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Berlinale Die Hölle zwischen Kunst und Glamour

Zwei deutsche Beiträge verleihen einem schwachen Wettbewerb unverhoffte Höhepunkte.

Sinnsuchende Teenager in einem Outdoor-Kammerspiel: „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“. Foto: Philip Gröning

Zwei Jugendliche liegen auf einer Sommerwiese und diskutieren über Philosophie. Der Junge wirft seine Bierflasche in die Luft: So sei Zeit, sie existiere nur in der Gegenwart. „Erst wenn du die Scherben wieder genauso wieder zusammensetzt, hast du sie besiegt.“

„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, hat Philip Gröning seinen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag genannt, aber immerhin interessiert sich der Idiot für Heidegger. Drei Stunden arbeitet sich Grönings Outdoor-Kammerspiel an jener kurzen Periode des Erwachsenwerdens ab, aus der sich das Coming-of-Age-Genre speist: einem Moment der Zeit, dem letzten Sommer der Kindheit?

Solche Umschreibungen wären dem sinnsuchenden Teenager in dieser fast konzeptkunst-haften Entwicklungsgeschichte zu banal. Offensichtlich hat er gerade Heidegger gelesen und findet in seiner Zwillingsschwester mehr als eine geduldige Zuhörerin. Auch sie hat das Genre, in welchem  das Leben sie besetzt hat, gut genug begriffen, um alles aus diesem kostbaren Lebensmoment herauszuholen, was er so gern verspricht. Elena macht mit Robert eine Wette: „Vor dem Abitur vögele ich mit einem. Irgendeinem.“ In 48 Stunden Spielzeit, ausgebreitet in drei Stunden Kinozeit, soll sich dies entscheiden. Immerhin gibt es in ihrer paradiesisch-provinziellen Mitte von Nirgendwo eine Tankstelle mit reichlich Laufkundschaft.

„In der Pubertät fliegt einem das gesamte Zeitempfinden um die Ohren“, sagt Gröning, als habe er immer noch das Bild der zerschellenden Bierflasche vor Augen. „Eine Explosion findet statt, die alle Teile der Kinderperson zerfetzt. Gleichzeitig aber fallen diese Teile alle an die richtigen Stellen.“

Schon vor 18 Jahren, einer ganzen Teenagergeneration, hatte er das erste Drehbuch dazu fertig, inhaltlich war darin alles schon genauso formuliert. Vielleicht sieht man deshalb noch ein wenig frühen Tarantino durchschimmern. Es ist immer noch ein „Kids and Guns“-Movie, eingebettet freilich in noch mehr „großer Stille“: Wie im Klosterdokumentarfilm, der den Düsseldorfer weltweit bekannt machte, werden epische Sequenzen unterbrochen mit poetisch-experimentellen Miniaturen, kleinen impressionistischen Götterfunken. Es ist wie in allen Spielfilmen Grönings, Disziplin und Ausbruch balgen miteinander, Himmel und Hölle treffen aufeinander. Es ist nicht die Art von Widersprüchen, die sich als harmonischer Kontrapunkt genießen lassen, sondern ein schmerzhaftes Kino und hier im Wettbewerb ein durchaus heilsamer Schock. Mehr Buhrufe gab es dieses Jahr noch in keiner Berlinale-Pressevorführung, es ist die Art Kunst, die weh tut.

Wer diesen mit Enttäuschungen überfrachteten Berlinale-Wettbewerb eine Fahrt in der Achterbahn nennt, hat lange nicht mehr in einer gesessen. Dies ist eine Talfahrt, unterbrochen von einigen wenigen lichten Hügeln. Die jüngste Bagatelle ist die iranische Komödie „Das Schwein“ von Mani Haghighi, der hier vor zwei Jahren mit der Politfarce „A Dragon Arrives“ vertreten war. Dabei beginnt es durchaus vielversprechend. Wir lernen einen berühmten Filmemacher kennen, der seit zwei Jahren unter einem Arbeitsverbot leidet. Dass seine Frau, ein berühmter Filmstar, nun im Werk eines Konkurrenten spielen möchte, weckt seine Eifersucht – auch wenn die Ehe schon lange eigentlich am Ende ist.

Sollte es Haghighi wirklich wagen, in einem offiziellen iranischen Festivalbeitrag die rigide Filmzensur des Landes zu tadeln? Das wäre ja mal etwas; man hält den Atem an, als sein Protagonist kurz davor ist, einem „New York Times“-Reporter sein Leid zu klagen; doch schon nach der ersten Frage wird das Interview jäh unterbrochen: Ein Serienmörder, der Teheran unsicher macht, hat wieder zugeschlagen, und all seine Opfer, die er brutal köpft, sind ausgerechnet Filmemacher.

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