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Arabisches Kino „In den Köpfen hat sich viel verändert!“

Die Arabellion hat auch das dortige Kino zum Blühen gebracht. Beim Berlinale-Fokus "Arabischer Frühling" werden die besten aktuellen Filme aus der Region vorgestellt: Mutige Streifen von jungen Regisseuren. Doch neu ist die Bewegung des Unabhängigen Kinos in der arabischen Welt nicht.

07.02.2012 17:20
Auch Sean McAllisters Dokumentarfilm "The Reluctant Revolutionary" widmet sich dem Arabischen Frühling: Obwohl schon drei Monate vor den ersten Aufständen im Jemen gedreht, ist im Film deutlich die Spannung zu spüren, die nach 33 Jahren Herrschaft von Diktator Ali Abdullah Saleh das Land bestimmt. Foto: Berlinale

Schon seit zehn Jahren werden kritische Dokus und experimentelle Kurzfilme gedreht, allerdings wurden diese eher im Internet veröffentlicht oder bei kleinen Festivals in der Region vorgeführt. Hala Galal (45) ist eine, die von Anfang an zu dieser Bewegung dazugehört. Die 45jährige ägyptische Regisseurin und Gründerin des Verbandes unabhängiger Filmemacher (SEMAT) kommt als Gast zur Berlinale. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt sie, wo das neue Arabische Kino herkommt und was das alles mit Revolution zu tun hat.

Von außen betrachtet wirkt es so, als hätte halb Ägypten mit der Revolution angefangen, Doku-Filme zu drehen.

Das stimmt natürlich nicht. Die Bewegung der Unabhängigen ist entstand als in den Neunzigern einigermaßen billige Videokameras auf den Markt kamen. Es sind lauter Einzelpersonen, die ihr eigenes Ding machen, sich gegenseitig Inspirieren, aber unabhängig sind. Diese Bewegung funktioniert so ähnlich wie Revolution auf dem Tahrir-Platz. Führerlos, unabhängig und das Internet spielt eine wichtige Rolle. Nebenbei gesagt haben sich natürlich die meisten von uns von Anfang an für den Aufstand engagiert.

Und worum geht es den Filmemachern?

Der alten Generation ging es immer noch darum, die nationale Sache oder eine andere gemeinsame politische Idee voranzubringen. Wir hingegen wollen uns in erster Linie selber ausdrücken. Ich zum Beispiel mache vor allem Filme zu Frauenthemen. Das ist einfach so gekommen. Ich mache keine Kampagne, sondern einfach einen Film nach dem anderen zu einem Thema, das mir wichtig ist. In „Thorn-Stachel“ geht es um häusliche Gewalt und in „Personal Affairs – Persönliche Angelegenheiten“ um Frauen, die vom ägyptischen Familienrecht benachteiligt werden.

Ägypten trägt ja den Beinamen Hollywood am Nil. Wie passt die Bewegung zur ägyptischen Filmindustrie?

Die kommerziellen Filmemacher bestimmen die Regeln der Branche diktiert und wer mitmachen will, muss sie einhalten. Dazu gehört auch, sich der Zensur zu unterwerfen. Das Kino hat in den letzten Jahren sehr stark die Interessen der Regierung bedient. So haben sie beispielsweise das „saubere“ Kino erfunden. Das sind islamisch-korrekte Filme, in denen nicht geküsst wird und in denen die Frauen angezogen sind. Statt sich um politische Fragen oder Fragen der Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst zu kümmern, ging es immer nur um die Frage, wie viel Bein eine Schauspielerin zeigen darf. Als ob das wichtig wäre. Das Kino hat so geholfen die Macht Mubaraks zu festigen.

Und wie haben sich die Bedingungen für Filmemacher seit dem Sturz Mubaraks geändert?

Vor allem in den Köpfen der Filmemacher hat sich etwas getan. Sie trauen sich mehr und es gibt weniger Selbstzensur. Auch sonst gibt es mehr Freiheit. Es gibt zwar nach das Zensurbüro, aber man kann es jetzt umgehen. Ich beispielsweise habe einen Film-Club gegründet und zeige dort regelmäßig Filme. Ich habe keinen der Zensur vorgelegt und bisher hat niemand etwas gesagt. Ob dieser Trend anhält, hängt natürlich sehr von der politischen Entwicklung ab. Unser erstes Ziel ist, das Militär zu stürzen und dann gibt es die Hoffnung, dass sich die Islamisten von alleine abschaffen. Die Menschen werden merken, dass beten nicht satt macht und sie abwählen. Ich hoffe, dass ich in diesem Punkt recht habe, sonst wird es schrecklich.

Welches ist Ihr Lieblingsfilm unter den Revolutionsfilmen?

Insgesamt haben die Filme alle ein Problem: Wir Filmemacher sind emotional viel zu sehr beteiligt, um gute Filme zu machen. Auch ist die Revolution ja noch nicht abgeschlossen. Das ist übrigens auch so eine Lüge, die uns das kommerzielle Kino versucht einzureden: Sie feiern die Revolution als ein abgeschlossenes Ereignis. Dabei stehen die Kämpfe doch erst noch an: Die Militärs sind noch nicht gestürzt und das alte System noch nicht besiegt. Okay, aber wenn ich mich entscheiden soll, dann würde ich sagen, dass Bassam Murtadas „Althawra Khabar – Reporting a Revolution“ der sehenswerteste Film ist. (Er läuft unter Berlinale Spezial). Er handelt von vier Journalisten, die über die Revolution in Ägypten berichteten und beschreibt den inneren Kampf: Wie objektiv kann ein Reporter sein, wenn um ihn herum seine Freunde sterben? Er fängt am besten die Stimmung auf dem Tahrir-Platz ein.  

Interview: Julia Gerlach

„Althawra Khabar – Reporting a Revolution“ läuft  am 16.2. um 14 Uhr im Haus der Berliner Festspiele, am 18.2. um 18 Uhr im Cubix 8.

 

 

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