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Cannes Almodóvar und Jarmusch enttäuschen

Nebenwerke von den Meistern: Die beiden Regisseure Pedro Almodóvar und Jim Jarmusch können die Fans bei den Festspielen in Cannes nicht überzeugen.

Adriana Ugarte (l.) and Rossy de Palma in „Julieta“, dem neuen, in Spanien bereits angelaufenen Film von Pedro Almodóvar. Foto: dpa

Hätte ich einen Sohn, der Filmkritiker werden wollte, wäre meine Erziehung gescheitert“, sagte Pedro Almodóvar einmal. Nun, der spanische Filmemacher hat keine Kinder, die er in einem solchen Fall verstoßen könnte. Sein neuer Film „Julieta“ erzählt dagegen von einer Tochter, die ihre Mutter als Teenager verlässt und dreizehn Jahre kein Wort mehr von sich hören lässt. Almodóvar verdanken wir herrlich anarchische Komödien, anrührende Melodramen und in den letzten Jahren eine Reihe verschachtelter Mystery-Thriller auf den Spuren Hitchcocks. „Julieta“ gehört zur letzten Kategorie, aber man hat den Eindruck, dieser ganz auf die Hauptdarstellerinnen Adriana Ugarte und Emma Suárez zugeschnittene Wettbewerbsbeitrag wäre lieber ein emotionales Melodram geworden wie „Alles über meine Mutter“.

Doch so, wie sich Amodóvars letzter Film, die albern-luftige Komödie „Fliegende Liebende“, beharrlich weigerte, lustig zu sein, mag uns „Julieta“ überhaupt nicht rühren. Irgendein Teufel sitzt Almodóvar im Nacken, der ihn beharrlich die emotionale Handbremse festhalten lässt. Dabei entspinnt sich die in Rückblenden erzählte Geschichte denkbar elegant während einer nächtlichen Zugfahrt. Hitchcocks Filme „Der Fremde im Zug“ und „Eine Dame verschwindet“ standen sichtlich Pate bei diesem Schaustück, das die Protagonistin vor einem lästigen Abteilgenossen in den Speisewagen flüchten lässt. Hier lernt sie den Fischer Xoan kennen, es ist Liebe auf den ersten Blick. Als der Zug freilich jäh zum Halten kommt, legt sich ein Schatten auf das frische Glück: Der ältere Mann, der sich mit ihr hatte unterhalten wollen, hat Selbstmord begangen.

Daraus entwickelt die empfindsame Julieta einen Schuldkomplex, der sich wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung durch ihr Leben zieht. Als nach einem Streit das Boot des Geliebten in einem Sturm versinkt, fühlt sie sich schuldig, ebenso am unvermittelten Verlust ihrer Tochter, die sich auf Nimmerwiedersehen einer Sekte anschließt.

„Ich habe in meinen Filmen viele Mütter gezeigt“, sagte Almodóvar in Cannes, „doch es waren sämtlich starke Frauen. Diese hier schleicht am Ende wie ein Zombie durch den Film.“ Immerhin erlaubt ihr die über drei Jahrzehnte erzählte Geschichte, dabei durch typische Almodóvar-Kulissen zu schleichen: Eine von der Tochter geliebte, herrlich scheußliche 70er-Jahre-Tapete überlebt dabei mehrere buntfarbige Renovierungen. Mehr als eine dekorative Funktion misst der Filmemacher leider auch einer Nebenrolle nicht zu, die er seiner Veteranin Rossy de Palma auf den Leib schrieb: Als rätselhafte Freundin des Geliebten bringt die Trägerin der vielleicht berühmtesten Nase Spaniens nicht mehr als eine falsche Fährte in das Drama.

Die Adaption gleich dreier Kurzgeschichten der Kanadierin Alice Munro ist auf imponierend ehrgeizige Art gescheitert: Es ist wohl einfacher, den Ausdruck von Gefühl im Kino darzustellen als Leid im Zustand der Verdrängung. Aber es wäre wohl auch einfacher gewesen, die Rolle nicht noch auf zwei überforderte Darstellerinnen zu verteilen.

Für einen Kunstgriff konnte man die Aufnahme von „Julieta“ in den Wettbewerb schon vor Beginn des Festivals nicht halten – bereits seit einem Monat läuft der Film in spanischen Kinos, wo Almodóvar freilich durch eine Medienenthüllung mehr Aufmerksamkeit erfuhr: Gemeinsam mit seinem Bruder taucht er in den „Panama Papers“ auf. „Wenn das ein Mysterium sein soll, müsste man das erst mal recherchieren“, reagierte der Filmemacher am Dienstag verschnupft auf eine Journalistenfrage. „In einem Film würden unsere Namen nicht einmal im Abspann stehen, wir sind nicht einmal Statisten in dieser Geschichte, was unsere Rolle darin angeht.“ Anders als seine Filmfigur Julieta leidet Pedro Almodóvar wenigstens nicht an Schuldgefühlen.

Auch dem Übeltäter in Jim Jarmuschs Festivalbeitrag „Paterson“ ist mit Moral nicht beizukommen. Eine knautschige Dogge verspeist in einem einsamen Augenblick das Gesamtwerk eines dichtenden Busfahrers, der mit der Stadt, in der er lebt, nicht nur den Namen teilt: Paterson, New Jersey, ist der Titel des Hauptwerk seines Lieblingsdichters William Carlos Williams. Und wie dieser große Modernist in seinen Gedichten findet Paterson in der von einem imposanten Wasserfall gekrönten Industriestadt magische Alltäglichkeiten.

Star-Wars-Jungstar Adam Driver spielt ihn mit der vielsagenden Versonnenheit eines Studenten in Method Acting. So vielfarbig Patersons Gedichte sind, so monochrom sind die Vorlieben seiner geliebten Laura (Golshifteh Farahani), einer Hobbykünstlerin, die alles schwarz und weiß anmalt.

Wie Jarmuschs musikalischer Vampir in „Only Lovers Left Alive“ findet das Paar sein Glück in privater Kunstausübung ohne öffentliche Beachtung. Angesichts der Pest von Superstar-Wettbewerben kann man diese Botschaft nicht genug preisen – selbst wenn sie ironischerweise in der Konkurrenz um eine Goldene Palme vorgetragen wird.

Leider wirkt dieses Plädoyer für künstlerische Unabhängigkeit lediglich beim männlichen Protagonisten überzeugend. Der Liebe der jungen Frau zu Cupcakes mit Streifenmustern haftet etwas leicht Herablassendes an, das ihren ultimativen Ausdruck findet, wenn sich beide einen Filmklassiker ansehen: „Ich mochte, dass es schwarz-weiß ist“, sagt sie glücklich, und Paterson gibt ihr wie immer recht. Wir mochten Jarmusch auch lieber, als er schwarz-weiß war.

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