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Blancanieves Wie man den Stummfilm wachküsst

Weit origineller als „The Artist“ ist Pablo Bergers wortloser Märchenfilm „Blancanieves“, der die beste Kinopantomime seit Charlie Chaplin enthält.

Auch uns wird das Lächeln vergehen. Carmen, Macarena Garcia. Foto: dpa

Weit origineller als „The Artist“ ist Pablo Bergers wortloser Märchenfilm „Blancanieves“, der die beste Kinopantomime seit Charlie Chaplin enthält.

Als Lillian Gish, die große alte Dame des frühen Hollywood, ihrer jüngeren Kollegin Jeanne Moreau ein Interview gab, war sie sich sicher: „Etwas so Schönes wie der Stummfilm kann nicht sterben. Ich bin sicher, er kommt zurück.“ Auch wenn diese Königin des Schweigens es nicht mehr erlebt hat: Recht hat sie behalten. Nach dem Oscargewinner „The Artist“ und Miguel Gomez’ betörendem Kunstfilm „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ denkt das nur scheinbar vergangene, tatsächlich aber zeitlose Bilderkino einfach nicht daran, den einzigen Fehler zu wiederholen, den es jemals machte: In all seiner Stille abzutreten, als der Tonfilm kam.

In Spanien gewann der aus Bilbao stammende Filmemacher Pablo Berger im vergangenen Jahr zehn der nationalen Goya-Filmpreise für „Blancanieves“ – einen tiefschwarzen Märchenfilm, der nicht nur den Meisterregisseuren der zwanziger Jahre auf Augenhöhe begegnet. Auch die Brüder Grimm könnten sich freuen über eine wirklich herzzerreißende Variante ihres vielleicht am häufigsten nacherzählten Märchens, das sie in ihrer Sammlung einst an 52. Stelle druckten – „Schneewittchen“.

Was für eine Idee, die schwarzhaarige Schönheit als Tochter eines Stierkämpfers im Spanien um 1910 auferstehen zu lassen. Doch den bewunderten Matador (Miguel Giménez Cacho) erwartet ein tragisches Schicksal. Gelähmt trägt man ihn aus der gewaltigen Arena von Sevilla, die Regisseur Berger aussehen lässt wie in einem nie gedrehten Film von Luis Buñuel: Mal erscheint das Rund wie ein riesiges Auge, das ins Jenseits blickt, mal wie die endlose Wüste, in der Buñuels Einsiedler Simon die Nähe Gottes suchte.

Im Weiß wirkt die moralische Finsternis beklemmender

Als die Frau des Toreros im Kindbett stirbt, wächst dessen Tochter Carmen (Macarena Garcia) bei der Großmutter auf. Als die wahre Carmen erweist sich freilich später seine zweite Frau Encarna (Maribel Verdu), die ehemalige Krankenschwester, die das Mädchen zurück ins Haus des Vaters holt – freilich nur, um ihm die Rolle eines Aschenputtels zuzuweisen. Dennoch kann es sich immer wieder zum gelähmten Vater schleichen, der ihm sein Wissen um die Kunst des Stierkampfs weitergibt.

Im Weiß des Herrenhauses wirkt die moralische Finsternis umso beklemmender. Zwar erspart uns Berger den Augenblick, in dem der Vater durch Encarnas Hand den Tod findet – doch nur um eine der erstaunlichsten Todesdarstellungen der Kinogeschichte folgen zu lassen: In einer gespenstischen Zeremonie hat man den toten Matador in seiner besten Uniform auf ein Sofa gesetzt, wo sich die Trauergäste mit ihm wie mit einer Puppe fotografieren lassen dürfen. „¡¡Sonría!!“, „Bitte lächeln“, befiehlt der Fotograf in einem der sparsam eingesetzten Zwischentitel.

Meint er damit am Ende uns, das Publikum? Das Lächeln vergeht uns. Voller Bewunderung zugleich für eine Regie, die das Geheimnis des Stummfilms wirklich versteht. Es ist wie die Umkehr jener klassischen Fotografenszene in Friedrich Wilhelm Murnaus Meisterwerk „Sunrise“: Doch wurde dort vor der Linse einer Kamera eine verlorene Liebe wieder lebendig. Hier nun wird der Tod in aller Endgültigkeit bestätigt. Doch wir sind gerade erst in der Mitte der Geschichte.

Der Chauffeur soll die Stieftochter ertränken

Die sadistische Stiefmutter braucht keinen Zauberspiegel, um sich von der Schönheit des Teenagers Carmen bedroht zu fühlen. Der Chauffeur soll sie ertränken, doch der Plan misslingt. Unverhoffte Rettung kommt von einer Truppe kleinwüchsiger Toreros, welche die halbtote Carmen aus einem Waldsee ziehen. Und dem künftigen Star der Truppe einen neuen Namen geben: „Blancanieves“ – Schneewittchen.

Auch wenn der Film dann zurückkehrt zum Schauplatz seines Anfangs, der grandiosen Arena von Sevilla, bleibt das Happy End in weiter Ferne. Wer ein Märchen so kunstvoll variiert hat wie Berger, wird jetzt nicht plötzlich damit anfangen, geradlinig ein glückliches Finale anzusteuern. Es ist nicht ganz ohne Ironie, dass uns die romantische Traurigkeit am Ende dieses Films gerade in dieser Woche begegnet – wo uns Disney gerade mit einer um alle Schaurigkeit bereinigten Version von Andersens „Schneekönigin“ überrascht.

Endlich ist der Stummfilm wieder dort angekommen, wo ihn der Lauf der Zeit im Jahre 1929 stehen ließ: Als jene Kunstform, in der Realität und Phantastik nur von einem Steinwurf getrennt sind und sich Tragik und Komik wahrhaft chaplinesk ergänzen. So unterhaltsam sich Michel Hazanavicius für „The Artist“ am wirkungssicheren Humor eines Harold Lloyd orientierte und ihn um melodramatische Motive aus Hollywoods späteren Selbstbespiegelungen „A Star is Born“ und „Singin’ in the Rain“ ergänzte, war seine Komödie doch vor allem eines: „retro“. Auf virtuose Weise stilsicher, aber durchweg aus zweiter Hand. Was für ein Unterschied: „The Artist“ verliert einen Gutteil seines Glanzes augenblicklich, wenn man ihn nur einmal zusammen mit einem „echten“ Meisterwerk der zwanziger Jahre vorführt, ein Kurzfilm mit Charley Chase oder Laurel und Hardy dürfte für das Experiment schon genügen.

Mit „Blancanieves“ wird das nicht passieren. Es ist der weit originellere Film, der trotz vieler Zitate keinem gleicht, den es schon gibt. Sicher: Da ist, weithin sichtbar, Ernst Lubitsch mit seiner „Carmen“ Pola Negri. Und immer wieder kommt einem Tod Browning in den Sinn, der Regisseur der Gruselfilme mit Lon Chaney und des frühen Tonfilms „Freaks“. Doch Berger geht es nicht um die Verbeugung vor den Meistern, er entwickelt ihre Kunstform weiter. Ein wenig wie der Kanadier Guy Maddin, doch weniger verspielt und dafür in kunstvoller Vollkommenheit.

Denn vielleicht ist der Stummfilm selbst ja ein Schneewittchen: Bewundert in seinem gläsernen Sarg, wartete er nur darauf, dass man ihn endlich wachküsst.

Blancanieves. Spanien 2012. Regie: Pablo Berger. 107 Min.

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