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Cannes Legenden, alte Ratten und ein liebenswertes Ekel

Bei den Festspielen in Cannes präsentieren Agnès Varda und Noah Baumbach hinreißende Filme.

Szene aus „Visages, villages“ von Agnés Varda
Eine Filmszene aus dem Film „Visages, villages“ von Agnès Varda. Foto: Handout Cannes Festival

„Godard, du bist eine alte Ratte!“ Man muss schon eine Regielegende wie die 88-jährige Agnès Varda  sein, um mit diesem Urteil über ihren zwei Jahre jüngeren Kollegen vor Cannes’ Filmliebhabern zu bestehen. Aber er fällt auch nicht zu Unrecht am Ende ihres hinreißenden Road-Movies „Visages, villages“ („Faces, Places“).

Gemeinsam mit dem französischen Fotokünstler JR bereist die Belgierin Varda da die Provinz ihres Landes, um Menschen kennenzulernen und vielleicht auch zu porträtieren. „Der Zufall war immer mein bester Ratgeber“, erklärt die Regisseurin, die ihrerseits als Fotografin zum Film fand, ihrem jungen Kollegen. Die Modelle finden sie am Wegesrand – eine tierliebende Ziegen-Bäuerin oder die letzte Bewohnerin einer Abbruchsiedlung, die partout nicht ausziehen will. Nur einen wollen sie gezielt besuchen, und genau der wird sie dann schließlich doch versetzen. Aber so ist es nun einmal mit Jean-Luc Godard: Wie oft haben wir uns hier bei den Filmfestspielen in Cannes schon darüber geärgert, wenn wieder mal zu einer Pressekonferenz mit ihm eingeladen wurde: Langes Schlangestehen – und am Ende kein Godard.

Wenigstens hat es Agnès Varda in ihrem leichthändigen Essay über das Menschliche in der Kunst bis zu seinem Haus geschafft. Ihr Landsmann Michel Hazanavicius, der dem großen Godard ein ganzes Biopic gewidmet hat, verfehlt sein Thema kilometerweit. Angelehnt an die Erinnerungen von Godards Ex-Frau Anne Wiazemsky, repräsentiert „Redoubtable“ genau jene Art von Kino, gegen das Godard selbst und seine Freunde von der Nouvelle Vague einmal so entschlossen angekämpft haben: Kunsthandwerk mit pseudo-intellektuellem Anspruch.

Hatte Hazanavicius bei seinem Stummfilm-Welterfolg „The Artist“ noch äußerlich den Stil seiner Vorbilder bis zur Verwechslung getroffen, imitiert er nun hilflos einen Sechziger-Jahre-Chic und Godard’sche Verfremdungseffekte: Beispielsweise  wenn der Subtext eines Dialogs des Liebespaars als Untertitel auf der Leinwand steht. Godard, dessen berühmte Brille – wie lustig – gleich viermal im Zuge der 68er-Demos zu Bruch geht und ersetzt werden muss, ist in Louis Garrels Darstellung mehr Quatschkopf als bewunderter Intellektueller. Ausgangspunkt der losen Handlung ist die Entstehung von Godards politischem Liebesfilm „Die Chinesin“ (1967). Bei den Dreharbeiten in der eigenen Pariser Wohnung hatte der Filmemacher seine Hauptdarstellerin Anne Wiazemsky lieben gelernt – und ihr an manchem Drehtag die realen Dialoge aus der Nacht zuvor ins Skript geschrieben.

Doch Hazanavicius scheint die charmante Produktionsgeschichte kaum zu kennen.

Fast schien es am Wochenende so, als wolle das Festival seinen famosen Auftakt doch noch verspielen. Zwei Stunden und zwanzig Minuten übte sich der Schwede Ruben Östlund in seiner Farce „The Square“ in Polical-Correctness-Kritik: Der junge Chefkurator eines Kunstmuseums buhlt darin mit moralisch aufgeladener Konzeptkunst um die Anerkennung des liberalen Bürgertums – und verspielt sie gleich mit der gezielten Unkorrektheit einer ebenso platten Internetkampagne. Das Objekt der Satire, Installationskunst und ihre museale Vermittlung, ist kaum aktueller als Hazanavicius’ fünfzig Jahre verspätete Godard-Parodie. Nicht einmal das von der Putzkraft zerstörte Arte-Povera-Objekt, eine lieblose Reihung von Steinhäufchen, darf dabei fehlen – die Beuys’sche Fettecke lässt grüßen.

Was für das Museum eine verpfuschte Eröffnung, das ist für ein großes Filmfestival die prominente Vorführpanne. Konnte es sein, dass sich auch der Projektionist zu Beginn der Pressevorführung des koreanisch-amerikanischen Wettbewerbsbeitrags „Okja“ mit den Protestierenden im Zuschauerraum verbündet hatte?

Seit Beginn dieser Festival-Ausgabe wird um die Aufnahme von Produktionen des Streamingdienstes Netflix gestritten. Nachdem die Buhrufer wie erwartet mit dem Aufscheinen des Logos ihr Konzert begannen, war auch der Kopf von Nebendarstellerin Tilda Swinton auf der Leinwand abgeschnitten. Zehn Minuten lief Bong Joon Hos ökologisch engagierter Familienfilm über eine zu kleine Bildwand, und auch über die Proportionen des wahren Stars herrschte dabei lange Zeit Unklarheit – ein genmanipuliertes Riesenschwein. Weitere Manipulationen dürften wohl auszuschließen sein; welcher Filmvorführer dieser Erde würde schon einen Job in Cannes riskieren?

Die ebenso sympathische wie belanglose „E.T“-Paraphrase um ein Bauernmädchen und sein Schmunzelmonster, das es vor Tilda Swintons Fleischfabrik zu retten gilt, steht im Schatten einer filmpolitischen Debatte: Wie kann das renommierteste Filmfestival der Welt einem Internetkonzern die große Bühne geben, der gar nicht daran denkt, seine Produkte in den französischen Kinos zu zeigen zu lassen?

Jurypräsident Pedro Almodóvar hatte sich schon am Eröffnungstag eindeutig vor der Presse erklärt: Für ihn komme kein Film ohne Kinoauswertung für eine Goldene Palme in Frage: „Die Leinwand eines Films darf nicht kleiner sein als der Stuhl, auf dem man sitzt.“ Diese Ehre hätte „Okja“ allerdings ohnehin nicht gebührt. Der zweite Netflix-Film im Programm ist allerdings ein anderes Kaliber: Noah Baumbach erweist sich mit seiner Tragikomödie „The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ einmal mehr als Woody Allens einzig legitimer Nachfahre zu Lebzeiten.

Dustin Hoffman ist ein unwiderstehliches Ekel als alternder Bildhauer, dessen Narzissmus von seinem schwindenden Ruhm nicht zu korrumpieren ist. Die eigentlichen Hauptfiguren aber sind seine Söhne, die sich in seinem mächtigen Schatten höchst unterschiedlich entfalten können. Den Bevorzugten spielt Ben Stiller als typischen New Yorker Immobilienjäger; den Ungeliebten verkörpert Adam Sandler als gescheiterten Klavierspieler und Hobbykomponisten.

Kein geringerer als Randy Newman greift im Soundtrack stellvertretend in die Tasten, im Alleingang unterlegt er den warm-bitteren Ensemblefilm mit zartem Stummfilmpiano: Eine Komödie in Moll über Kunst und Leben, treffsicher in jeder Nuance, die am Ende zu einem großen Drama über ungleiche

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