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„Born to be Blue“ Improvisation ist Wahrheit

Ethan Hawke verkörpert die selbstzerstörerische Persönlichkeit des großen Jazztrompeters Chet Baker in Robert Budreaus „Born to Be Blue“.

Born to be Blue
Sie schauen sich in die Augen: Ethan Hawke als Chet Baker und Carmen Ejogo. Foto: Alamode Film

„Ich bin definitiv ein Romantiker“, sagte Chet Baker einmal. „Ich glaube nicht, dass das Leben all die Schmerzen und Mühen und Anstrengungen wert ist ohne jemanden, den man liebt.“ So gesehen ist das Biopic über den großen Trompeter schon fast geschrieben; fehlte nur noch das passende „love interest“ für die Liebesgeschichte. Die Trompete, von einem Louis Armstrong gern in diese Rolle erhoben, taugt schon einmal nicht: Dafür trug der Protagonist des West Coast Swing seine Instrumente einfach zu oft ins Pfandhaus, wenn er sie nicht sonst irgendwo verlor.

Wundern wir uns also nicht, wenn Regisseur und Autor Robert Budreau für seinen Film erfunden hat, was auf Bakers Plattenhüllen gleich mehrfach ins Auge springt: das richtige Covergirl. Auch der ganze Handlungsstrang, der die richtige Frau in sein Leben weht, ist erfunden, das aber wenigstens nicht schlecht.

In der dreckigen Ausnüchterungszelle, wo der Film um 1954 beginnt, bekommt ein junger Mann Besuch aus Hollywood. Auch unter schlechten Lebensumständen sieht Baker offensichtlich noch gut genug aus, um ihm eine Hauptrolle in einem kleinen Jazzfilm anzutragen. Natürlich ist mit dem heroinabhängigen Musiker kein Drehplan einzuhalten, und so bleibt der „Film im Film“, der gleich darauf zu sehen ist, unvollendet.

Doch es reicht, um stilvoll in Schwarzweiß zu schwelgen und dabei den Look von William Claxtons berühmten Porträtfotos in den Film zu tragen. Und es ist eine gute Möglichkeit, eine zweite Protagonistin in Bakers Leben zu schicken: Seine Filmpartnerin Jane (Carmen Ejogo) hält ihm auch nach Drehschluss die Treue und schafft es gar, ihn wenigstens vorübergehend von der Nadel fernzuhalten.

Dass der junge Baker im wirklichen Leben noch besser aussah als in diesem Film, darf man seinem Darsteller, Ethan Hawke, nicht übelnehmen. Er ist schlicht zwei Jahrzehnte zu alt für den Mittzwanzigjährigen zu Beginn der Geschichte. Vielleicht ist das aber auch gerade gut. „Born to Be Blue“, dieser kleine Film, der schon vor zwei Jahren in den USA gelaufen ist und Fans längst von DVDs oder aus dem Internet geläufig, hat seine Stärken in der Abkehr von der Geschichte. So wie echter Jazz erst dann beginnt, wenn keiner mehr vom Blatt spielt, findet er sein Glück gewissermaßen neben der historischen Wahrheit.

Es spielt keine Rolle, dass Chet Baker, abgesehen von einer kleinen Rolle im Kriegsfilm „Hell’s Horizon“, nie in Hollywood agiert hat. Der Film, den man im Film zu sehen glaubt, könnte schließlich genauso ausgesehen haben: Er ist eine Mischung aus Robert Franks Kurzfilm „Pull My Daisy“ (1959) und John Cassavetes’ zu Unrecht vergessenem Jazzfilm „Too Late Blues“ (1961). Dieser falsche Hollywoodbezug gibt genau die richtige Stimmung vor, denn um diesen Kontrast geht es ja immer bei einem Chet-Baker-Porträt: Die kalifornische Leichtigkeit gebrochen an der Schwere eines gelebten Blues, der gleichwohl ohne Expression und Kraftanstrengung auftreten möchte – und dem schließlich buchstäblich die Luft wegbleibt.

Denn die zweite, grausamere Geschichte, die der Film erzählt, ist tatsächlich passiert: 1966 wurde Baker Opfer einer Schlägerei, auch wenn unklar ist, wie weit diese seinen Kiefer beschädigte. Jedenfalls wurden ihm bald darauf sämtliche Zähne gezogen; parallel zu seinem Drogenentzug musste sich Baker auch als Trompeter qualvoll neu erfinden. Von all dem erzählte bereits Bruce Weber in seinem künstlerischen Dokumentarfilm „Let’s Get Lost“, einer der besten Jazzfilme überhaupt. Doch es wäre ungerecht, deswegen diesen Film zu schmähen.

Man muss schon den Jazz und das Kino lieben, um sich überhaupt an etwas zu versuchen, das so viele große Vorbilder hat – Bertrand Taverniers impressionistisches Juwel „Round Midnight“ oder Clint Eastwoods monumentale Charlie-Parker-Biographie „Bird“. Der Kanadier Robert Budreau ist ein ausgewiesener Kurzfilm-Spezialist, eine Gattung, bei der jede Sekunde zählt.

So hat er seinem Film ein ausgeklügeltes Timing gegeben. Das Einzige, was man ihm zusätzlich wünschte, wäre noch etwas mehr Abstand vom falschen Anspruch fotografischer Ähnlichkeit: Die Mini-Auftritte von Miles Davis (Kedar Brown) und Dizzy Gillespie (Kevin Hanchard) wirken in ihrer Verkürzung gerade deshalb unecht, weil sie – anders als Ethan Hawkes Hauptfigur – nach Ähnlichkeit schielen.

Tatsächlich liegt die Wahrheit bekanntlich selten in den Extremen, oder wie es Chet Baker gerne sagte: „Die meisten Leute interessieren sich nur dafür: Wie schnell man spielt, wie hoch man spielt oder wie laut man spielt.“ Es wäre leicht gewesen, ein Biopic über dieses tragische Leben an diese Extreme zu führen. Dies ist glücklicherweise die coole Variante.

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