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„Arthur und Claire“ Aber warum war sie so verzweifelt?

In „Arthur und Claire“ spinnt Josef Hader seine grantig-liebenswerte Filmpersona weiter.

Arthur und Claire
Sie überlegen es sich dann doch anders: Arthur und Claire. Foto: Tivolifilm/Universum

Wer der österreichischen Kunst schon immer eine gewisse Todesnähe nachsagt, wird sich kaum über diese Filmidee wundern: Ein todkranker Österreicher reist nach Amsterdam, um in einem Krankenhaus die dort erlaubte Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Den letzten Abend seines Lebens will er gemütlich in seinem Hotel verbringen, doch der Lärm des Nebenzimmers hält ihn davon ab. Als er sich dort wütend umschaut, findet er eine Frau, die gerade selbst dabei ist, sich mit Schlaftabletten umzubringen. Man einigt sich darauf, gemeinsam durch die Nacht zu ziehen.

Es ist schon erstaunlich: Als die Tragikomödie „Arthur und Claire“ im vergangenen Monat in Österreich anlief, war die morbide Grundidee bei der Kritik kein Thema. Sollte man etwa nur im Ausland etwas spezifisch Österreichisches in dieser Begegnung zweier Sterbewilliger hineinlesen? Dabei sind nationale Vorurteile schon beim ersten Kennenlernen ein Gesprächsthema in dieser verhaltenen Liebesgeschichte („Ich bin kein Deutscher, ich bin Österreicher“ – „Na super, noch schlimmer“).

Josef Hader, der schon in seiner Regiearbeit „Die wilde Maus“ einen gescheiterten Selbstmörder spielte, hat sich hier ein Theaterstück von Stefan Vögel so umgeschrieben, dass man „Arthur und Claire“ fast wie eine Fortsetzung des erfolgreichen Vorgängers ansehen kann. Bereits im Flugzeug macht sich der Griesgram keine Freunde, als er über die Risiken von Luftlöchern doziert. Und als er am Flughafen den gewünschten Leihwagen nicht bekommt, benimmt er sich wie sich Hans Moser benommen hätte, wenn er denn Sixt und Co noch hätte erleben müssen: In der untröstlichen Gekränktheit findet wenigstens der Selbsthass eine willkommene Bestätigung. Was also macht diesen Miesepeter so liebenswert, dass eine bildhübsche junge Frau (Hanna Hoekstra) seinetwegen ihre eigenen Suizid-Absichten über Bord wirft?

Es ist ein wenig wie beim jüngeren Woody Allen, der gleichzeitig unnahbar und hilfsbedürftig wirken konnte. Doch Amsterdam ist nicht „Manhattan“, und etwas scheint diesem Paar zu fehlen, damit wir ihrer Odyssee durchs Nachtleben, zu Coffee-Shop und Whiskybar, wie selbstverständlich folgen könnten. Obwohl beide Figuren die gleiche Leinwandzeit beanspruchen, lernen wir Arthur viel besser kennen als Claire. Und wenn alles auf die Frage hinausläuft, ob er seinen Freitod noch immer in die Tat umsetzen will, scheint längst vergessen, warum denn Claire so verzweifelt gewesen sein mochte, dass sie sterben wollte.

So ist es gar nicht einmal so sehr der Altersunterschied dieses möglichen Paares, der uns am Eintauchen hindert in die „Before Sunrise“-Romantik. Sie sind nur deshalb ein ungleiches Paar, weil ihre Charaktere nicht mit der gleichen Sorgfalt ausgeführt sind. Und wenn schon Josef Hader sich als Autor weniger für die Frau interessiert als für die eigene Figur, wie sollte dann sein fiktives alter Ego ihre Liebe entfachen?

Zweipersonenstücke können am Theater bestens funktionieren, im Kino gelingen sie höchst selten. Auch jenseits der Innenräume schafft es Regisseur Miguel Alexandre nicht ganz, das Kammerspiel zu öffnen. Dabei geht so etwas ja auch richtig minimalistisch: Von weitem erinnert die Geschichte an Aki Kaurismäkis melancholischen Klassiker „I Hired a Contract Killer“, der seinerseits von Jules Vernes Roman „Die Leiden eines Chinesen in China“ inspiriert war. „Arthur und Claire“ bleibt dagegen bis zum Ende eine Skizze, sympathisch zwar, aber doch zu flüchtig, um uns wirklich in die Nähe von Leben und Tod zu führen.
 

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