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Back to the Fatherland Wo sie sich wie zu Hause fühlen

„Back to the Fatherland“ bringt junge Israelis in Österreich und Deutschland mit ihren Großeltern ins Gespräch.

„Back to the Fatherland“
Auch die Geschichte der Filmemacherinnen gehört zu „Back to the Fatherland“. Foto: Greencat Productions

An die 20.000 junge Israelis leben in Berlin, und die Stadt hat sie sich als Teil ihrer aktuellen Erfolgsgeschichte einverleibt. Dem Berlin-Hype kann eben offenbar niemand widerstehen. Aber das ist nicht die Geschichte, die dieser Film erzählt. Dabei geht es genau um diese Leute, die Israel den Rücken kehren und nach Berlin oder Wien ziehen. 

Sie können das, weil ihre Großeltern einst die deutsche oder österreichische Staatsbürgerschaft besaßen, bis sie von den Nazis vertrieben wurden. Die Österreicherin Kat Rohrer und die Israelin Gil Levanon aber erzählen mit großer Feinfühligkeit die schmerzhaften, komplizierten Geschichten, die ganz oft hinter einer solchen Emigration stecken. In Israel sprechen sie dabei von yerida, das bedeutet Abstieg. Und das Wort sagt schon, dass es nicht gern gesehen wird, wenn jemand das gelobte Land verlässt. Aber es gibt doch Ziele, die weniger schlecht angesehen sind als ausgerechnet Deutschland oder Österreich.

Als Gil Levanon ihrem Großvater von ihrer Absicht erzählt, nach Berlin zu ziehen, sagt er nur: „Auf keinen Fall.“ Der Film zeigt ihn in seiner Wohnung, er liegt im Morgenmantel auf einem Sessel, den er wohl kaum noch verlässt. Jochanan Tenzer ist 97 Jahre alt, als Jugendlicher wanderte er 1937 nach Palästina aus, seine Familie blieb in Laufersweiler und wurde ermordet. „Sie waren schlecht, und sie blieben schlecht, und sie werden schlecht bleiben“, sagt er über die Deutschen. Und Gil Levanon hat plötzlich das Gefühl, ihren geliebten Opa zu verraten, wenn sie ihr Vorhaben verwirklicht.

Noch zwei weitere Großeltern-Enkel-Paare stellt der Film vor, indem er beide Generationen sprechen lässt. Miteinander, übereinander. Mehr nicht. Da ist der in Berlin lebende Künstler Dan Peled und seine aus Wien stammende Großmutter Lea Peled. Da ist Guy Schachar, der sich in Salzburg niedergelassen hat, und sein Großvater Uri Ben Rehav, der in Wien lebte, bis er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Theresienstadt deportiert wurde. In seinem Haus in Israel hat er eine österreichische Spielzeugeisenbahn-Landschaft aufgebaut, über der die Alpen aufragen. Sogar die Gaststätte Wienerwald gibt es in einem Örtchen an der Bahnstrecke. Und wenn er Deutsch spricht, die Sprache seiner Mutter und der Mörder, tut er das mit österreichischem Akzent. In diesem Sprechen scheint die brutal entrissene und dann auch abgetane Identität auf, der sich die Großeltern nun wieder stellen müssen.

„Back to the Fatherland“ heißt der Film. Aber zurückgehen können eigentlich nur die, die einst weggegangen ist, die Großeltern also. Und zwei von ihnen tun diesen Schritt tatsächlich, wenigstens besuchsweise, um der Enkel willen. Uri Ben Rehav besucht mit Guy Wien, und der Enkel fasst das in Worte, was dort erlebbar ist und doch widersinnig scheint: Dass der Großvater viel besser nach Österreich passt als er selbst. Und doch auch wieder nicht, denn er kann kaum in einer Straßenbahn sitzen, ohne dass er sich an seine Verhaftung erinnert, an die Angst. Dann legt er die Hände über die Augen und schüttelt den Kopf.

Auch Lea Peled reist nach Wien, dabei ist es etwas, das sie nie gewollt hat. Manche hätten eine solche Reise mit ihren Kindern unternommen, auf der Suche nach den Wurzeln, erzählt sie. „Aber das sind doch nicht meine Wurzeln.“ Jetzt, da sie über 90 ist, begibt sie sich auf diese Reise. 

Man sieht sie vor dem Haus, in dem sie einst gewohnt hat, sie zeigt zum Balkon. Sie spricht Deutsch mit ihrem Enkelsohn und scheint sich gern zu erinnern. Genau weiß man es nicht. Auf die Suche nach dem Grab der Mutter, die sich umgebracht hat, geht der Enkel ohne sie. Er findet den Stein in einem verwilderten Teil des Friedhofs, überwuchert von Efeu. Da sind die Wurzeln. Aber nur die Enkel scheinen daran anknüpfen zu können.

„Wenn ich in Berlin im Café sitze, habe ich das Gefühl, im Wohnzimmer meiner Großeltern zu sein“, sagt Gil Levanon. Ob dieses Gefühl seinen Ursprung wirklich in der DNA hat, die viel länger in Europa lebte als in Israel, wie sie vermutet? Die Erklärung deutet jedenfalls auf Gefühle von Verbundenheit hin, die offenbar auch für die Enkel so überraschend sind, dass sie nach Gründen tief in ihrem Inneren suchen. 

Auch Dan Peled sagt, dass er sich in Berlin so zu Hause fühle, wie er es in Israel nie gewesen sei. Eine Schatzsuche nennt er dieses Aufspüren der Wurzeln der Großeltern, die auch seine sind. Man stutzt bei diesem Wort. Die dunkle Vergangenheit etwas Kostbares? Aber vielleicht geht es gar nicht so sehr um das Aufspüren des Dunklen, sondern der Spuren von Existenz, und damit auch ihrer Berechtigung, die die Nazis ihnen abgesprochen haben. 

In der letzten Szene des Films stehen die beiden Filmemacherinnen vor einer Holztruhe auf einem Dachboden, darin liegt die SS-Uniform von Kat Rohrers Großvater. Ihre Familiengeschichte ist also auch Teil der Geschichten, die sie hier erzählt.

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