Lade Inhalte...

Cannes Grandioser „Western“ eröffnet Cannes-Festival

Mit Valeska Grisebachs deutschem Beitrag und Filmen aus den USA und Russland starten die 70. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

„Western“
Unter heimatlosen Wanderarbeitern: „Western“ von Valeska Grisebach. Foto: Coop99Film/Festival de Cannes/dpa

Thierry Frémaux, Cannes’ Programmchef, veröffentlichte kürzlich sein Arbeitstagebuch. Wer sich für die 624 Seiten starke Chronik der cineastischen Jagdsaison zwischen zwei Festivals interessiert, wird natürlich auch wissen wollen, wo all die schlechten Filme herkommen. Zum Beispiel Sean Penns Regiearbeit „The Last Face“, eine Zumutung im Wettbewerb von 2016, die nie in deutsche Kinos kam? Schuld war wohl wie stets allein die gute Hoffnung: Frémaux hatte nur eine frühe Fassung gesichtet und auf die Kunst des Schnitts vertraut.

Nun hat schon wieder ein Film das Festival eröffnet, der offensichtlich nicht zu retten war. „Les fantômes d’Ismaël“ das neue Werk des in Deutschland wenig bekannten Franzosen Arnaud Desplechin, ist genau die Art von Film, die einem Festivalmacher aus der Ferne unwiderstehlich erscheinen mag: Ein Regisseur sinniert über seine Projekte, die sogleich als zitatreiche Filme innerhalb des Films ablaufen – und, im Idealfall einem cinephilen Publikum in seinem hoffentlich mitgebrachten Wissen schmeicheln. Für Stars am roten Teppich wurde auch gesorgt: Mathieu Almaric spielt den alternden Herzensbrecher zwischen Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg. Worauf immer sich die Attraktivität des Mannes gründen mag, an seinen Filmideen, enervierend ausgespielten Mini-Parodien, könnte es kaum liegen. So schweiften die Gedanken wohl zu dem eigentlichen Besetzungscoup des Tages, dem aus sonst verfeindeten politischen Lagern komponierten Kabinett von Präsident Macron.

Die Nebensektion „Un Certain Regard“ hat bei ihrem Auftakt am zweiten Festivaltag kaum solche Glamour-Sorgen. Valeska Grisebachs deutscher Beitrag, ein Ensemblestück um eine Gruppe deutscher Bauarbeiter, die ohne Sprachkenntnisse in Bulgarien ein kleines Wasserkraftwerk bauen soll, ist der denkbare Gegenpol des Starkinos. Dass man dennoch viele der Laiendarsteller zu kennen glaubt, liegt an der Kunst des Castings: Meinhard Neumann entfaltet schon reitend auf dem Filmplakat die Präsenz eines Marlboro-Mannes.

„Western“ hat die Berliner Regisseurin ihren Film genannt, wir wären auch so darauf gekommen. Auch wenn nur ein Pferd erschossen wird, lassen sich die Konflikte mit den Dorfbewohnern – etwa ein Streit um die Wasserversorgung – aus zahllosen Genrevorlagen ableiten. Als heimatloser Wanderarbeiter ist die Hauptfigur des Meinhard ein Nachfahre jenes Helden, den Alan Ladd in „Mein großer Freund Shane“ verkörperte. Doch je besser wir ihn in der langsam aufgebauten und doch ruhelosen Erzählung kennenlernen, desto weniger erhaben wirkt sein Edelmut. Was ist dran am Erdig-Echten, das diesen angeblichen Irak-Veteranen der Bundeswehr umweht? Die sicheren Gesten, die intuitive Menschenkenntnis, die ihn leichthändig Sprachbarrieren überwinden lässt, wären auch gut für die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. In einem Ensemblespiel, das so dicht ist, dass kaum ein Klappmesser dazwischen passt, spielt Grisebach meisterhaft mit jenen Vorurteilen, ohne die kaum ein Western auskäme. Und deren elementare Werte heute im Populismus ein Comeback erleben.

Wie in der Feuerwehr-Gesellschaft von Grisebachs Vorgängerfilm „Sehnsucht“ geht es um Männerbünde und die Codes von Maskulinität. Nun erweitert sie diese schillernden Netze aus Aufnahme und Ausgrenzung um einen interessanten Außenblick auf Deutschland: An der Grenze zu Griechenland verbinden die Bulgaren offenbar noch Positives damit, wie die Nazis einmal mit den ungeliebten Nachbarn umsprangen. Da können sich die Arbeiter noch so proletenhaft aufführen und ein Fähnchen an ihr Lager knoten.

Nicht nur Grisebachs inszenatorischer Meisterleistung hat den missglückten Festivalauftakt bereits vergessen lassen. Wie kein zweites Festival gelingt es Cannes, in nur einem Tag mehr gute Filme aufzufahren als manche Berlinale. Um dabei denkbar unterschiedliche Stilarten zu präsentieren.

Der Russe Andrey Zvyagintsev vertieft in „Loveless“ noch einmal die Gesellschaftskritik, die er in Cannes vor drei Jahren mit „Leviathan“ angeschlagen hatte. Auf äußerer Ebene erzählt er von einem verschwunden Jungen, der offenbar seinen in Scheidung lebenden Eltern weggelaufen ist. Tatsächlich aber geht es um einen grundsätzlichen Werteverlust im Schatten einer scheinheiligen Pseudo-Religiosität.

Melodram mit omnipräsentem Symbolismus

Wie das Kind erfahren muss, haben es seine Eltern nur auf die Welt gebracht, um die Erwartungen eines radikal-orthodoxen Konzernchefs zu erfüllen. Und auch die neuen Liebesbeziehungen, die seine Eltern inzwischen eingegangen sind, haben materielle Hintergründe. Da von der Polizei keine Hilfe zu erwarten ist, sucht eine Bürgerbewegung nach dem Jungen, die in ihrer geradezu paramilitärischen Disziplin allerdings auch nicht gerade Hoffnung auf ein besseres Russland macht. Hochstilisiert, untermalt von den schweren Dissonanzen Arvo Pärts, leidet das tiefpessimistische Melodram freilich an seinem omnipräsenten Symbolismus.

Umso leichter erzählt der Amerikaner Todd Haynes in „Wonderstruck“ von einem ausgebüchsten Jungen, der 1977, nach dem Tod der Mutter, seinen Vater sucht. Parallel dazu entwickelt sich eine zweite kindliche Odyssee zu anderer Zeit: Fünfzig Jahre zuvor sucht ein gehörlose Mädchen nach seiner Mutter, einem gefeierten Stummfilmstar.

Haynes, der seinen ersten wichtigen Film „Superstar“ mit Barbiepuppen über die traurige Geschichte der Sängerin Karen Carpenter drehte, hat die Lust an Modellaufnahmen nicht verloren: Die schönsten Szenen spielen vor Papierarchitekturen, die an Fritz Langs „Metropolis“ erinnern. Weite Strecken des Films sind als Stummfilm inszeniert, meisterhaft fühlt sich der große Bildgestalter Ed Lachman in die historischen Filmstile ein. Einen Tag früher programmiert, wäre es der ideale Eröffnungsfilm dieses Cannes-Jahrgangs gewesen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum