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„Aus nächster Distanz“ Der Feind in einem selbst

Eran Riklis’ unentschlossener Agenten-Thriller „Aus nächster Distanz“.

Aus nächster Distanz
Darf eine Agentin so zart, scheu und freundlich sein? Neta Riskin als Naomi, mit Yehuda Almagor. Foto: Gordon Timpen/NFP/dpa

Der israelische Geheimdienst Mossad, zuständig für die Aufklärungsarbeit im Ausland, gilt als besonders gut informiert und effektiv, auch, was den Schutz der eigenen Mitarbeiter betrifft. Vielleicht hat das mit der Geschichte zu tun, denn unter dem englischen Mandat organisierten seine Vorläuferorganisationen Schiffe für die Emigration nach Palästina. „Wir passen auf unsere eigenen Leute auf“, heißt es dementsprechend selbstbewusst in Eran Riklis’ Film „Aus nächster Distanz“, als ein Mossad-Offizier die eigentlich nicht mehr aktive Agentin Naomi zur Rückkehr in den Dienst überreden will. Allerdings sieht man Naomis Blick an, dass sie in die Worte des Vorgesetzten nicht viel Vertrauen setzt. Vertrauen gehört zu den Dingen, die man sich als Spionin als allererstes abgewöhnen sollte.

Der 1954 in Jerusalem geborene Eran Riklis ist bekannt dafür, den Nahost-Konflikt in menschliche Schicksale zu kleiden. In „Die syrische Braut“ muss die Titelfigur nur die Grenze von den besetzten Golanhöhen nach Syrien überschreiten, doch dieser Schritt bedeutet, nie wieder zurückkehren zu können. In „Lemon Tree“ wird der Streit ums Land ganz konkret auf Ackerboden ausgetragen, und nun also die Schlapphüte: Menschen, die von Berufs wegen nie sagen, wer sie wirklich sind und was sie im Schilde führen. Schauspieler auf manchmal tödlicher Mission, immer auf der Hut, immer misstrauisch, so als müsse man von sich selbst auf alle anderen schließen.

Die von der israelischen Stardarstellerin Reta Riskin verkörperte Naomi entspricht dem Bild der zähen, mit allen Wassern gewaschenen Agentin allerdings in gar keiner Weise. Sie ist scheu, unsicher fast, sie wirkt freundlich und bescheiden, und vielleicht ist all das die beste Tarnkappe, die man sich für einen Auftrag wünschen kann, bei dem das Leben einer libanesischen Informantin (Golshifteh Farahani) auf dem Spiel steht. 

Diese Mona sieht man zu Beginn des Films, wie sie von allem Abschied nimmt: von der Silhouette Beiruts, die im Morgenlicht schimmert, vom Meer, vor allem aber von ihrem kleinen Sohn. Ein Safe House, eine sichere Wohnung in Hamburg ist ihr nächstes Ziel, bevor sie nach einer Gesichtsoperation nach Kanada weitergeschleust werden soll. Sie in dieser Zwischenzeit zu beschützen, ist Naomis Aufgabe. 

Der Feind lauert in einem selbst, und Freundschaft ist zwar ein Sehnsuchtsziel, aber gefährlich, diese innere Spannung prägt „Aus nächster Distanz“ von Anbeginn an. Der Originaltitel „Shelter“ trifft es besser, denn genau dieser Schutz ist Illusion: Was, wenn der verdächtig oft am Fenster stehende Mann gegenüber ein gegnerischer Agent, was, wenn der Zeitungsverkäufer im Kiosk nebenan deine ärgste Bedrohung wäre? Naomis morgendliche Touren zum Bäcker und zu wechselnden Telefonzellen inszeniert Riklis wie einen Spießrutenlauf, einen halluzinatorischen Alptraum voller möglicher Fallen. 

Dass es sich bei diesem Gefühl ständiger Bedrohung um eine spezifisch jüdische Befindlichkeit handeln könnte, legt ein Blick auf die Stolpersteine nahe, die im Gehweg vor dem Safe House eingelassen sind. Und dass Naomi ihres sanften Äußeren zum Trotz einen harten Kern besitzt, zeigt ihre Fähigkeit, äußerst flink die Waffe zu ziehen. 

„Aus nächster Distanz“ ist nicht Riklis’ stärkster Film. Waren andere Werke wie eben „Die syrische Braut“ Großmetaphern auf die Lage in Israel, den besetzten Gebieten und partiell auch bei den Nachbarn, so kann sich sein neues Werk nicht recht entscheiden, was es sein will – Agentenfilm oder Psychodrama, Thriller oder Beziehungskonflikt. Denn bei aller Spannungsdramaturgie, die Riklis immer wieder anstrebt, im Mittelpunkt des Geschehens steht das Aufeinandertreffen zwischen der Agentin Naomi und der Informantin Mona. Dass nicht allein Mona physisch und seelisch verletzt ist, dass auch Naomi schwer an einem Trauma trägt, wird rasch deutlich, vielleicht zu rasch, denn für eine wirkliche Herleitung bleibt Riklis bei all seinem geheimdienstlichen Treiben nicht genügend Zeit. 

Immerhin verfügt er mit Reta Riskin und Golshifteh Farahani über zwei profilierte Darstellerinnen, denen es tatsächlich gelingt, ihren Figuren Geheimnis und Tiefe zu verleihen. Wäre er diesen Ansätzen entschiedener gefolgt, wer weiß, vielleicht hätte man aus dem Agentenunwesen wirklich etwas mehr über das menschliche Wesen erfahren. 

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