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Bibelfilm Allein mit Satan in der Wüste

Kein Kitsch: Rodrigo Garcías Jesus-Film „40 Tage in der Wüste“ ist eine erstaunlich aufgeklärte Auseinandersetzung mit der Bibel.

Ewan McGregor
Wunderbar asketisch und befreit von Kitsch. Ewan McGregor als Jesus. Foto: epd

Der Weg durch die Wüste – eine Reise zum eigenen Selbst. 40 Jahre hat das Volk Israel gebraucht, um aus der ägyptischen Gefangenschaft zur nationalen Identität im Land, wo Milch und Honig fließen, zu finden. Dem Juden Jesus genügten 40 Tage, die er in der Einöde verlebte, und doch fand er in dieser Zeit seine Bestimmung: die Gewissheit, Gottes Fleisch gewordener Sohn zu sein, auch wenn ihn dieses Schicksal ans Kreuz bringen würde. Seine Fastenkur in der Wüste und die dortselbst stattfindende Begegnung mit dem Satan bilden in den Evangelien des Neuen Testaments nur relativ kurze Episoden. Dennoch haben sie Künstler zu vielfältigen Auseinandersetzungen mit der Frage angehalten, was Jesus in der bewusst gewählten Einsamkeit erlebte.

Den jüngsten Versuch, sich dieser Selbstfindungsgeschichte zu nähern, stellt Rodrigo Garcias Film „40 Tage in der Wüste“ dar. Sein Yeshua wird von Ewan McGregor gespielt, dem Obi-Wan Kenobi aus „Star Wars“, der den Umhang des Jedi-Meisters gegen die Lumpen des Eremiten vertauscht. Sein Sinnsucher ist ein stolpernder Wanderer in ausgelatschten Sandalen, der sich in seinen Selbstgesprächen stammelnd fragt, wo der Vater geblieben ist. Kein Heiligenschein umgibt diesen Mann, nicht Transzendentes scheint ihm den Weg zu weisen. McGregors Yeshua kommt ganz und gar unglamourös auf staubtrockenem Untergrund daher: Seht her, ich bin ein Mensch!

Garcia verweigert sich dem Spektakel

Damit intoniert Garcia schon in den ersten Szenen seine sehr pure, stille und karge Interpretation der biblischen Geschichte. Hier wird kein blutüberströmter Erlöser durch die Gassen Jerusalems getrieben – die Passion kommt in Garcias Film nur ganz am Ende in wenigen Einstellungen vor. Hier wandelt auch niemand übers Wasser wie in der unerträglichen Kreationisten-Fantasie „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“, der schockierende Erfolge in den USA feiern konnte und gerade auch in unseren Kinos läuft. Garcia verweigert sich konsequent dem Spektakel und der Wunderwelt.

Natürlich reicht es nicht, seinen Film für all das zu schätzen, was er nicht ist – dass er sich also Gewaltspekulationen ebenso enthält wie religiösen Kitsches. Vielleicht übertreibt es Garcia sogar mit der ästhetischen Askese und es geschieht zu wenig in diesen knapp hundert Minuten.

Und doch: Wer sich einlässt auf die meditative Ruhe dieser Geschichte, wird belohnt mit der Idee davon, wie es gewesen sein könnte damals vor 2000 Jahren vor der Ewigkeitskulisse der judäischen Wüste, am Ursprung einer neuen Religion – auch wenn gar nicht am Originalschauplatz, sondern in Lateinamerika gedreht wurde.

Satan als eloquenter Zweifler

Der Satan, dem Yeshua begegnet, ist sein Doppelgänger, ein ziemlich eloquenter Zweifler, dessen Argumente nicht leicht aus dem Weg zu räumen sind. Und die einzigen Menschen, die der Messias trifft, sind die Mitglieder einer dreiköpfigen Handwerkerfamilie wie die, aus der er selbst stammt – mit einem Vater, der keinen Zugang zu seinem Sohn findet. Und einem Sohn, der ironischerweise nicht in Gleichnissen spricht, sondern in Rätseln. Möglicherweise ist es aber just dieses Kind, in dem sich der Erlöser verbirgt, und Yeshua hält sich nur dafür? Rodrigo Garcia ist ein Fragensteller, kein Welterklärer, so wie sein Darsteller McGregor Jesus nicht als Prediger, sondern als Grübler präsentiert.

Damit aber gelingt dem Regisseur und seinem Akteur etwas Erstaunliches, nämlich ein zeitgemäßer, gleichsam aufgeklärter Film über die Bibel.

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