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„Bad Times at the El Royale“ Menschen im Motel

Drew Goddards „Bad Times at the El Royale“ ist ein ebenso schwelgerischer wie vordergründiger Retro-Thriller.

„Bad Times at the El Royale“
Die männliche Variante des Wet-T-Shirt-Contests: Chris Hemsworth als Sektenführer Billy Lee. Foto: dpa

Es gehört zu den schönen Geheimnissen des Kinos, dass die obskursten Spielorte oft die faszinierendsten sind. Kaum ein Schauplatz ist freilich dankbarer als die falsche Heimeligkeit von Hotels.

Es ist ein weiter Weg von der Opulenz der Hotelhalle in der Vicky-Baum-Verfilmung „Menschen im Hotel“ zum schmierigen Motel in Hitchcocks „Psycho“. Schon der Theoretiker Siegfried Kracauer sah in der Hotelhalle einen idealen Spielort moderner Kriminalgeschichten. Wie viel mehr noch muss das für die billigen Motels gelten: Mit ihren schäbigen Bungalows, die jeder halbwegs böse Wolf gleich wegpusten könnte, mit den schmierigen Teppichen und den funzeligen Lampen leisten sie das gleiche und noch mehr für das Horror-Genre.

Filmemacher Drew Goddard schwelgt in jeder der 141 Minuten von „Bad Times at the El Royale“ im bizarren Neon-Noir dieses Ambientes. Dem Vernehmen nach wurde sein Drehbuch in Hollywood als besonders originelle Idee gehandelt, was wieder einmal beweist, wie kurz dort das Gedächtnis ist.

Gleich zu Beginn stellen sich vier schillernde Hotelgäste in der Lobby vor und damit auch dem Publikum: Da ist zunächst der Priester Daniel Flynn, an dessen Würde Jeff Bridges’ Darstellung gleich jeden nur erdenklichen Zweifel weckt. Ebenso wenig würden wir Jon Hamm als angeblichem Staubsauger-Vertreter Laramie Seymour Sullivan ein solches Exemplar abkaufen. Nicht, dass Hamm die Überzeugungskraft seiner „Mad Men“-Rolle abgelegt hätte, doch es dauert nicht lange, bis wir in ihm einen FBI-Agenten ausmachen.

Nicht gut Kirschen essen ist zweifellos auch mit der von Dakota Johnson gespielten schönen Unbekannten – was schon daran liegt, dass sie sich Uma Thurmans Cleopatra-Frisur aus „Pulp Fiction“ ausgeliehen hat. Bald wird auch offenbar werden, dass die elliptische Erzählweise dort ihren Ursprung hat. Nur an der Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) scheint so gar nichts Falsches, wenn sie vor dem Spiegel übt – höchstens der ein oder andere Oberton. Einen wirklich üblen Burschen vermuten Kinokenner dafür im Concierge, den Lewis Pullman spielt. Man will gar nicht wissen, wie viele Seelen er schon auf dem Gewissen hat.

Es bedarf nicht viel, damit die Figuren miteinander in Kontakt treten. Nachdem der FBI-Mann Sullivan rund zwei Dutzend Wanzen in seinem Zimmer ausmacht (und dabei sind nicht die in derartigen Absteigen heimischen Bettwanzen gemeint), lernt er sie alle kennen: Als er bemerkt, dass die Spiegel der Zimmer tatsächlich nur verspiegelte Fenster sind, schreitet er den versteckten Gang dahinter ab.

Bekannt durch „The Cabin in the Woods“

Tatsächlich ist das heimliche Geschäftsmodell des Hauses die Erpressung von Prominenten und Politikern, die man bei ihren Schäferstündchen durch die Scheibe filmt. Durch das Fenster der schönen Unbekannten glaubt Sullivan eine Entführung zu beobachten, was eine Kette blutiger Zwischenfälle auslöst. Wie in Zeitlupe zelebriert Drew Goddard all die hinter seiner comichaften Personage erwartbare Schrägheit und Verschrobenheit, jeder Abgrund ist vorhersehbar. Der Priester ist zum Beispiel eigentlich ein Bankräuber, der unter den Dielen des Motels einen Schatz zu finden hofft.

Doch Drew Goddard, der durch den Horrorfilm „The Cabin in the Woods“ bekannt wurde, scheint gar nicht den Ehrgeiz zu haben, uns hier wirklich zu überraschen. Er schwelgt in den formalen Möglichkeiten eines aufwendigen Ausstattungsfilms. Höchst elegant zum Beispiel fährt die Kamera den Flur hinter den Zimmern ab, der Blick durch die Spiegel erinnert dabei an „Paris, Texas“. Prächtig ist die von einer mächtigen Jukebox dominierte Motel-Lounge, wo der falsche Priester auf die echte Möchtegern-Sängerin mit K.o.-Tropfen wartet.

Doch genau besehen passt nichts zusammen. In der Wurlitzer drehen sich noch Schellack-Platten, obwohl die Musik durchweg bis zu Deep Purple reicht. Die Aufnahmen, zu denen die Sängerin unterwegs ist, werden von einem Phil-Spector-Double geleitet, was wiederum auf die Zeit um 1963 schließen lässt. Doch dann taucht auch noch Chris Hemsworth als Hippie-Mörder vom Typ Charles Manson auf, der 1969 seine Mordserie beging. Der Umgang mit Geschichte ist etwa so unbefangen wie in einem Werk von Florian Henckel von Donnersmarck. Das könnte man als Pop-artige Freiheit auffassen, doch dafür fehlt diesem Film wiederum die Leichtigkeit.

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