Lade Inhalte...

Auschwitz Eine Frankfurter Heldengeschichte

Thomas Gnielka, politischer Redakteur der Frankfurter Rundschau, recherchierte die Fakten für den Auschwitz-Prozess. Jetzt wird sein Lebenswerk verfilmt. Die FR zeigt den Trailer zum Film exklusiv.

"Im Labyrinth": Thomas Gnielka und seine Geschichte zum Auschwitz-Prozess kommen in diesem Jahr in die Kinos. Foto: Fritz Bauer Institut

Frankfurt 1959. Die Stadt baut auf. Die ersten neuen Häuser stehen und sehen total modern und richtig zweckmäßig aus. Die Straßen sind schön breit und sauber, ohne all den Kriegsschutt. Schon stauen sich an den Kreuzungen die Autos. Die Männer tragen Wollmantel und Hut. Die Frauen tragen Wollmantel und Rock. Es sind viele Leute in der Stadt unterwegs, sie wirken beschwingt und aufgeräumter Stimmung. Das Goethe-Haus ist wiedereröffnet, das Theater spielt Brecht.

Die mit dem Krieg zuende gegangene Vergangenheit soll endlich vergangen sein. Auch ein junger Berliner mit Namen Thomas Gnielka, der 1957 als politischer Redakteur zur Frankfurter Rundschau kam, versucht seinen Erinnerungen an die Zeit als Luftwaffenhelfer in der polnischen Stadt Auschwitz zu entkommen. Zu vergessen, das ist ja von höchster Stelle empfohlen.

"Wir sollten jetzt mit der Naziriecherei einmal Schluss machen", hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) Jahre zuvor im Bundestag gesagt - "denn, verlassen Sie sich darauf, wenn wir damit anfangen, weiß man nicht, wo es aufhört." Was der Alte prophezeite, bewahrheitet sich bei dem Kriegsheimkehrer Thomas Gnielka: "1959 war plötzlich alles wieder da", blickt der einstige FR-Kollege im Sommer 1961 zwei Jahre zurück. Am 14. Januar 1959 hatte sich nämlich ein alter Mann namens Emil Wulkan bei ihm gemeldet, ein Überlebender des KZ Auschwitz, der sich von dem Reporter Hilfe bei der Durchsetzung möglicher Entschädigungsansprüche erhofft. Gerade hatten Gnielkas Artikel über beschämende Zustände in der Wiesbadener Wiedergutmachungsbehörde für großen Wirbel gesorgt.

Das Gespräch mit Wulkan nimmt einen unerwarteten Verlauf. "Auf dem Büfett in seiner Wohnung lag ein Bündel Akten, zusammengehalten von einem roten Band. Er drückte mir das Paket in die Hand." In dem Moment schließt sich in gewisser Weise für Thomas Gnielka ein Lebenskreis. Er kommt wieder an in einer Geschichte, die 1944 auf einem Feld bei Auschwitz begann, als seine dort eingesetzte Berliner Schulklasse auf "200 lebende Gerippe mit Spaten in den Händen" traf, - ein Arbeitskommando aus KZ-Häftlingen, das für die Soldaten neue Munitionsbunker und Schutzwälle anlegen sollte.

Da war er 15 und ein traumatisierter Jugendlicher. Jetzt ist er 31 und wird zum Fahnder. Denn was der überlebende Emil Wulkan ihm da übergibt, das sind acht Blatt Papier mit dem Betreff "Erschießungen von Häftlingen auf der Flucht", mit Namenslisten. Außerdem, ordentlich untereinandergesetzt, 37 Namen der Schützen, von SS-Leuten, die durch "Erschießung der obengenannten Häftlinge" deren Flucht verhindert hatten. Die Papiere aus dem "KL Auschwitz" tragen die Unterschrift des letzten Lager-Kommandanten Richard Baer. Mit dem Rapport an die höhere Dienststelle ersucht Baer um "Einstellung der Ermittlungsverfahren" und bestätigt, dass "die Posten gemäß ihren Dienstanweisungen und nicht rechtswidrig handelten".

