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Cannes Das geraubte Glück der Ladendiebe

Am Ende finden in Cannes Kunst und Politik zusammen und Hirokazu Kore-eda erhält die Goldene Palme.

Cannes Film-Festival
Beste Schauspielerin und bester Schauspieler, Samal Yeslyamova und Marcello Fonte. Foto: afp

Was immer man über diese Festivalausgabe sagen konnte, am Ende waren alle Unstimmigkeiten passé. Der Ärger der Journalisten über die abgeschafften Previews und viele dann doch nicht so begehrenswerte Wettbewerbsbeiträge – das alles verblasste am letzten Abend wie auf der letzten Seite eines Asterix-Comics in ausgelassener Heiterkeit. Als sich die Türen des Lumière-Theaters nach der Preisverleihung öffneten, fetzten auf der roten Treppe der Rocker Sting und der Reggae-Star Shaggy gemeinsam den alten Police-Hit „Message in a Bottle“ herunter.

Die überraschten Preisträger, was blieb ihnen auch übrig, wippten dazu oder schunkelten, was immer sie beherrschten. Vor allem Spike Lee schien der Song zu gefallen: In seiner Agitprop-Krimi-Komödie „BlacKkKlansman“ war er seine eigene Botschaft zielsicher losgeworden. Alle Wut über den Rechtsruck von Trumps Amerika kanalisiert sein Film höchst unterhaltsam in klassenkämpferische Euphorie. Dafür gab es zwar keine Goldene Palme, aber immerhin den großen Jurypreis. Den Hauptpreis erhielt dafür ein klassisches Meisterwerk, originell und doch vollendet, das die Zeiten überdauern wird.

Der 55-jährige Japaner Hirokazu Kore-eda hat sich mit dem sozialkritischen Comedy-Drama „Shoplifters“ noch einmal selbst übertroffen. Warmherzig und doch völlig unsentimental führt er in die gebrochene Idylle einer rätselhaften Patchwork-Familie von Ladendieben, die ihr bescheidenes Glück jenseits der Gesetze findet. Kore-eda darf sich nun endgültig in einer Reihe mit den großen Meistern des japanischen Kinos sehen, mit Ozu, Naruse, Kurosawa, Oshima.

Auch die Favoritinnen wurden von der Jury nicht übersehen. Die Libanesin Nadine Labaki erhielt den „Preis der Jury“ für ihr etwas überorchestriertes, aber doch imponierendes Drama um ein Straßenkind, „Capharnaum“. Und Alice Rohrwacher konnte für den poetischen Realismus ihres märchenhaften Dramas über soziale Ungleichheit, „Lazzaro felice“, einen Drehbuchpreis entgegennehmen – geteilt allerdings mit Jafar Panahis iranischem Beitrag „Three Faces“.

Die männliche Dominanz im Aufgebot hatte das Festival gerade in Zeiten der #MeToo-Debatte in Erklärungsnot gebracht, mit einem Paukenschlag holte es das Thema nun in die Gala. Völlig unerwartet wurde die Schauspielerin Asia Argento angekündigt, die ohne Umschweife in Erinnerung rief, dass sie 1997 in Cannes von Harvey Weinstein vergewaltigt worden sei. „Dieses Festival war sein Jagdrevier. Auch heute sitzen Menschen unter uns, die noch zur Verantwortung gezogen werden müssen. Wir lassen euch nicht davonkommen.“ Keine Moderation hätte den Ernst dieses Statements abfedern können, und so verhallte der Schock kommentarlos im Saal in einem Augenblick von gespenstischer Eindringlichkeit.

Jurypräsidentin Cate Blanchett fuhr fort mit einer in den meisten Fällen überaus geschmackssicheren Preisvergabe. Ein besonderer Coup war die erstmals vergebene Sonderausgabe der Goldenen Palme für Altmeister Jean-Luc Godard und seinen Essayfilm „Le livre d’image“. Erst am Schluss wird man bemerken, dass ein Kritikerfavorit der zweiten Wettbewerbshälfte leer ausging: In seinem Zweieinhalbstundenfilm „Burning“ führt der Koreaner Lee Chang-Dong in die Innenwelt eines jungen Autors, doch es bleibt dem Zuschauer überlassen, Realität und Obsessionen zu unterscheiden. In hypnotischer Langsamkeit erzählt, nimmt der Film doch in jedem Augenblick gefangen – und erweist sich am Ende in seiner Bescheidenheit als würdiger Nachfolger der Klassiker „Vertigo“ und „Shining“.

Ungekrönt ging auch der türkische Meisterregisseur Nuri Bilge Ceylan aus dem Rennen, der mit seinem letzten Film „Winterschlaf“ 2014 das Festival gewonnen hatte, und der nun den Wettbewerb beendete. „Ahlat Agaci“, („Der wilde Pfirsichbaum“), das ist ein Titel wie von Abbas Kiarostami, und wie der verstorbene Iraner beherrscht es Ceylan, das was man früher die menschliche Befindlichkeit nannte, in tschechowsche Dialogkunst und betörende Bilder einzufassen. Es sind Zeitbilder, bei denen man sicher sein kann, dass sie die Gegenwart, die sie behandeln, überdauern – gerade weil sie sich so oft der Deutlichkeit entziehen.

Diese Verweigerung politischer Aussagen ist diesmal mitunter schmerzhaft, denn das Vater-Sohn-Drama um einen Schullehrer und einen angehenden Schriftsteller führt mitten ins reaktionäre Herz der Ära Erdogan. Meinte man es böse mit Ceylans Film, dann könnte man diese Intellektuellen im Abseits der Gesellschaft in Erdogan-Manier als Leidtragende ihrer eigenen westlicher Dekadenz verstehen. Doch dafür hat Ceylan viel zu viel Sympathie mit ihren Fehlern, der Spielsucht des Vaters, der Sozialphobie des Sohnes. Es wäre schade, wenn dieser wichtige Film über den Glanz der Preisverleihung und ihrer imponierenden Jurypräsidentin übersehen würde.

Cate Blanchett, die zur Eröffnung ein Zeichen für Nachhaltigkeit gesetzt hatte, indem sie eine Armani-Robe wieder auftrug, die sie schon 2014 bei den Golden Globes getragen hatte, strahlte nun in Alexander McQueen: Aus einem Smoking entwickelt, beeindruckte ihr Kleid vor allem mit einer riesigen roten Schleife, die am Rücken angebracht war. Darin wirkte sie zwar wie ein zum Flug ansetzender Marienkäfer, agierte aber derart herrschaftlich, dass niemand mehr daran dachte, dass am selben Tag anderswo auch eine königliche Hochzeit gefeiert wurde. Nach dem Abspann konnten ihr die französischen Fernsehzuschauer dann gleich noch einmal jenseits der Kunst begegnen – in einem Werbespot für Giorgio Armani.

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