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Bernardo Bertolucci Gewalt und Verführung

Zum Tod des italienischen Filmemachers Bernardo Bertolucci.

Bernardo Bertolucci
Bernardo Bertolucci 1979 während der Dreharbeiten zu „La Luna“. Foto: imago

Filmemacher zu sein, bedeutet immer, im Einklang mit seiner Zeit zu sein“, sagte Bernardo Bertolucci einmal in einem Fernsehporträt. Er hatte das Glück, dass es seine Zeit meist ebenso gut mit ihm meinte. Wer ihn in seinen späten Lebensjahren erlebte, vergaß schnell die körperliche Gebrechlichkeit des Mannes, der seinen letzten Film „Me and You“ 2012 im Rollstuhl inszenierte. Eine jungenhafte Energie mochte einen Eindruck davon geben, wie rasant er in den frühen sechziger Jahren die Filmkunstszene erobert hatte.

Bereits mit 21 Jahren hatte Pier Paolo Pasolini den Sohn eines Dichters und einer Lehrerin zum Ersten Regieassistenten bei seinem Erstling „Accatone“ ernannt, noch im selben Lebensjahr inszenierte Bertolucci sein eigenes Debüt: Das Gesellschaftsdrama „La commare secca“ (1962), entstanden nach Pasolinis Drehbuch, zeichnete sich durch eine anspruchsvolle Rückblendenstruktur aus.

Zwei Jahre später gelang Bertolucci der internationale Durchbruch mit dem hochpolitischen Autorenfilm „Vor der Revolution“. Die Geschichte eines jungen Mannes aus bürgerlichem Hause, der sich dem Marxismus zuwendet, aber begreifen muss, dass er seine Wurzeln nicht kappen kann, trägt seinen Titel nur zu Recht: Aus heutiger Sicht ist dieser italienische Nouvelle-Vague-Film tatsächlich der Vorbote einer Revolution, jener von 1968.

Jahrzehnte später wird Bertolucci seine Erinnerungen an die Studentenproteste in die romantische Komödie „The Dreamers“ einfließen lassen. Ein amerikanischer Student kommt da nach Paris und findet Aufnahme in der blühenden Filmavantgarde. Geradeso wie der Italiener Bertolucci seine ersten Filme nach dem Geschmack der französischen Cinephilen drehte.

In linken Kreisen war „Vor der Revolution“ allerdings zunächst wegen seiner Kritik an der Kommunistischen Partei umstritten, heute wirkt er hochmodern: Deutlich inspiriert vom Michelangelo Antonioni und Jean-Luc Godard, kontrastiert darin das Elegische mit dem Fragmentarischen. Dem erst 24-Jährigen gelingt hier nicht weniger als ein Abgesang auf eine kollektive Utopie – ohne deren Ideologie selbst in Frage zu stellen.

Bernardo Bertoluccis Interesse an den Schnittstellen zwischen Ideologie und Psychologie bestimmt auch sein Politdrama „Der Konformist“ (1970). Jean-Louis Trintignant spielt darin einen Mitläufer im italienischen Faschismus, dessen Ästhetik Bertolucci auf der visuellen Ebene virtuos nachspürt. Auch der Folgefilm „Die Strategie der Spinne“ behandelt den Faschismus aus der Perspektive individueller Verantwortung: Hier ist es das Andenken an einen Widerstandskämpfer, dessen Leben sich in den Nachforschungen des Sohnes anders darstellt als erwartet.

„Die Psychoanalyse“, war Bertolucci überzeugt, „ist wie eine zusätzliche Linse: Zeiss, Panavision, Sigmund Freud.“ Mit den Optiken des Kinos operierte Bertolucci als einer ihrer größten Virtuosen. Sein Epos „1900“ ist rauschhaft und präzise zugleich, auf eine Visconti-Art betörend.

Überschwänglich und doch voller Feingefühl führte ebenso „Der letzte Kaiser“ in eine versunkene Welt. Im Motiv des zum Kommunisten bekehrten letzten Regenten der Qing-Dynastie tauchte es wieder auf, Bertoluccis Lieblingsmotiv seit „Vor der Revolution“ – das Verhältnis des Individuums zu Ideologien und politischen Systemen.

Aber auch formal zeugte Bertoluccis Werk von diesem Konflikt: Sein Stil bestand in einer Dialektik aus diskursiven und betörenden Elementen, aus Politik und einem manchmal geradezu entfesselten Ästhetizismus. Das Erhabene und das Banale lagen in späten Werken wie „Himmel über der Wüste“ und „Gefühl und Verführung“ nahe beieinander. Wenn Bertolucci sein Ästhetizismus durchging, verloren die Filme mitunter den Boden unter den Füßen.

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