In seiner Rückschau auf jene Januartage 1959 erinnert sich Thomas Gnielka zwei Jahre später an die Folgen der Übergabe so: "Wenige Stunden später lief die Fahndung nach den SS-Männern an." Das Schreiben, mit dem er die Unterlagen an den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer übersendet, ist auf den 15. Januar 1959 datiert, also einen Tag nach dem Besuch. Die Dokumente, teilt er Bauer mit, seien ihm "zu treuen Händen" übergeben worden.

Der Brief klingt vollkommen unaufgeregt. Kollege Gnielka äußert gegenüber dem "sehr geehrten Herrn Generalstaatsanwalt" nur "eine kurze Bitte: Wäre es Ihnen möglich, mir von den Unterlagen Fotokopien herstellen zu lassen?" Er "denke daran, dass im Falle einer strafrechtlichen Verfolgung der beteiligten SS-Leute durch die Justiz der Inhalt der Papiere für eine Berichterstattung durch die FR von Wichtigkeit sein könnte".

Rebell gegen die Trägheit

Thomas Gnielka hatte über das, was er als Luftwaffenhelfer in Auschwitz gesehen hatte, über die "offenen Massengräber", an denen er stand, oft geschrieben, "ein Hörspiel, Geschichten, ein paar Artikel" zählt er 1961 in einem Bericht für die Zeitschrift Metall auf. Nun hatte er durch einen Zufall, so bestätigt es Werner Renz vom Frankfurter Fritz Bauer Institut, dem Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den "willkommenen Anlass" geliefert, den Auschwitz-Prozess zu eröffnen. Frankfurt wird zu dem Ort, an dem über die nationalsozialistische Menschenvernichtung Gerichtstag gehalten wird.

Und deshalb wird Gnielkas Geschichte hier erzählt. Zum zweiten Mal seit 2004, als sich die Eröffnung des Auschwitz-Prozesses zum 40. Mal jährte und der bis zum 27. September 1960 zur Redaktion gehörende Kollege vollkommen vergessen war. Wir wissen inzwischen noch einiges mehr. Nachdem in Frankfurt die Ermittlungen aufgrund der Belege vom Büfett des Herrn Wulkan angelaufen sind, arbeitet Kollege Gnielka den Anklägern unmittelbar zu: "Ich habe mit den beauftragten Staatsanwälten, jungen Leuten meiner Generation, viele Gespräche geführt."

Er will herausfinden, ob und wo sich Richard Baer, "der letzte, grausamste Kommandant des Lagers", versteckt hält - jener Mann, der die Namenslisten abgezeichnet hatte. Und er kommt ihm auf die Spur: "Ich fuhr nach Hamburg". Da nämlich war Baers Ehefrau Maria zuhause. Gnielka trifft dort aber weder den gesuchten Baer noch Maria an. Allein das Benehmen von Marias Schwester, ihrer "vorsichtigen Antworten" und ihr verräterisches Lob des "vorbildlichen Ehemanns", reichen ihm aus für "einen umfangreichen Bericht mit einem großen Bilde des letzten Kommandanten" in einer Illustrierten. Gnielka äußert in dem Artikel den Verdacht, dass dieser "irgendwo unter einem falschen Namen das Leben eines Biedermanns führte".

"Unmittelbar danach" wird Richard Baer nach Gnielkas Schilderung an seiner Arbeitsstelle im Wald verhaftet; da hat er unter dem Namen Neumann als Hausmeister gearbeitet. Es ist der 20. Dezember 1960. Gnielka beobachtet, dass sich "der Oberhenker von Auschwitz" bei seiner Verhaftung "vor Angst in die Hosen machte". Er stellt fest: "Wegen des gleichen Malheurs hatte er 1944 viele Häftlinge des Lagers Auschwitz als ,einscheißende Untermenschen' erschießen lassen."

"Es wurde immer mehr und zu viel", machte sich im Jahr 2004 Ingeborg Gnielka klar, als in der FR erstmals an ihren Mann erinnert wurde. Die Witwe und Mutter seiner fünf Kinder hatte viele der Überlebenden in den langen Monaten vor und während des Prozesses im Haus der Familie im Taunus verköstigt und untergebracht. Was an Fürchterlichem geschehen war, kam regelmäßig mit auf den Tisch. Ingeborg Gnielka glaubte 2004, es war ihr eigenes letztes Lebensjahr, "dass mein Thomas daran gestorben ist". 1963 wird bei Thomas Gnielka Hautkrebs festgestellt; im Januar 1965 war er tot. Der "Rebell gegen die Trägheit", wie die Frankfurter Rundschau ihn im Nachruf bezeichnet, ist nur 36 Jahre alt geworden.

