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„Call Me by Your Name“ Zimmer mit Aussicht

Schon jetzt ein Klassiker des Coming-of-Age-Films: der Oscar-Anwärter „Call Me by Your Name“ von Luca Guadagnino.

Sene aus "Call Me by Your Name"
Für Elio, Timothée Chalamet, bekommt ein Besuch aus den USA eine ganz andere Bedeutung. Foto: epd

Wer sich in dieser Woche vor den anstehenden Wahlen in Italien sorgenvoll bei dortigen Bekannten umhört, kann ihn wieder mal erleben: diesen Ausdruck nobler Schicksalsergebenheit, eine intellektuelle Errungenschaft mit langer Tradition. Eingeklemmt zwischen Fünf Sternen und dem auferstandenen Berlusconi, steht die Vernunft wieder einmal auf verlorenem Posten. Ja, was soll man da noch sagen? 

Vorbild an intellektueller Schärfe

Da tut es gut, einen italienischen Film zu sehen, der aussieht, als käme er zu uns aus besseren Tagen – als wenigstens „il cinema“ noch verlässlich Freude machte. „Irgendwo in Norditalien“ steht über den ersten Bildern, die uns ins Jahr 1983 führen. Genaueres erfahren wir zunächst nicht über den idyllischen Standort der in Würde verfallenden Sommerresidenz eines Archäologen-Ehepaars und seines 17-jährigen Sohns. Aber die Lombardei hat eine rührige regionale Filmförderung, und lange dauert es nicht, bis sich die Landschaften rund um Bergamo in den schönsten Farben zu erkennen geben. Jedes Jahr lädt sich der Professor einen Assistenten ein, doch was für den heranwachsenden Elio (Timothée Chalamet) bislang eine lästige Beeinträchtigung des Familienlebens war, bekommt diesmal eine ganz andere Bedeutung. 

Der amerikanische Gast namens Oliver (Armie Hammer) ist ein Vorbild an intellektueller Schärfe, beeindruckender noch aber ist die Coolness, die ihn auf Frauen wie auf Männer wirken lässt. „Unser Haus ist Ihr Haus“, sagt der Professor einladend, und Elio ergänzt säuerlich: „Mein Zimmer ist Ihr Zimmer“, denn das muss er jährlich für sechs Wochen räumen. Doch dies ist ein Coming-of-Age-Film, schon das Plakat zeigt beide Männer in einer dynamischen Umarmung. Bald teilt Elio mit Oliver nicht nur sein Zimmer. „Call Me by Your Name“: Das Anreden des anderen mit dem eigenen Namen wird zum heimlichen Markenzeichen ihrer Intimität.

Diesen Handlungsverlauf vorhersehbar zu finden, ist also keine Kunst; der Film hält, was er verspricht. Und doch macht er es sich alles andere als einfach, indem er in eine Zeit führt, als Homosexualität insbesondere in der italienischen Provinz vorsichtig ausgedrückt kein Thema war. Auch Elio, der parallel zu seiner wachsenden Zuneigung zu Oliver sein „erstes Mal“ mit einer Jugendfreundin erlebt, ist von seinen Gefühlen einigermaßen überrascht. Doch die Gegenwart der Antike im Akademikerhaushalt hat ihn auf das Offenbarwerden seiner Neigung dann doch vorbereitet. 

Es ist diese spezielle Sozialisierung, um die ihn sein amerikanischer Freund geradezu beneidet. Die intellektuelle Bewunderung des mehr als zehn Jahre Älteren für den Teenager überwindet so das Disproportionale dieser Beziehung. Und wie sich später in der Geschichte herausstellt, beneidet sogar der Vater seinen Sohn für die Selbstverständlichkeit, mit der sich dieser traut, zu sich selbst zu finden.

Lange Einstellungen, in denen kleine Wunder geschehen

Kein Geringerer als der fast 90-jährige James Ivory hat das Oscar-nominierte Drehbuch nach dem Roman von André Aciman geschrieben, und über weite Strecken lässt Regisseur Luca Guadagnino seinen Film aussehen wie Ivorys toskanischen Klassiker „Zimmer mit Aussicht“. 132 Minuten lässt er sich Zeit für lange Einstellungen, in denen kleine Wunder geschehen, eingefangen auf echtem 35mm-Filmmaterial. Allein die Schlusseinstellung, eine Porträtaufnahme des einsamen Elio, ist ein Kunstwerk in sich selbst. 

So schönheitsverliebt dieser Film ist, verzichtet er zugleich auf äußerliche Ästhetisierungen. Anders als etwa Bertoluccis Landhausfilm „Stealing Beauty“ vermeidet er Postkartenidyllen, obwohl sein Sujet förmlich danach drängt. 

Auch den Bezug zur Antike hätte man nicht unaufdringlicher hineinbringen können. Eine zentrale Szene lässt den Professor den Fund einer klassizistischen Bronze-Statue bestaunen, die aus einem gesunkenen Schiff geborgen wird. Regisseur Guadagnino scheint sich in diesem plötzlichen Einbruch von Erhabenheit an der Pompeji-Episode von Roberto Rossellinis Klassiker „Reise in Italien“ orientiert zu haben. 

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