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Berlinale-Wettbewerb Der Tag nach dem Mord

Das sollte der Goldene Bär sein: Die ungeheuerliche Roma-Geschichte „Csak a szél - Just the Wind“ des Ungarn Bence Fliegauf. Mit dem Film weckt Fliegauf Bewunderung für seine Kunst – und Abscheu vor dem Rassismus gegen die Roma.

17.02.2012 17:42
Anke Westphal
Die Angst frisst sich in die Roma-Kinder. Die Kamera sitzt ihnen bei „Csak a szél" genauso im Nacken wie der allgegenwärtige Rassismus gegen die "Zigeuner" in Ungarn. Foto: Berlinale

Die Familie Lakatos wurde erschossen. Alle, auch die Kinder. Doch für Birdys Familie beginnt ein neuer Tag in dem ungarischen Dorf, in dem auch die andere Roma-Familie lebte. Die Nachricht ihrer Ermordung verbreitet sich schnell. Doch niemand will etwas gesehen haben.

Die Roma haben nun eine Art Bürgerwehr aufgestellt. Birdys Tochter begegnet diesen Männern auf dem Weg zur Schule. Ob sie auch ihr Handy dabei habe, wird der Teenager gefragt. Alle sind besorgt. Auch Birdys Mutter, die längst bei der Arbeit ist. Sie hat zwei Jobs, ihr Mann ist nach Kanada ausgewandert, die Familie soll bald nachkommen. Doch Frau und Kinder wollen jetzt weg, so schnell wie möglich, denn die Gefahr wächst für die Roma.

Der Tag nach dem Mord der Roma-Familie

„Csak a szél – Just the Wind“, der neue Film von Bence Fliegauf, erzählt vom Tag nach dem Mord an den Lakatos’, und er zeigt, wie Birdys Familie versucht, diesen Tag zu überstehen. Im Morgengrauen füttert die Frau den hilflosen Vater, weckt die Tochter, macht sich auf den Weg zum Job. Die Kamera sitzt ihr im Nacken wie die Angst, die nun in Birdy und den Kindern frisst. Alle gehen sie geduckt, vorsichtig, wie auf dem Sprung zur Flucht, die Blicke gesenkt: gehetzte Geschöpfe.

Ihre Jäger werden nicht einzeln kenntlich, sie gehen in der Gruppe auf, etwa jener Gruppe von gelangweilten Männern, die Birdy auf dem Nachhauseweg von der Arbeit zusetzen, sie herumstoßen. Ungeheuerlich, wie alltäglich der Rassismus ist: Der Bus hält nicht dort, wo Birdys Tochter wartet, sondern einige Meter weiter, unwirsch hupend, so dass das Mädchen schnell hinlaufen muss. Natürlich wird in der Schule ausgerechnet sie auf verschwundene Computer angesprochen.

Selbstverständliche Gewalt

Ungeheuerlich auch, wie selbstverständlich die Gewalt hier ist, nicht allein gegen die Roma. Es wirkt, als wäre sie Teil der Atmosphäre, der Luft. Als eine blonde Mitschülerin von Birdys Tochter im Umkleideraum der Schule vergewaltigt wird, macht sich das Mädchen unhörbar davon, als hätte sie so etwas schon hinter sich. Nur keinen Ärger.

Diese Bedachtsamkeit wird den Roma nichts nützen. Denn die Mehrheit bestimmt, wer der Außenseiter ist und wie mit ihm umgegangen wird – gleichgültig, wie er sich verhält, er bleibt doch das Ziel der Jäger. Auch in Birdys Dorf duldet eine schweigende Mehrheit die Gewalt. In einer Szene dringen zwei Polizisten in Birdys Haus ein. Dass ihr Sohn gute Gründe hat, sich vor ihnen zu verstecken, wird im folgenden Dialog der Beamten bestätigt.

„Anständige Zigeuner zu töten, das versaut bloß die Message“

„Anständige Zigeuner zu töten, das versaut bloß die Message“, sagt der eine. Anständige Zigeuner haben Toiletten, aber die Message ist dennoch: Das sind für ihn Untermenschen. Das Blöde an Zigeunerkindern sei, dass sie heranwachsen. „Das nächste Mal sagst du ihnen, welche Zigeuner sie erschießen sollen“, antwortet der andere.

Was für ein Film! „Csak a szél –Just The Wind“ nimmt einem von der ersten Sequenz an den Atem; man kann sich nicht mehr zurücklehnen, kann nicht mehr wegsehen. Man will auch nicht mehr „Roma“ sagen, so als wäre dieses Volk einzig eine Masse. Bence Fliegauf gibt ihnen viele verschiedene Gesichter, schöne wie hässliche, die uns indes alle anschauen voller Angst. Der Regisseur zeigt die Armut, ohne sie durch Klischees herabzusetzen; er respektiert ihr Leben – und er fühlt ihre Angst, macht sie ohne Pathos, ohne Einsatz irgendwelcher Thrills physisch spürbar allein in der Körperhaltung seiner Protagonisten.

Lebensgefahr allein in den Blicken

Fliegauf evoziert die Bedrohung, Lebensgefahr allein in den Blicken, die sich auf die Roma richten – den Blicken der Kamera wie jenen der Nachbarn in Pogromlaune. Mit den Bedrohten, den Gejagten geht er deren Wege. Als könne es keine andere Filmsprache geben für diesen Stoff; das hier ist Kinematographie in Vollendung: ästhetisch zwingend.

Warum er diesen Film gedreht habe, wurde Bence Fliegauf während der Pressekonferenz gefragt. Er habe sich vorstellen müssen, wie die Schüsse fielen, das Mündungsfeuer leuchtete, die Menschen schrien, antwortete er. „Eine Welle von Gefühlen“ sei der Auslöser gewesen, „irgendwelchen ideologischen Blödsinn“ könne er nicht erzählen. Aber es sei gut, dass man in Ungarn einen solchen Film machen könne, der ein Tabu bricht. Dass zeige, dass man in einer Demokratie lebe.

Auch die ersten beiden Spielfilme dieses Ausnahmeregisseurs wurden in Berlin beim Festival aufgeführt. Mit „Csak a szél“ weckt Fliegauf nun höchste Bewunderung für seine Kunst – ebenso wie Abscheu vor dem Rassismus gegen die Roma, dem in Ungarn in wenig mehr als einem Jahr acht Menschen zum Opfer fielen. Erschossen, verbrannt in ihren Häusern. Wie könnte man sich vor der Angst, der Not dieser Menschen verschließen? „Csak a szél “ sollte den Goldenen Bären zugesprochen bekommen. Alles andere wäre nicht richtig.

Csak a szél (Just the Wind) 17. 2.: 9.30 und 20.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 19. 2.: Haus der Berliner Festspiele.

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