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Berlinale Licht und Schatten

Die Retrospektive der Berlinale erinnert an die Wunder des richtigen Filmlichts. Sorgen bereitet hingegen die Sicherung des Filmerbes. Kein Archiv der Welt wird seine gesamten Bestände digitalisieren können.

Endlose Palette von Silbergrau in Howard Hawks’ „Air Force“ (1943). Foto: Park Circus/Warner Bros.

Die Retrospektive der Berlinale erinnert an die Wunder des richtigen Filmlichts. Sorgen bereitet hingegen die Sicherung des Filmerbes. Kein Archiv der Welt wird seine gesamten Bestände digitalisieren können.

Die Filmkopie von ‚Air Force‘, die Sie sehen werden, ist gerade mal zwei Wochen alt“, sagt freudig Mike Mashon, leitender Filmarchivar der Library of Congress in Washington. Gerade hat man dort Howard Hawks’ Kriegsfilm von 1943 vom Originalnegativ umkopiert, seit Jahrzehnten war dieser Klassiker nur in schlechter Bildqualität zu sehen. „Die Rollen haben noch diesen frischen Geruch von Polyester, und ich muss sagen, die Kopie sieht ganz phantastisch aus“.

In der Tat: Was über die bewährte 35mm-Anlage im Kino 8 des Berliner Multiplexes Cinemaxx von der Leinwand leuchtete, strahlte wie am ersten Tag: Eine endlose Palette von Silbergrau verklärte den beengten Spielort des Films, das Innenleben des als „Fliegende Festung“ bekannten B-17-Bombers und die Gesichter seiner Piloten in dezentem Glamour. Auch das eine Spielart der Propaganda.

Wer beeinflusste wen?

„Aesthetic of Shadow“ ist das Thema der diesjährigen Berlinale-Retrospektive, was eine Menge bedeuten kann, hier jedoch zu sehr überraschenden Fundstücken führt. Der in den USA lehrende japanische Filmprofessor Daisuke Miyao hat in einer gleichnamigen Studie Beleuchtungsstile im internationalen Studiokino der zehner bis fünfziger Jahre analysiert – und damit diese Filmreihe inspiriert.

Ein Fixpunkt sind dabei internationale Einflüsse auf das japanische Genrekino, das abseits seiner großen Meister noch immer Entdeckungen bietet: Tomata Tasakas Kriegsfilm „Five Scouts“ zum Beispiel, entstanden 1938 während des Kriegs mit China. Miyao sieht in diesem leisen, durch die intime, individualistische Figurenzeichnung ungewöhnlichen Propagandafilm, einen Einfluss des deutschen Bergfilmers Arnold Fanck und seines Kameramanns Richard Angst, die zur selben Zeit im japanischen Nikkatsu-Studio ihren Film „Die Tochter des Samurais“ drehten.

Wer hat wen beeinflusst im klassischen Kino? Wer Filme liebt, kann endlos darüber debattieren. Und wäre leicht auf 40 völlig andere Klassiker gekommen. Das eine oder andere Meisterwerk des chinesischen Stummfilms mit seinem delirierenden, mit Hollywood wetteifernden Lichtwirkungen hätte gut gepasst – und nebenbei einen Gegenakzent zum japanischen Kriegsfilm gesetzt. Aber anderseits ist jeder Anlass recht, bei einem an aktuellen Meisterwerken armen Festival in Klassikern zu schwelgen. Und etwas Polyester in der Luft zu schnuppern.

Es gibt viele Gründe, Filme nach wie vor auf analogem Film zu sichern. Die Langzeitarchivierung digitaler Träger ist nicht geklärt, digitale Projektionen sind nur dürftiger Ersatz. Dennoch erteilte der Direktor der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung der analogen Sicherung anlässlich der Premiere der Restaurierung von „Das Kabinett des Doktor Caligari“ nun eine Absage: „Ohne digitale Restaurierung hätte der Film nur noch in wenigen analogen Kinos abgespielt werden können.“

Die digitale Vorführung in der Berliner Philharmonie, die seinen Worten folgte, zeigte Robert Wienes Klassiker des Film-Expressionismus dann zwar in nie gekannter Bildschärfe; die direkte, digitale Abtastung des Kameranegativs ist vermutlich sogar noch detaillierter als die verschollene Premierenkopie von 1920.

Doch ein Nachteil der digitalen Projektion führte zu neuen Problemen. Stummfilme müssen mit ihren originalen Bildfrequenzen abgespielt werden – hier 16 bis 18 Bilder in der Sekunde, während digitales HD-Material mit 25 Bildern läuft. Zum Ausgleich wurden einzelne Bildkader durch sogenanntes „stretch printing“ verdoppelt, was zu ruckartigen Bewegungsabläufen führt.

Dabei ist es aber doch gerade die Geschmeidigkeit des von Conrad Veidt gespielten Somnambulen im Gegenspiel zu den kantig-expressiven Gebärden seines Meisters, des von Werner Krauß gespielten Dr. Caligari, die Generationen von Filmfans besonders fasziniert hat.

Natürlich kann man auch dieses Defizit mit entsprechender Projektionstechnik ausgleichen, doch dass es bei der von dem Komponisten und Musiker John Zorn auf der Orgel einfühlsam begleitenden Berliner Aufführung die Veranstalter nicht stört, stimmt doch bedenklich. Die beste Lösung, das sehen die Archivare der Library of Congress richtig, wäre eine analoge Filmkopie. Nicht nur aus konservatorischen Gründen. Denn die wenigen filmhistorisch interessierten Kinos und Museen, die diesen Film heute noch spielen, behalten selbstverständlich ihre analogen Projektoren. Wie sollten sie sonst noch Entdeckungen im Filmerbe machen?

Desolate Zustände

Kein Archiv der Welt wird seine gesamten Bestände digitalisieren können. In der deutschen Filmpolitik bahnt sich leider eine andere Entwicklung an. Man wird wohl dem Wunsch der Murnau-Stiftung folgen, für einen Kernbestand, also eine Gruppe längst bekannter Klassiker, Mittel zur Digitalisierung bereitstellen, während zigtausende anderer Filmwerke für unspielbar erklärt werden, da sie weiterhin in Filmbüchsen ruhen.

Die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die zur Zeit auf der Berlinale großes Interesse an allen Bereichen der Filmkultur zeigt, wird sich bald auch mit den desolaten Zuständen im Bundesarchiv-Filmarchiv befassen müssen, wo von einer sachgerechten Lagerung des Filmerbes längst nicht mehr die Rede sein kann.

Weit dringlicher als die Digitalisierung von bereits mit hohem Aufwand restaurierten Filmklassikern ist gegenwärtig die Bewahrung der originalen Filmmaterialien. Denn sind diese erst einmal zerfallen, gibt es nichts mehr zu restaurieren. Retrospektiven werden nur noch an das erinnern, was man bestens kennt.

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