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Artur Brauner Revuefilm und Vergangenheitsbewältigung

Der legendäre Filmproduzent Artur Brauner wird hundert Jahre alt.

Artur Brauner
Als polnischer Jude konnte er den Nazis entkommen: Artur „Atze“ Brauner in seinem Haus in Berlin. Foto: dpa

Mehr als 250 Filme produzierte Artur Brauner, doch auch wenn es nur einer gewesen wäre, hätte er einen Platz in der Filmgeschichte. Dieser eine Film heißt „Morituri“ und ist neben dem ebenfalls 1948 erschienenen, in jiddischer Sprache gedrehten Drama „Lang ist der Weg“ der erste deutsche Spielfilm über den Holocaust.

Heute ist es leicht, „Morituri“ zu sehen. Es gibt ihn restauriert auf DVD zu kaufen, und er ist Teil der Artur-Brauner-Mediathek in im Visuellen Zentrum Yad Vashem in Jerusalem. In der unmittelbaren Nachkriegszeit aber stieß er in Deutschland auf vehemente, ja gewalttätige Ablehnung. Die Geschichte des Ausbruchs einer Gruppe von KZ-Insassen, ihre Flucht durch polnische Wälder – der ursprüngliche Titel war „Die Todgeweihten“ – war autobiographisch inspiriert. Anders als 49 seiner Verwandten konnte der verfolgte polnische Jude Artur Brauner vor den Nazis fliehen. Mit seinen Eltern und vier Geschwistern gelang ihm die Flucht in die Sowjetunion.

Wie er bis heute erzählt, waren es entsetzliche Eindrücke wie die aufgerissenen Augen eines ermordeten jüdischen Jungen, die ihn dazu drängten, das Erlebte in Filmbilder zu gießen. Zehn Jahre später erinnerte sich der Filmpublizist Curt Riess in seinem populären Band „Das gab’s nur einmal“: „In manchen Kinos wird der Film schon nach der ersten Vorstellung abgesetzt, weil die betreffenden Theater renoviert werden müssen. Das empörte Publikum hat nämlich die Sitze zusammengeschlagen. Und Artur Brauner verliert an diesen Film die letzte Mark, die er noch besitzt. Trotzdem bereut er keinen Augenblick, ihn gedreht zu haben, wird es auch später nie bereuen.“ Tatsächlich kam Brauner, der sich die kommenden Jahre ausschließlich dem Unterhaltungsfilm verschreiben wird, in späteren Jahren immer wieder auf die Shoah als Filmthema zurück. Zu den zwanzig Filmen, die man in Yad Vashem von ihm sehen kann, zählt auch der Welterfolg „Hitlerjunge Salomon“. 1990 von Agnieszka Holland inszeniert, hätte er in den USA wohl große Chancen auf einen Oscar gehabt. Dass ihn die deutsche Auswahlkommission nicht ins Rennen schickte, erlebte Brauner als unverzeihlich. Die Akademie in Los Angeles wollte den Film gleichwohl nicht übergehen und nominierte Holland als Drehbuchautorin.

Was beide Filme verbindet, ist ihr Versuch, das Menschheitsverbrechen mit den bewährten Mustern der Spannungsdramaturgie zu transportieren. Das ist fraglos legitim – nur drei Jahre nach „Hitlerjunge Salomon“ bewies dies Steven Spielberg meisterhaft mit „Schindlers Liste“, aber in Deutschland offenbar besonders vermittlungsbedürftig. 1948 gelang es Brauner noch nicht, wie in späteren Jahren, auf Mitarbeiter mit Vergangenheit im NS-Kino zu verzichten; Regisseur Eugen York begann seine Karriere mit dem propagandistischen Kurzfilm „Wort und Tat“, einer Gemeinschaftsarbeit mit Fritz Hippler, dem Regisseur des schlimmsten Hetzfilms der NS-Zeit, „Der ewige Jude“. Auch Hauptdarstellerin Winnie Marcus und die Studio-Ästhetik erinnern mehr an den Look der Ufa-Filme als an den Realismus der zur selben Zeit entstehenden „Trümmerfilme“, und mit Wolfgang Zeller hatte Brauner sogar den Komponisten von „Jud Süss“ verpflichtet. Wie es aus heutiger Sicht erscheint, war Brauner überzeugt, mit den ästhetischen Standards des Unterhaltungsfilms ein großes Publikum für ein ernstes Thema zu gewinnen. Letzteres erwies sich im restaurativen Klima der Nachkriegszeit als nahezu unmöglich.

Für Unterhaltungsfilme allerdings konnte der Markt kaum größer sein. Erst 1955 wagte sich Brauner wieder an zeitkritische und politische Themen, diesmal weit erfolgreicher: Das Widerstandsdrama „Der 20. Juli“ inszenierte die Umstände des gescheiterten Attentats. Zugleich gab Brauner Robert Siodmak die Gelegenheit, Hauptmanns Drama „Die Ratten“ mit expressionistischen Stilelementen zu inszenieren.

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