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"Aus dem Leben eines Schrottsammlers" Eine Winternovelle

Überlebenskampf und Überlebenswille: Danis Tanovic erzählt in seinem Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ vom Alltag einer Roma-Familie.

15.10.2013 12:28
Anke Westphal
Nazif Mujic (von links) als Nazif, Senada Alimanovic als Senada und Semsa Mujic als Semsa in einer Szene des Kinofilms "Aus dem Leben eines Schrottsammlers". Foto: dpa

Die ganze Familie ist daheim. Die Mutter kocht, die Kindern albern vor dem Fernseher herum, der Vater trinkt Kaffee, und dann holt er Holz. Das hier sind arme Leute; ihr Zuhause ist sehr bescheiden – eben so ausgestattet wie die Wohnungen der anderen Roma, die in diesem Dorf irgendwo in Bosnien leben. Und trotz der Armut ist dies Heimat, die Leute lieben ihre Kinder, wie anderswo, in anderen Ländern, Eltern ihre Kinder lieben.

So viel ist klar nach den ersten Szenen des neuen Films von Danis Tanovic. „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ erzählt von einem ganz normal erscheinenden Alltag, der jäh unterbrochen wird durch ein unerwartetes Ereignis. Nein, es kommen keine Rassisten mit Gewehren, um die Roma zu töten, wie in Bence Fliegaufs Drama „Nur der Wind“. Und doch geht es auch hier um die Erfahrung von Rassismus, aber es ist eine latente, systemisch verankerte.

Eines Tages klagt Senada (Senada Alimanovic) über Schmerzen im Bauch, sie mag gar nicht mehr aufstehen vom Sofa. Ihr Mann Nazif (Nazif Mujic) bringt sie zur Ärztin, die einen toten Fötus in Senadas Leib diagnostiziert. Der muss sofort in einer Klinik operativ entfernt werden, sonst stirbt Senada womöglich. Doch nicht mit der Diagnose, sondern mit der Fahrt zum Krankenhaus beginnt das Drama. Denn die Klinik will die Roma-Frau nicht aufnehmen, weil sie nicht krankenversichert ist. Noch bevor das überhaupt klar wird, gibt es schon scheele Blicke auf den Korridoren und aus dem Arztzimmer. Blicke, unter denen Nazif die Lider senkt, aber nicht zurückweicht – er will seine Frau retten.

Bei Danis Tanovic führt die Reise in eine Mehrheitsgesellschaft, die den Hauptfiguren nicht freundlich gesonnen ist, nicht zum offensichtlichen Drama. Die Tragödie manifestiert sich hier vielmehr subkutan, still und schleichend, etwa in der Art und Weise, wie Nazif immer weitermacht, nur ein wenig gebückter, fast so, als wolle er nicht auf sich aufmerksam machen, wie er verzweifelt nach einer Lösung des Problems sucht. Er verdient den kärglichen Lebensunterhalt als Schrottsammler und ist nicht in der Lage, den operativen Eingriff privat zu bezahlen. Aber er gibt nicht auf, er fährt zur Sozialfürsorge des Bezirks, und irgendwann klopft er sogar beim Roma-Frauenverein an. Niemand kann helfen. Diese Roma können sich nur untereinander helfen. Der Versicherungsbetrug mit einem von Verwandten geliehenen Krankenkassenausweis rettet Senada schließlich das Leben. Wo man den Roma das Rechtmäßige verwehrt, werden sie in den rechtsfreien Raum hineingezwungen.

Danis Tanovic ist ein Regisseur, der seine Figuren und Geschichten mit Sorgfalt bedenkt; das hat er in Filmen wie dem Oscar-prämierten „No Man’s Land“ bewiesen. Ganz nah ist seine Handkamera am Geschehen, ohne dass man sich als Zuschauer zur Stellungnahme genötigt fühlt oder aber als Voyeur. Man sieht die prekären Lebensbedingungen dokumentiert und wie diese Menschen Arbeiten verrichten, die etablierten Westeuropäern fremd geworden sind. Wasser holen, Ofen anheizen, Teigkränze flechten. „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ ist zu einem guten Teil auch ethnologische Bestandsaufnahme, um eine Lebensform als gleichwertig sichtbar zu machen.

Tanovic arbeitet mit Laiendarstellern, die seinem Film natürlich Authentizität verleihen, aber darüber hinaus auch Dringlichkeit. Denn sie bezeugen in „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ ja ihre eigene Lebensrealität. Und das macht diesen nur 77 Minuten langen, ohne jede Dramatisierung oder Sentimentalisierung auskommenden Film zu einer Ohrfeige für alle Gleichgültigen. Sie dürfen sich durch den gegen alle Widerstände, alle Verzweiflung aufrechterhaltenen Lebensmut und Überlebenswillen dieser Roma beschämt fühlen. Und sich ganz aktuell fragen: Wie kann man Menschen in höchster Not nur abweisen? Auf der Berlinale 2013 wurde der für nur 17 000 Euro gedrehte Film mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet; der Hauptdarsteller Nazif Mujic erhielt völlig zu Recht den Silbernen Bären.

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