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„Begabt“ Überhaupt nicht normal

Der neue Film von Marc Webber, „Begabt“, erzählt ein wenig schematisch, aber doch klug, von Hochbegabten. Dabei hält er sich mit moralischer Bewertung und Sympathiepunkten für seine Figuren zurück.

Kinostart - "Begabt - Die Gleichung eines Lebens"
Eine verlässliche Größe des Films „Begabt“: Mckenna Grace als Mary. Foto: dpa

Hochbegabt. Das Wort genügt, um bei manchen Eltern Panikattacken auszulösen, andere fühlen nicht nur klammheimlich Stolz angesichts ihres potenten Erbguts. Was soll man anstellen mit diesen kleinen Genies, die besonders gut rechnen können oder schon im Grundschulalter der Weltformel auf der Spur sind? Auf eine Eliteschule stecken, weil ihr Gehirn sonst verkümmert? Oder ist es nicht gerade für speziell talentierte Kinder entscheidend, ihnen ein sorgloses Leben zu bieten, sie also „ganz normal“ aufzuziehen?

Für Frank Adler (Chris Evans) ist die Sache eindeutig. Er will nicht, dass seine Nichte Mary, ein mathematischer Überflieger, auf eine Hochbegabtenschule kommt. Stattdessen meldet er sie in seinem gemütlich heruntergerockten Arbeiterviertel an, wo er in einem Holzhaus lebt – hier hat er Mary und den einäugigen Kater Fred aufgenommen, nachdem seine Schwester, eine Mathematikerin, vom Problem der Navier-Stokes-Gleichung in den Wahnsinn und anschließend in den Suizid getrieben wurde.

Allerdings: So ganz kann sich Regisseur Marc Webb nicht verkneifen, deutlich auszustellen, dass es sich bei seiner kleinen Familie um eine ziemliche Ausnahmeerscheinung handelt – auch wenn Frank „ganz normal“ sein will und seinen Lebensunterhalt damit verdient, an defekten Booten herumzuschrauben. So fällt der treusorgenden und obendrein hübschen Lehrerin Bonnie (Jenny Slate) rasch auf, dass Mary Dinge beherrscht, wie 57 mal 135 im Handumdrehen auszurechnen – woraufhin Onkel Frank auf Nachfrage beschwichtigt: „Ach, Trachtenberg-Methode, habe ich ihr beigebracht, ganz einfach.“ So, so.

Octavia Spencer gibt die obligatorische schwarze Ersatz-Mama

Später erfahren wir, dass der Mechaniker mit den traurigen Augen einst Philosophie-Professor war, und so befinden wir uns in illustrem Kreis: Marys Mutter war auf dem Weg, eines der Millennium-Probleme zu lösen, die Tochter ist drauf und dran, ihr darin nachzufolgen, und der Bruder ist auch kein Dummerchen. So viel zur Normalität.

Aber ja, „Begabt – Die Gleichung eines Lebens“ (im Original „Gifted“) ist eben ein Film, und deswegen darf sich auch die Lehrerin in Frank verlieben, weil er sonst auf ewig einsam an der Bar hocken müsste. Und Octavia Spencer gibt die obligatorische schwarze Ersatz-Mama, die mit ihrem großen Herzen so ganz anders ist als die eisig weiße Großmutter Evelyn (Lindsay Duncan), die herrisch die Szene betritt und Mary als Eliteschülerin nach Boston mitnehmen will. So werden die Dinge sehr klassisch, aber auch ein wenig betulich in Gang gebracht.

Dennoch gelingt es Webb, seiner Geschichte immer wieder wahrhaftige und berührende Momente zu verleihen. In dieser Hinsicht kann er sich vor allem auf seine kleine Hauptdarstellerin Mckenna Grace verlassen, die in der Rolle der Mary kindlichen Spieltrieb mit den Irritationen der Hochbegabung zu verbinden versteht, dabei auch schön widerborstig sein kann, unter der nachhallenden Trauer über den Verlust der Mutter leidet und zärtlich an ihrem Onkel hängt – die vor allem aber über eine ungeheure Natürlichkeit vor der Kamera gebietet.

Darüber hinaus meint es Webb durchaus ernst mit seiner Frage, wie mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu verfahren sei. An dieser Stelle baut er den Film gar zum Gerichtsdrama aus, weil die Großmutter die Hochbegabung ihrer Enkelin sozusagen  durch einen richterlichen Beschluss zu zertifizieren versucht. Was dabei herauskommt, ist allerdings eher ein Grundsatzurteil über die Bedingung der Möglichkeit einer gelingenden, glücklichen Kindheit.

Es ist eine Stärke von Webb, dass er sich in moralischer Bewertung und Sympathiepunkten für seine Figuren zurückhält. Selbst Evelyn, die Dame aus der standesbewussten höheren Bostoner Gesellschaft, ist trotz all ihres Ehrgeizes kein Monstrum – auch sie hat Marys Kindeswohl im Blick, selbst wenn es sich in Gegenwart zweier Privatlehrer entfalten muss. Im Gegenzug bleibt Franks Selbstverwirklichungsprogramm nicht unwidersprochen, so dass der Film die durchaus unübersichtliche Ausgangslage im Hinblick auf Begabungsfragen souverän durchleuchtet. Auch wenn er in dramatischer Hinsicht ein wenig schematisch daherkommt, so überzeugt er doch durch solch kluge Zurückhaltung. Und eine Hauptdarstellerin, die sich um Zurückhaltung erst gar nicht kümmern muss.

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