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Berlinale Das Glück der Hirsche

Die Berlinale kommt gleich in Fahrt: Sehenswert ist „The Dinner“, sensationell der ungarische Beitrag „On Body and Soul“.

Berlinale
Der gemeinsame Traum in Ildikó Enyedis Berlinale-Beitrag „On Body and Soul“. Foto: EPA/REX/Shutterstock

Seine Entscheidung für das Biopic „Django“ als Eröffnungsfilm der Berlinale mochte Rätsel aufgeben; umso sicherer wirkte Dieter Kosslicks Handschrift auf der Speisekarte des anschließenden Eröffnungsempfangs. Ebenjener Wels, den der Gitarrist Django Reinhardt im Film eben noch stolz aus der Seine gefischt hatte, fand sich dort zartfein zubereitet wieder. Wer wollte da noch böse sein?

Die kulinarischen Genüsse des amerikanischen Wettbewerbsbeitrags „The Dinner“ hätten sich kaum so einfach nachkochen lassen können. Ein dekadent teures Luxusrestaurant ist der Schauplatz eines Krisentreffens, zu dem ein Senator seinen Bruder und beider Ehefrauen eingeladen hat. Spätestens seit Thomas Vinterbergs Dogma-Klassiker „Das Fest“ sind derartige Gaumenfreuden mit Vorsicht zu genießen, welche familiäre Katastrophe mag wohl tatsächlich aufgetischt werden?

Regisseur Oren Moverman, der auch das Drehbuch schrieb, lässt den eigentlichen Braten noch einige Zeit schmoren. Während Richard Gere in der Rolle des Senators erst im letzten Akt des Dramas glänzen kann, gehört zunächst Steve Coogan als seinem psychisch kranken Bruder die Bühne. Der ehemalige Geschichtslehrer hat sich auf die Sittengeschichte amerikanischer Kriege spezialisiert und daraus – man kann es ihm kaum verdenken – eine pessimistische Weltsicht entwickelt.

Nur widerwillig will er an diesem Abend seinem erfolgreichen Bruder ein Publikum bieten – und fühlt sich schließlich doch im Dienst der Familie zu den Waffen gerufen: Beider Söhne haben gemeinsam ein Verbrechen begangen, das der Senator nun zur Anzeige bringen will, selbst wenn es ihn die Karriere kostet. Doch auch die Grausamkeit der Tat – die qualvolle Ermordung einer Obdachlosen – kann die übrigen Familienmitglieder nicht überzeugen; sie wollen die 16-jährigen Jungen um jeden Preis vor Verfolgung schützen.

Es ist ein klug geschriebenes und spannungsvoll-pointiertes Drama – und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier Yasmina Rezas von Roman Polanski verfilmtes Kammerspiel „Der Gott des Gemetzels“ zu deutlich Pate stand. Und dass mit den minimalistischen Mitteln pointierter Dialoge nun ein tragischerer und politisch besonders beziehungsreicher Inhalt transportiert werden sollte.

Das alles ist ebenso effektvoll wie dennoch bemüht – und letztlich nur Dank der darstellerischen Qualität hier ein Ereignis. Seine Jahre als politischer Aktivist für ein befreites Tibet mögen Richard Gere bei dieser Rolle geholfen haben – noch vor dem Festival traf er sich mit Angela Merkel; tatsächlich gelang ihm einer der besten Auftritte in seiner Karriere.

Kunstvoller und poesievoller ist dagegen der ungarische Wettbewerbsbeitrag „On Body and Soul“. Eine Veteranin, Ildikó Enyedi, wählt den Schauplatz eines Schlachthofs für einen ungewöhnlichen Liebesfilm, der sich an einer geradezu surrealistischen Idee entzündet: Kann es sein, dass zwei Menschen jede Nacht das gleiche träumen?

Zwar ist zwischen der neu angestellten Qualitätsprüferin und ihrem Vorgesetzten gleich zu Beginn ein kaum hörbares Knistern spürbar, doch ins Rollen kommt die Geschichte durch eine psychologische Untersuchung. Ausgerechnet das Potenzmittel für den Stier ist gestohlen worden, und die Frage, was so etwas überhaupt in einem Schlachthof verloren hat, überlassen wir der Nebenhandlung. Die Psychologin arbeitet nun mit allen Mitarbeitern denselben Fragenkatalog ab – und bekommt dabei von beiden denselben Traum erzählt. Erst als sie einen Streich wittert und beide zur Rede stellt, erfahren diese von den überraschenden Parallelen. Und in der Tat ist es ein faszinierender Traum, der sich da als Parallelebene durch den wunderschönen Film zieht – sehen sich doch beide darin als zwei Hirsche, die in einem verschneiten Wald ein unschuldiges Dasein pflegen.

Die 1955 geborene Film- und Installationskünstlerin Ildikó Enyedi war schon 1992 Mitglied der Berlinale-Jury. Da hatte sie gerade einen der Klassiker des ungarischen Kinos gedreht, „My 20th Century“. Und doch wirkt ihr neuer Film so ungezwungen, wie man es vielleicht von einem Debüt erhofft. Gleichwohl steht er in einer herrlichen Tradition des ungarischen Kinos, indem er eine Alltagssurrealität leicht und doch kompromisslos orchestriert.

Wer wird schon am ersten Festivaltag von möglichen Bärengewinnerinnen schwärmen? Sagen wir es so: Würde in ihrem Film wie auf dem Plakat dieser Berlinale ein echter Bär durch die Kulisse schleichen – er passte dort wunderbar hin.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Berlinale

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