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„Asphaltgorillas“ Die Unterwelt frisst ihre Kinder

Detlev Buck hätte in seinem neuen Film der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten können, aber „Asphaltgorillas“ begnügt sich mit vielen, vielen Gags.

Szene aus „Asphaltgorillas“
Der Dobermann mit Namen Platon gehört nicht zur Dekoration: Marie (Ella Rumpf), Atris (Samuel Schneider). Foto: Constantin Film Verleih

Atris ist ein Pechvogel. In der Eingangsszene reicht er seinen Joint einem jungen Mann, der schimpft, weil es ihm gerade in die Pommes geregnet hat. „Hier, zum Runterkommen“, sagt er freundlich. Nur ist der Nassgeregnete leider ein Zivilpolizist und dreht Atris sofort den Arm auf den Rücken. Aber Atris ist auch ein Kreuzberger Streetkid. „Ey, ich werde gerade überfallen“, ruft er ein paar Männern zu, die über den Hof kommen. Es ist ein Trick, den er schon als Kind angewendet hat, wie man später erfährt. Und dem Freund, mit dem er damals durch dick und dünn ging, läuft er wenig später vors Auto. Genau gesagt vor den metallicblauen Lamborghini.

Das gibt Atris zu denken, steht er selbst doch in seiner Dealer-Gang auf der untersten Stufe. Und sein Zuhause, das er mit Schwestern, Mutter und Großvater teilt, ist auch kein Zufluchtsort. Fast täglich schleppt die Mutter eine neue Heiratskandidatin an. „Freunde machen dich reich, aber eine Frau macht dich groß“, sagt der Großvater. Es klingt wie eine Drohung. 

Dass der Regisseur Detlef Buck sich der  Berliner Unterwelt angenommen hat, ist lange her. Die düstere Milieustudie „Knallhart“ über Dealer, Hartz-IV-Empfänger und gewalttätige Jugendliche in Neukölln ist von 2006. In den vergangenen Jahren hat Buck Kinderfilme gedreht, „Ostwind“, „Bibi & Tina“. Sein jüngster Film spielt wieder im kriminellen Milieu von Berlin. Aber fast wie im richtigen Leben geht es nicht zu, auch wenn der Pate von Kreuzberg von Kida Khodr Ramadan verkörpert wird, der in „4 Blocks“ reüssierte, einer Serie, die der Wirklichkeit recht nahe zu kommen schien. 

Mit Klischees spart Buck absichtlich nicht

Buck aber hat aus seinem Gangsterfilm eine Posse gemacht. Schon die Anhäufung von Gangs ist übertrieben. So gibt es nicht nur die Türken mit ihrem Hauptquartier in der Bar Xara Beach unter dem Neuen Kreuzberger Zentrum, es gibt dazu auch noch die Russenmafia, verkörpert von einem Geschäftsmann, der die Barmillionen im Wandschrank seiner protzig eingerichteten Wohnung lagert. Diese befindet sich übrigens in dem Wohnturm an der East-Side-Gallery, gegen dessen Bau es so viel Protest gab. Dank Buck gelangt man nun hinein und muss zugeben: Die Aussicht über die Spree hin zur Oberbaumbrücke ist glamourös. Und die Vietnamesenmafia sitzt zwar angeblich in Warschau, gedreht wurde aber wohl im Lichtenberger Don Xuan Center. Und verhandelt wird beim Tischtennis, das können Asiaten ja besonders gut. 

Mit Klischees spart Buck absichtsvoll nicht. Später gibt es auch noch Kung-Fu, mit Hilfe von Zeitlupe und Zeitraffer übertrieben in Szene gesetzt wie alle der zahlreichen Kampf- und Prügelszenen im Film. Nicht einmal den einzigen Bandenmord kann man ernst nehmen, so makaber überspitzt wird er inszeniert. 

Zwar distanziert sich der Film durch seinen Titel vom Machogehabe der von männlicher Dominanzhierarchie geprägten Gangwelt, die auch nicht anders als eine Affenbande funktioniert. Aber die Frauen darin müssen sich trotzdem vor allem an der Polestange verrenken oder am Pool räkeln. Was soll Buck machen. In der Welt des Verbrechens sind weder die Emanzipation noch die MeToo-Debatte angekommen. Gerächt werden die weiblichen Objekte von Bettina, dargestellt von Ella Rumpf („Tiger Girl“). Sie ist als coole Socke einfach unschlagbar. „In einem Mann steckt ein Teufel, in einer Frau neunundneunzig“, ruft ihr Atris’ Boss entnervt hinterher. Es macht Spaß, dabei zuzusehen, wie Atris sich in Bettina verliebt, und der weitere Verlauf der Geschichte ruft einem die Lebensweisheit von Atris’ Großvater ins Gedächtnis. Auch die übrigen Rollen sind mit Jannis Niewöhner als Atris’ Jugendfreund, Georg Friedrich als Mann für alle Fälle, dem umwerfend lächelnden Samuel Schneider als Atris und dem Instagram-Sternchen Stefanie Giesinger als Tochter des Russen gut besetzt. 

Eine Posse kann Spiegel der Gesellschaft sein, doch Detlef Buck bemüht sich nicht darum. Systemkritik übt er höchstens in dem einen Bild, in dem er ein schickes Townhouse vor das Neue Kreuzberger Zentrum stellt. Wie eine groteske Fototapete wirkt die Montage. Es lebt in dem Haus ein reich gewordener Rapper mit Migrationshintergrund, der zwar seine Verbindungen zur kriminellen Szene nicht gekappt hat, aber das Häuschen mit seiner blonden, veganen Freundin bewohnt. Die Unterwelt frisst ihre Kinder, und Berlin frisst seine Bewohner mit den Mitteln des Immobilienmarkts. Aber das nur nebenbei.

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