Lade Inhalte...

Biografie Nichts Neues über Hitler

Tunichtgut, Mörder, Biedermann: Der Film „Wer war Hitler“ von Hermann Pölking ist eine ganz normale Biografie.

Filmeszene aus "Wer war Hitler"
Hitler im Teehaus am Mooslahnerkopf im Führersperrgebiet Obersalzberg: Aufnahme aus dem Film „Wer war Hitler“. Foto: Edition Salzgeber/dpa

Es gibt zwei Versionen des Films: eine Kino- und eine Festivalfassung. Letztere besteht aus drei Teilen und umfasst 460 Minuten. Erstere dauert 196 Minuten und ist von Donnerstag an im Kino zu sehen. „Wer war Hitler“ – ohne Fragezeichen – ist der Titel des Films. Regisseur ist Hermann Pölking. Am Freitag stellt er sein im Bebra-Verlag erschienenes gleichnamiges Buch in Braunau am Inn vor. So viel Sinn für Geschichte muss sein bei einem Autor, der mir vor allem als Publizist von Büchern über Ostpreußen und das Memelland in Erinnerung ist.

Ich kenne die Festivalfassung nicht. Die Kinoversion kenne ich nur bis zum Einmarsch in Österreich. Ich habe nach knapp 90 Minuten aufgehört, mir den Film anzusehen. Ich hatte nichts gehört, das ich nicht schon kannte, und alles so, wie ich es schon hundertmal gehört hatte.

Nein, das stimmt nicht. Der Anfang war großartig, versprach einen anderen Blick auf die alte Geschichte. Der Film beginnt mit Australien und Neuseeland. Mit dem Einsatz der Maoris in der Schlacht um Monte Cassino. Hätte Pölking diese Perspektive beibehalten – es wäre ein Blick von außen auf Hitler, auf Deutschland, auf Europa geworden. Man hätte eine Ahnung bekommen können von einer globalen Konstellation, die ja nicht erst das Ergebnis von Hitlers Krieg gewesen war, sondern die auch schon Hitler selbst hervorgebracht hatte. Aber nein, nach wenigen Minuten ist Schluss mit diesem Perspektivwechsel und die Welt des 20. Jahrhunderts wird wieder von Deutschland aus betrachtet statt umgekehrt.

Eine ganz normale, hübsch chronologische Hitler-Biografie

Was folgt, ist eine ganz normale, hübsch chronologische Hitler-Biografie. Mit Texten aus Hitlers „Mein Kampf“, aus Reden, aus Äußerungen von Freunden, Feinden, Zeitgenossen. Kaum – oder sind es gar keine? – O-Töne. Weit mehr als einhundert Sprecher übernehmen die Rollen von Hitler, Goebbels, Churchill, Speer usw. Lang- wie Kurzfassung verzichten weitgehend auf Kommentare.

Für den Film wurden in 120 Archiven in 14 Ländern Quellen ausgewertet, 850 Stunden Film gesichtet. Herausgekommen ist ein imponierender Kraftakt. Wenn ich sage, der Film teile mir nichts Neues mit, dann ist das wahr. Und es ist eine schreckliche Wahrheit, denn am Ende hat ein Berg gekreißt und eine Maus geboren. Eine Riesenmaus, aber nur eine Maus. Ein Berg von Bildern, viele neue dabei, aber nichts Neues.

Es werden keine Fragen gestellt

Der Film ist keine Antwort auf die Frage „Wer war Hitler“. Schließlich ist der Titel ja nicht als Frage gemeint. Er gliedert sich in 14 Kapitel, deren Überschriften 14 Antworten auf die nicht gestellte Frage bieten: „Ein Tunichtgut“, „Ein Gefreiter“, „Ein Volksredner“, „Ein Revolutionär“, „Ein Parteiführer“, „Ein Wahlkämpfer“, „Ein Mörder“, „Der Führer“, „Ein Biedermann“, „Ein Brandstifter“, „Ein Feldherr“, „Ein Massenmörder“, „Ein Kriegsverbrecher“, „Ein Selbstmörder“. Mit anderen Worten, es wird ein Leben erzählt. Es werden keine Fragen gestellt, sondern die bekannten Antworten in die Länge gezogen und aufwendig illustriert. Der Biedermann Hitler ist übrigens der der Jahre 1934 –1938! Wer an Filmmaterial der Zeit interessiert ist, der kann schwelgen. Man sieht blonde Paare hübsch tanzen. Man sieht die Großen und die Kleinen. Man sieht Aufmärsche und alles, das man auch kennt und sehr, sehr vieles, das man nicht kennt. Hermann Pölking erklärt: „In diesem Film arbeite ich zu mehr als neunzig Prozent mit Zitaten von Zeitgenossen. Wir konfrontieren diese Zitate mit unseren filmischen Quellen. Immer mal wieder decken sie sich. Die Filme zeigen also dann das, von dem das Zitat berichtet. Der Text zum Bild kreiert etwas, was ich eine Text-Bild-Parallelität nenne. Der Film zeigt etwas, was etwa zur gleichen Zeit geschieht, aber an einem anderen Ort. Das ist viel häufiger der Fall.“

Zum Beispiel sieht man also, wenn ein Jugendfreund Hitlers erzählt, dessen Vater sei streng gewesen, eine alte Frau, die einem Mädchen auf den Hintern schlägt. Eine Filmaufnahme vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie hat jedoch nichts mit Hitler zu tun. Wir werden auch nicht darüber informiert, woher die Aufnahme kommt. Bei den berühmten Szenen vom Fackelzug zur „Machtergreifung“ werden wir darüber aufgeklärt, dass es sich um im Nachhinein inszenierte Aufnahmen handelt. Aber das ist die Ausnahme. Bei neunzig Prozent der Filmszenen wissen wir nicht, woher sie stammen.

Keine Ahnung, wer sich die 196 Minuten in Gänze anschauen wird. Ich empfehle, es doch einmal mit der zweiten Hälfte zu versuchen. Vielleicht wird es da interessant. Mir fehlte dazu die Geduld.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum