseln.

1915 war der Engländer, der seine Kindheit in bitterster Armut verbracht hatte, zum bestbezahlten Filmkünstler der Welt aufgestiegen. Sein Wochenlohn betrug 1250 Dollar, ein gewaltiger Sprung von den 150 Dollar, die ihm sein Entdecker Mack Sennett 1914 bezahlt hatte. Ein Jahr später waren es dann bereits 10 000 Dollar in der Woche plus 150 000 Dollar bei Vertragsabschluss. Doch die zwölf Filme, die darin verlangt waren, konnten den Hunger des Publikums nach Chaplinfilmen nicht stillen.

"Worte sind billig", spottete Chaplin

Auch wenn Chaplin bereits die künstlerische Kontrolle über seine Filme besaß, gab es noch eine Steigerung. Ab 1919 verfügte er über ein eigenes Studio und behielt alle Rechte an seinen Filmen, die später von „United Artists“ verliehen wurden – jenem Konzern, den er mit den Filmstars Douglas Fairbanks und Mary Pickford sowie dem Regisseur D.W. Griffith gegründet hatte.

„Worte sind billig“, verspottete Chaplin bei der „Lichter der Großstadt“-Premiere noch einmal den Tonfilm. „Das größte, was man sagen kann, ist: Elefant.“ Vier Jahre später, 1936, sollte sein bis dahin aufwändigster Film, „Moderne Zeiten“, erscheinen – und einen würdigen Schlussakkord unter die große Ära des amerikanischen Stummfilms setzen. Zugleich spielte die Tragikomödie über eine entfremdende Arbeitswelt auch jenen in die Hände, die in Chaplin einen Kommunisten vermuteten.

Beweisen konnten sie es freilich nie: Seit der Star 1922 einmal einem prominenten Arbeiterführer einen Empfang ausgerichtet hatte, wurde beim FBI eine Akte über ihn geführt, die mit Beginn des Kalten Kriegs beachtlich an Umfang gewann: Senator McCarthys Kommunistenjagd wütete in der Traumfabrik. Als 1952 der US-Justizminister verkündete, man werde dem Briten Chaplin nach einem Aufenthalt in London die Wiedereinreise verbieten, zogen die Chaplins an den Genfer See.

Auch dort blieben seine Filme lebendig, wie uns Tochter Geraldine Chaplin im Gespräch erzählte: „Meine Mutter sammelte all seine frühen Filmauftritte auf 16mm und sagte: Schauen wir uns einen Charlie-Chaplin-Film an! Und er sagte: Nein, vielleicht haben die sich nicht gut gehalten. Aber wenn sie dann liefen, war er ganz anderer Ansicht. Er war sein bestes Publikum. Lachte sich tot. Rief: Seht doch, ist er nicht toll? Das macht der kleine Kerl doch hervorragend! Er sprach immer über sich in der dritten Person.“

Auch 125 Jahre nach der Geburt des Künstlers, hundert Jahre nach der Premiere seines „Tramps“, berühren seine Filme sofort. So sehr sie einst Produkte ihrer Zeit waren, so sehr lassen sie uns heute die historische Distanz überwinden. Noch immer ist ihre Wirkung intuitiv, doch dazu muss es erst einmal kommen. Nur wenn alte Filme präsent bleiben, lässt sich dieser mit ihrem wachsenden Alter nur noch verblüffendere Effekt, das „Raum-Zeit-Kontinuum“ zu durchbrechen, überhaupt erleben.

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