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Berlinale-Shorts Kurzfilmer fahren keinen Porsche

Die Berlinale-Shorts zeigen 27 Kurzfilme. Leiterin Maike Mia Höhne sprach mit uns über die Einträglichkeit, Alltagstauglichkeit und Fernsehtauglichkeit der Werke.

09.02.2012 16:32
Birgit Walter
Maike Mia Höhne, 40, studierte visuelle Kommunikation und leitet seit fünf Jahren die Berlinale-Sorts.Berlinale Foto: Berlinale

Frau Höhne, die Berlinale-Shorts zeigen 27 Kurzfilme, stehen aber nicht so im Fokus der Kritik wie die Filme im Hauptwettbewerb. Haben Sie keine schwachen Jahrgänge?Die Kritik an den kurzen Filmen spielt sich in einer anderen Szene ab. Gern könnte sie auch mehr in der Tagespresse passieren. Unsere Filme sind Angebote – lustige, komplizierte, anstrengende. Wir alle wollen nicht unterfordert und nicht erzogen werden. Das Tolle sind die kurzen Längen.

Wie muss ein Kurzfilm aussehen, um es in die Berlinale zu schaffen? Gegen welche Regeln sollte er nicht verstoßen?Ich gehe umgekehrt ran: Der Film muss uns interessieren. Mir geht es darum, etwas Neues zu entdecken, etwas Ungewohntes, eine andere Handschrift, das ist die Kunst. Und ich spüre es sofort, ich finde die Perlen – jedenfalls in der Liga, in der wir suchen.

In diesem Jahr haben Sie die Abwendung vom Geschichtenerzählen zum Motto gemacht. Warum denn?Um sich abzuwenden von der Geschichte, muss sie erstmal erzählt werden. Möglichst nichts, was schon fünf Mal zu sehen war. Der Film von Christoph Schlingensief „Say Goodbye To The Story“ gibt das Motiv vor, sprengt die Geschichte, toller Film. Wie haben viele Asiaten, die die Form der Geschichten sprengen, und viele Lateinamerikaner, die in ihrer Geschichten eine feine, zarte Poesie entwickeln, dazu zauberhafte Animationen.

Gibt es Länder, die für gute Kurzfilme bekannt sind?Die Schweden sind herausragend, haben eine tolle Förderpolitik und viele Bären gewonnen. Deutschland ist für den sechsten Oscar nominiert, hat eine gewaltige Bandbreite an Spiel-, Dokumentar-, Experimentalfilmen.

Waren die Oscar-Nominierten vorher in Ihrem Wettbewerb? Teilweise. Aber gerade im Kurzfilmbereich sind Oscar-Anwärter oft sehr klischeebeladen und finden selten den Weg in unser Programm.

Die Finanzierung spielt nicht die Hauptrolle beim Kurzfilm. Sie wollen ihn dennoch nicht als Einsteiger-Stoff für das Filmgeschäft betrachten.Keinesfalls, der Kurzfilm ist eine eigenständige Form. Der letzte Goldene Bär hat es gezeigt, den hat der Koreaner Park Chan-wook für „Night Fishing“ bekommen. Der hat viele lange Filme gedreht, die Goldene Palme gewonnen, bevor er mit seinem Bruder den Kurzfilm gemacht hat.

Für Ihre Auswahl finden Sie Attribute wie kontrovers, verstörend, unfertig, skizzenhaft. Das klingt nach Zumutungen. Aber erreichen wollen Sie den Zuschauer schon? Aber ja, das verträgt der Zuschauer, allein wegen der Kürze. Es ist grenzwertig, aber nicht unverständlich. Manches mag man vielleicht nicht, aber die Spannbreite ist toll.

Wie alltagstauglich ist der Kurzfilm? Verdient er auch Geld oder kostet er nur wenig?Sagen wir mal: Man kann nicht Porsche fahren als Kurzfilmer, aber man kann den Film an Sender verkaufen, an Arte etwa, man kann einen Verleih finden. Kinos bekommen sogar staatliche Unterstützung für das Zeigen von Kurzfilmen. Und es gibt relativ viele Preisgelder.

Auch bei der Berlinale?Bei uns gibt es kein Geld, sondern den Bären. Und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst wird der Künstler eingeladen, einen Film zu machen.

Warum schafft es der Kurzfilm so selten ins reguläre Kino? Die Agenturen beliefern etwa 80 Kinos bundesweit, das ist nicht wirklich viel. Die großen Ketten haben schlicht wenige Vorführer.

Man könnte einen Kurzfilm vor dem Hauptfilm zeigen, wie früher. Wir sind da alle dran. Also ich versuche durchaus, Verleiher, Filmemacher, Produzenten zusammenzubringen. Doch meist bleibt Arte unser einziger Sendeplatz in Deutschland, und da laufen die Filme auch erst nach Mitternacht. Fürchterlich, dass sich der Kurzfilm im Fernsehen so schlecht wiederspiegelt! Es gäbe so viele Sendeplätze zwischendurch, aber dort wird das Geld anders versenkt.

Oder haben Sie nichts für alle?

Aber doch, natürlich. „The End“ aus Frankreich mit Charlotte Rampling: Klassisches Kurzfilmkino, grandios gespielt. Frau Rampling sitzt mit ihrer Tochter in der Küche, das Kind guckt einen Film, sagt: Gleich kommt Mutti. Mutter, guckt gar nicht hin. Dann sagt die Tochter, du siehst aber nicht aus wie du.… Mutter schaut, sieht: Sie wurde nachträglich ausgetauscht, gegen eine Jüngere. Da geht der Film los. Ideal fürs Fernsehen.

Das Gespräch führte Birgit Walter.

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