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„Augenblicke – Gesichter einer Reise“ „Godard, du bist eine alte Ratte!“

Heute wird die Nouvelle-Vague Filmemacherin Agnès Varda 90 Jahre alt – und ihr jüngster, leichtester Film „Augenblicke – Gesichter einer Reise“ läuft im Kino an.

Nathalie
Porträt von Nathalie mit Sonnenschirm in Bonnieux, Südfrankreich. Foto: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals

Die einzige Frau in der Cineastenriege der Nouvelle Vague ist fraglos die Grande Dame des europäischen Autorenfilms. Doch begegnet man ihr dann, wie vorletzte Woche wieder im Gewimmel von Cannes, scheint kein Attribut so wenig auf die agile kleine Frau von seit dem heutigen Mittwoch 90 Jahren zu passen wie dieser doch recht bürgerliche Ehrentitel.

Im vergangenen März war sie mit ihrem dokumentarischen Road-Movie „Visages, villages“ („Augenblicke – Gesichter einer Reise“) bei den Oscars nominiert, als älteste Person in der Geschichte des Preises, der sogar selbst noch etwas jünger ist als sie.

Eigentlich hatte sie ihre Karriere bereits vor zehn Jahren beendet mit dem autobiographischen Filmessay „Die Strände von Agnès“, doch dann fand die Regisseurin von mehr als fünfzig Filmen eine unwiderstehliche Inspiration. Ihre Tochter Rosalie machte sie mit dem 35-jährigen Fotokünstler JR bekannt, der mit einer neuen Technik die soziale Fotografie wiederbelebt. Mit einem kleinen Wohnmobil reist er über Land, fotografiert Passanten, Dorfbewohner oder Alltagsminiaturen, druckt sie an Ort und Stelle auf riesige Formate und klebt sie dann an Wände. Lange überlebt das dünne Papier dort nicht, JRs Kunst ist vergänglich, weshalb sie Agnès Varda wohl nun mit einem gemeinsamen Film verewigt.

Doch dieser Reisefilm ist nicht nur ein Porträtfilm über einen anderen Künstler, der wie Varda zu Beginn ihrer Karriere Straßenfotografie betreibt. In den USA, wo der Film sehr erfolgreich im Kino läuft, sieht man darin wohl zuerst ein unterhaltsames „Buddy Movie“ – die Geschichte einer ungleichen Freundschaft. Wenn JR eine neckische Bemerkung über die Zehen seiner 45 Jahre älteren Reisebegleiterin macht und sie später mit einem Großfoto dieser Zehen überrascht, wäre das auch eine schöne Spielfilmszene. Ein anderes Mal klebt er ins Riesenhafte vergrößerte Bilder ihrer Augen auf einen Güterzug und sagt dazu: „Dieser Zug wird an Orte reisen, die du niemals siehst.“

„Augenblicke“ ist vielleicht der leichteste Film in Vardas Schaffen, in das er sich nun einfügt wie ein unverhofftes Dessert. Schon ihr tieftrauriger Spielfilm „Vogelfrei“ erzählte von der Suche nach Freiheit und Selbstbestimmtheit, die allerdings für die von Sandrine Bonnaire gespielte Protagonistin in eine schutzlose Ländlichkeit und schließlich ins nackte Elend führt. Der Süden Frankreichs, dem Varda ihr erstes Fotobuch gewidmet hatte, sah im Kino nie feindseliger aus.

In ihrem Kapitalismus-kritischen Dokumentarfilm „Die Sammler und die Sammlerin“ folgte sie Menschen, die sich von Abfällen in der Landwirtschaft und von Weggeworfenem ernähren.

Vardas Begabung, sich in Unbekannte einzufühlen und zur Essenz ihrer Lebenswirklichkeit vorzustoßen, ist auch das Geheimnis dieses neuen Films. „Der Zufall war immer mein bester Ratgeber“, erklärt die Regisseurin, die ihrerseits als Fotografin zum Film fand, ihrem jungen Kollegen. Die Modelle findet sie am Wegesrand – eine tierliebende Ziegen-Bäuerin oder die letzte Bewohnerin einer Abbruchsiedlung, die partout nicht ausziehen will. Nur am Ende steht sie einmal vor verschlossener Tür, doch die gehört einem alten Freund.

„Godard, du bist eine alte Ratte!“, entfährt es der Filmemacherin, freilich nicht zu Unrecht. Ihr einstiger Weggefährte versetzt sie ganz offensichtlich. Und doch musste es dieser Augenblick in diesen Film schaffen, schließlich sind Varda und Jean-Luc Godard nun einmal die letzten aktiven Überlebenden der frühen Nouvelle Vague. Und noch immer gehören sie zur Avantgarde.

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