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Berlinale-Forum Emanze im Kraal, depressiv im Bungalow

Südafrika in Schwarz oder Weiß: Die Filme „Elelwani“ und „Fynbos“ sind bei der Berlinale in der Sektion Forum zu sehen.

14.02.2013 15:05
Sabine Vogel
Das ist kein Löwe, sondern der Geist eines königlichen Ahnherrn, vor dem sich die neue Königin Elelwani (Florence Masebe) traditionsbewusst verbeugt. Foto: Shadowy Meadows Production

Südafrika in Schwarz oder Weiß: Die Filme „Elelwani“ und „Fynbos“ sind bei der Berlinale in der Sektion Forum zu sehen.

Schon blöd, zwei Filme aus Südafrika auf Schwarz und Weiß zu reduzieren. Aber bei den beiden im Forum gezeigten Produktionen lässt sich dieses Klischee kaum vermeiden. Da ist „Elelwani“, der erste südafrikanische Film, der ausschließlich in Venda gedreht wurde.

Venda ist eine der elf offiziellen südafrikanischen Sprachen, es ist der Name eines Volkes und einer Region im Norden des Landes, die zu Apartheidzeiten ein Homeland war. In diesem Film, der auf einer in Venda verfassten Novelle von 1954 basiert, gibt es keine weißen Akteure. Es gibt auch keine Insekten, keine Mobiltelefone, keine Fernseher. Dieses Venda, in das die junge Frau Elelwani zurückkehrt – immerhin mit dem Auto und Samsonite-Rollkoffern – ist „archaisch“, auch wenn man das eigentlich so auch nicht mehr sagen sollte.

Im zweiten Film, „Fynbos“, der am südlichen Ende des Landes spielt, in der Nähe von Kapstadt, kommen, zumindest in den Hauptrollen, keine Schwarzen oder, politisch korrekter, Farbigen vor. Die wenigen, die am Rande dieses klinisch rein weißen Settings auftauchen, sind nicht viel mehr als unvermeidbares Dekor.

In beiden Filmen aber spielt Natur – das Land – eine große Rolle: hier das saftig grüne, verregnet- matschige Venda um die Hügel von Thohoyandou, dort die grandios karge Mondlandschaft der Kapprovinz mit uralten Buchmann-Felszeichnungen.

Für Elelewani ist es das Land ihres Stammes, die Erde der Vorfahren und der Familie, deren patriarchalen Hierarchien sich die akademisch gebildete Frau unterwirft. Sie heiratet den alten König, dem sie versprochen wurde. Sie wird nie wieder Hosen tragen oder ein Auto steuern.

Dafür wird aus der Emanze im Kraal eine glasperlentragende Königin. Und so märchenhaft folkloristisch das klingt und mit seinen, ja, sorry!, „authentischen“ Kostüm-, Tanz- und Gesangseinlagen auch aussieht, ist das doch durchaus emanzipatorisch gemeint. Denn am Ende soll die zur Tradition bekehrte Elelwani das heilige Land und ihre „Kultur“ vor dem Ausverkauf (an die Moderne?) beschützen.

Elelwani 15. 2.: 17.30 Uhr, Kino Arsenal 1

In „Fynbos“, genannt nach einem nur in der steinigen Kapprovinz wachsenden Buschgesträuch, das mit seinen Wurzeln Wasser blutrot färben kann, spielt ebenfalls eine Frau die Hauptrolle. Sie, die aus „Schande“ bekannte Jessica Haines, findet sich freilich nicht in einem wie auch immer gearteten kulturellen Kontext – sie verliert sich.

Nicht in einem Land, einer Landschaft oder einer Bindung, sondern im Nichts einer Persönlichkeitsauflösung. Gleich in der ersten Szene wirft sie ihren Pass und ihre Geldbörse in eine Mülltonne. Auf einer Brachfläche dahinter hängt eine dunkelhäutige Frau Wäsche auf: Slum, Armut, Township.

Und? Die Weiße entfernt sich. Sie trägt hochhackige Schuhe, wie sie heutzutage eigentlich nur noch in Filmen (oder auf dem Roten Teppich) getragen werden. Danach fährt sie neben ihrem Mann in einem Sportwagen durch eine weite Landschaft.

Am Horizont, verborgen im hellen Grün der Hügelkette, liegt eine gläserne Villa, die der Mann gebaut hat und nun verkaufen will. Ein schönes junges Pärchen haust dort. Mit den potentiellen reichen Käufern aus Europa gesellt gesellt sich das dritte Paar in den minimalistisch unterkühlten Architektentraum. Die Glasflächen reflektieren die wilde Umgebung, trockenes Gras knistert, rauscht, tuschelt.

Die Fenster rahmen Stillleben mit Weißweingläsern. Doch es blickt niemand außer uns. Eine sozial verortbare Außenwelt ist nicht vorhanden. Nur in Gestalt einer pummeligen schwarzen Polizistin manifestiert sich die Möglichkeit, bedrohlich fehl am Platz zu sein.

Afrikanische Filme erzählen normalerweise Geschichten mit einer Botschaft – wie eben „Elelwani“. In „Fynbos“ wird nichts erzählt, nichts passiert, außer dass die Frau wie in der Anfangsszene angekündigt, verloren geht. Man könnte nun interpretieren, dass all diese Weißen hier in ihrem klimatisierten Reichtum Verlorene sind.

Die Insekten sirren auch schon wie zum Verrücktwerden. In dieser lauernden Angst vor dem Verlust von allem wäre dies dann ein universeller – und damit irgendwie auch wieder ein südafrikanischer Film.

Fynbos 16. 2.: 19.15 Uhr, CineStar 8

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