Doch jetzt zieht seine Geschichte Kreise. Gnielka, die Staatsanwälte und Generalstaatsanwalt Fritz Bauer kommen dieses Jahr ins Kino. Der Spielfilm "Im Labyrinth" soll "die komplexen Strukturen und die innere Zerrissenheit des jungen Nachkriegsdeutschland" zeigen. Der 1. Auschwitz-Prozess ist am 20. Dezember 1963 im Frankfurter Römer eröffnet worden.

Ein 40-Mann-und-Frau-Team ist dabei, das Frankfurt von 1959, als den Journalisten seine Erinnerungen einholen, detailgetreu zu rekonstruieren. Dem halben Bolongaropalast im Stadtteil Höchst, lange schon kein Palast mehr sondern ein abgenutztes Amtsgebäude, hat das Team der Filmschaffenden das Erscheinungsbild der Nachkriegszeit verpasst. Seit Jahren arbeiten sie an dem Drehbuch; einen der jungen Staatsanwälte von damals, Joachim Kügler, konnten sie noch sprechen, ehe er gestorben ist. Es soll ein Frankfurt-Film werden: "Es ist eine Frankfurter Heldengeschichte" kündigt Regisseur Giulio Ricciarelli an, der mit der Autorin Elisabeth Bartel und der Co-Produzentin Sabine Lamby den Stoff entwickelt. Neben Thomas Gnielka hat ein junger Staatsanwalt eine Hauptrolle. Die Beteiligten empfinden es als Gratwanderung: Wie zeigt man mit der Betroffenheit von heute eine Gesellschaft, die "von nichts wusste"? Auschwitz, das war 1959 in der deutschen Geschichte "ein weißer Fleck", sagt Werner Renz, der Experte vom Fritz Bauer Institut.

Bei den Dreharbeiten im vergangenen Herbst wird aus dem teilweise leerstehenden Bolongaropalast die Justizbehörde der "Staatsanwaltschaft Frankfurt". Die Wände sind in Ämtergrau gestrichen, die Fenster in den Amtsstuben mit schmutzigweißen Stores verhängt. Auf den Holzschreibtischen fallen die schwarzen Bakkelit-Telefone ins Auge. Akkurat hat man die gestapelten rosa Aktendeckel von Hand mit Namen beschriftet. Eine Schreibmaschine ist zur Seite gestellt, neben den Blumentopfständer. Der Fernschreiber im Holzgehäuse zeigt den Einzug der modernen Zeit. Fritz Bauers Büro nebenan ist doppelt so groß und ebenso schlicht. Die schwarz-weiße Tapete, die man von einem historischen Foto kennt, identifiziert den Ort.

Aus dem Vorraum ist die Stimme von Thomas Gnielka (André Szymanski) zu hören - und wie der Oberstaatsanwalt (Robert Hunger-Bühler) ihn süffisant begrüßt: "Tag, Herr Gnielka, mal wieder auf der Suche nach einer Story für die Rundschau?" Gescheitelte Angestellte und ondulierte Sekretärinnen stehen rum, lachen beflissen. Gnielka, in rotem Pullunder, läuft ruhelos umher, hält den Umstehenden ein Dokument vor die Augen - mal dem, mal jenem. Er ruft: "Da draußen läuft ein Mörder frei herum! Interessiert Sie das?"

"Sie sind ja ein herrlicher Brausekopf!", reagiert der Oberstaatsanwalt grinsend. 15-, 20-mal wird die Szene gedreht. Auch in den Pausen lässt André Szymanski seine Rolle nicht los, er tigert umher, raucht eine nach der anderen, seine Hand zittert. "Es reißt einen mit", sagt der Schauspieler. Thomas Gnielkas Artikel, die die FR später in einer Broschüre zusammenfassen ließ, hat er "immer dabei".

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen