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Bären-Vergabe Die Gewinner der Berlinale 2012

Interessante, aber nicht durchweg schlüssige Entscheidungen: Am Samstag wurden die Berlinale-Preise vergeben. Den Goldenen Bären erhielten die Taviani-Brüder.

20.02.2012 17:18
Anke Westphal
Strahlende Gewinner: Der Goldene Bär ging diesmal an an den Film "Caesare Deve Morire" ("Caesar Must Die") der Regisseure Vittorio (L) and Paolo Taviani. Foto: Reuters

Ihre Hauptdarsteller brachten die Brüder Paolo und Vittorio Taviani zur Berlinale-Preisgala nicht mit nach Berlin. Das war auch schlecht möglich, denn in „Cesare deve morire – Cesar must die“ treten Männer auf, die im Hochsicherheitstrakt der römischen Strafanstalt Rebibbia einsitzen; etliche von ihnen wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Diese Männer, so viel ist klar, haben alten Damen nicht einfach nur die Handtaschen entrissen; sie haben mit Drogen gehandelt, als Mitglieder der Camorra gemordet, und das oft mehrfach. Aber sie haben auch an einem Theaterprojekt mitgewirkt: Ein Regisseur hat mit ihnen Shakespeares Drama „Julius Caesar“ inszeniert. Eigentlich sollte es Dantes „Inferno“ sein. Weil aber das Gefängnis schon Hölle genug sei, so die Tavianis, wich man auf Shakespeare aus.

Sechs Monate Entstehungsprozess einer Gefängnis-Inszenierung

Sechs Monate lang haben die beiden Regisseure den Entstehungsprozess der Inszenierung beobachtet und gefilmt. Ohne zu benennen, welche Verbrechen die Männer im Einzelnen begangen haben, soll „Cesare deve morire“ Parallelen zwischen der Kunst, dem klassischen Drama und der Welt von heute eröffnen. Die meisten Kritiker hat dieser quasi Brecht-artige Versuch einer Brechung von Realität nicht so sehr überzeugt, wohl aber die Wettbewerbsjury unter Vorsitz des britischen Regisseurs Mike Leigh.

Sie sprach den Tavianis den Goldenen Bären zu, den höchsten Preis der Berlinale. Unter Fachbesuchern löste diese Entscheidung Reaktionen aus, die von Ungläubigkeit bis hin zu Entsetzen reichten. Wie kann man, gerade angesichts eines ästhetisch starken Wettbewerbs voller junger Talente, nur einen Film derart würdigen, der weder zu den besten Arbeiten der Tavianis zählt noch den State of the Art der Kinematografie von heute repräsentiert?

"Interessante Entscheidungen" - nicht gerechte oder schlüssige

Man hätte gewarnt sein müssen, als Mike Leigh am Samstagabend bei der Gala von „interessanten Entscheidungen“ sprach – und nicht von gerechten oder schlüssigen. In diesem Sinne ist der Goldene Bär für „Cesare deve morire“ dann nämlich ein verkappter Preis für das Lebenswerk von Paolo und Vittorio Taviani, die – beide hochbetagt, der eine 80, der andere 82 – mit ihrem Film noch einmal um eine andere, für sie neue filmische Form gerungen haben. Das zu belohnen ist nett von der Jury, durchaus menschlich. Aber ästhetisch eben auch sehr konservativ.

„Interessant“, ja sogar wiederum konservativ fielen auch andere Entscheidungen aus. Der Drehbuchpreis für Nicolaj Arcels konventionellen, sogar naiven Kostümfilm „En Kongelig Affære – Eine königliche Affäre“? Das tut weh! Die Darsteller-Bären für die fünfzehnjährige Kongolesin Rachel Mwanza („Rebelle“) und den Dänen Mikkel Boe Følsgaard („Eine königliche Affäre“)? Sind ja irgendwie ganz in Ordnung, aber deswegen nicht zwingend – warum hat die Jury dabei etwa nicht an Nina Hoss, Léa Seydoux oder die US-Legende Robert Duvall gedacht?

So bleibt einem immerhin, sich über den Grand Prix für Bence Fliegaufs atemberaubendes Roma-Drama „Csak a szél – Just the Wind“ zu freuen und über den Regie-Bären für Christian Petzold und dessen wunderbare „Barbara“. Mit ihrer Wettbewerbsauswahl hat die Berlinale eigentlich alles richtig gemacht. Dass ausgerechnet diese so vielversprechend, so kompetent besetzte Jury eine Dissonanz ins große Rauschen des Abschieds einspeist, damit hatte wohl keiner gerechnet. Mit ihrer Begeisterung für ein Kino von gestern liegt sie jedenfalls voll im Trend der Zeit.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Berlinale

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