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„Black Panther“ Der große Rollentausch

„Black Panther“ lässt afrikanische Kinobesucher über schwarze Helden jubeln, auf die sie viel zu lange warten mussten. Damit hatten die Produzenten nicht gerechnet.

Szene aus "Black Panther"
Neue Heldinnen-Genealogie: „Black Panther“ mit Angela Bassett, hinten Letitia Wright als Shuri. Foto: Marvel Studios 2018

Einen ähnlichen Hype hat es in Afrika seit der Wahl Barack Obamas nicht mehr gegeben: Kenianer ziehen sich ihren traditionellen Sonntagsstaat an und gehen am Montag ins Kino – nur um festzustellen, dass dieses längst ausgebucht ist. Im südafrikanischen Johannesburg ist für „Black Panther“ vier Tage lang kein Sitz im Kino zu kriegen: Und das mitten in der Strukturkrise der hiesigen Lichtspielhäuser, die eine Reservierung von Karten längst obsolet gemacht hat. Doch die „Black Panther“-Premiere ist alles andere als ein gewöhnliches Kino-Ereignis: Sie ist die Feier eines über Jahrhunderte geschundenen Selbstbewusstseins, das sich allmählich – aber energisch – regeneriert. Der kollektiven afrikanischen Identität wurde Zugang zum kommerziellen kulturellen Olymp der westlich-weißen Überlegenheit gewährt: Aschenputtel ist zur Schlossbewohnerin geworden.

Schon nach wenigen Tagen ist „Black Panther“ in Afrika zum Kultfilm geworden. In den sozialen Netzwerken werden Bilder von strahlenden Kinogängern ausgetauscht, die in ihren afrikanischen Outfits vor dem Filmplakat posieren: „Ich habe mich noch nie so stolz gefühlt“, schreibt eine Nigerianerin auf Twitter. Zeitungen in Nairobi, Lagos oder Johannesburg drohen vor euphorischen Besprechungen zu bersten. Ein findiger Netzwerker beschreibt, wo man den Film in Malawi umsonst im Schaufenster eines Elektronikhändlers sehen kann. Und eine gewisse Nesharenai klagt, sie habe ihr benutztes Ticket verloren: „Dabei wollte ich es doch laminieren!“ Wakanda forever.

Die afrikanische Euphorie hat gute Gründe. Erstmals seit der Geburt des Schwarzen Panthers als Comicfigur vor mehr als einem halben Jahrhundert hat Disney den Mut aufgebracht, den dunkelhäutigen Supermann zur Hauptfigur eines Heroen-Epos zu machen. Und nicht nur das: Marvel hat mit Ryan Coogler erstmals einen afro-amerikanischen Regisseur beauftragt. Bei der Ausstattung der Protagonisten bediente sich Kostümbildnerin Ruth Carter des derzeit in Afrika trendigen Afro-Futurismus. Ein beachtlicher Teil der Besetzung stammt wie Lupita Nyong’o oder John Kani tatsächlich vom Mutter-Kontinent. Und der Phantasiestaat Wakanda wird ausnahmsweise nicht als afrikanisches „Shithole“, sondern als technologisch überlegene Nation porträtiert. Nicht zuletzt darf König T’Chaka sogar kurz in einer afrikanischen Sprache, Xhosa, sprechen – bisher ein Tabu in Hollywood-Produktionen.

Afrikanische Zuschauer, die es gewöhnt sind, sich im Kino mit dunkelhäutigen Bösewichtern oder armseligen Nebendarstellern identifizieren zu müssen, fühlen sich plötzlich im Zentrum des heldenhaften Geschehens. Wenn sich Prinzessin Shuri mit den Worten „schon wieder ein weißer Junge, den wir zusammenflicken müssen“ an die Behandlung eines CIA-Agenten macht, schütteln sich die Zuschauer vor Lachen: Zu komisch die Vertauschung der Rollen. „Jag’ mir keine Angst ein, Kolonialist“, stichelt Shuri an anderer Stelle – Schauspielerin Letitia Wright als Schwester T’Challas, des Panthers, ist der heimliche Star des Epos: Als geniale schwarze Hitech-Tüftlerin stellt sie gleich drei Klischees auf einmal auf den Kopf.

Disney hat seinem Experiment offenbar selbst nicht richtig vertraut: Keiner der weißen Chefproduzenten rechnete mit dem gigantischen Einspielerfolg des „Black Panther“. Was sie dem Vernehmen nach am meisten überraschte: Dass das unkonventionelle Epos auch im Ausland Rekorde einspielt – jenseits seiner Zielgruppe, den Afro-Amerikanern. In Hollywood denkt man jetzt selbstverständlich über Folgen des Kassenschlagers nach, und in Afrika wird der cinematografische Meilenstein nach Auffassung von Kritikern für lange Zeit die Filmszene prägen.

„Black Panther“ ist allerdings mehr als nur der Anfang eines kinogeschichtlichen Trends: Er ist das mitreißende Manifest einer Menschengruppe, die sich ihre Würde zurückerobert.

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