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Animationsfilm Die Heimlichkeit der Poesie

Eine späte Blüte des japanischen Animationsfilms: „A Silent Voice“ von Naoko Yamada.

„A Silent Voice“
Ein Teenagerdrama in zarter Kulisse. Foto: AV Visionen GmbH

Der handgezeichnete Animationsfilm ist eine aussterbende Kunst, selbst in Japan, wo ihm noch ein Millionenpublikum die Treue hält. Jede einzelne dieser kollektiven Kraftanstrengungen könnte die letzte sein, und diese Haltung merkt man ihren Filmemachern an. So wie die jüngeren Werke des Studio Ghibli noch einmal alle Phantasie entfesselten, für die es stets berühmt war, umarmt „A Silent Voice“ aus dem Kyoto-Studio mit großen Aufwand eine andere Anime-Tradition: Das bei uns weniger bekannte, realistische Coming-of-Age- und Schülerdrama. Wer den Zeichentrickfilm nur in einer Märchentradition verortet, weiß nicht, welchen behutsamen Zauber Aquarell-Hintergründe von obskuren Klassenräumen, Computer-Terminals oder Krankenhausbetten entfachen können. Doch es ist ein enthaltsamer Zauber, geboren aus derselben Zurückhaltung und Disziplin, mit der man gern im Westen die japanische Gesellschaft assoziiert, nicht ganz zu Unrecht. Und die in diesen Jugenddramen eine noch beklemmendere Wirkung auf die jungen Helden ausübt als es Frankensteins Teufelsmonster oder Godzillas Sohn je könnten. In den realistischen Spielarten des Anime kann schon einmal eine Stunde vergehen, bevor sich das Medium etwas erlaubt, das im Realfilm unmöglich wäre. Und sei es nur wie hier die beseelte Animation eines Koi in einem Teich.

Zwei Beinahe-Selbstmorde von Teenagern umfassen diese gut zweistündige Geschichte, von der wir vorschnell denken könnten, dass wir sie schon kennen: Zwei Außenseiter sind ihre Protagonisten, ein strubbeliger Junge, der sich Respekt erkauft, indem er diejenigen mobbt, die noch schwächer sind. Und eine gehörlose Mitschülerin, die bald hinter jener Glaswand verschwindet, die der Klassengeist so gern errichtet gegen alle, die ein bisschen anders sind.

Nur durch ein Brückengeländer vom Tod entfernt, erinnert sich der Teenager Shoya in einer Rückblende daran, wie er diesem Mädchen namens Shoko in der sechsten Klasse zusetzte. Aus der Perspektive des reuigen Mobbers, der nun selbst am Leben zu zerbrechen droht, ist der Film erzählt. Es ist eine Studie in Sozialphobie und latenter Aggression, die ebenso gut in einer deutschen Schule spielen könnte.

Nachdem Shoya das Hörgerät der Mitschülerin aus dem Fenster geworfen hat, entschuldigt sich seine Mutter, die die Kosten trägt, bei der Familie. Sie meldet ihn bei einer anderen Schule an, und fortan ist er der Außenseiter, wofür der Animationsfilm eine einfache, aber bezwingende Formulierung findet: Die Gesichter der Mitschüler erscheinen durchgeixt, bei Dialogszenen sind oft nur ihre Beine im Bild, da der Junge niemandem ins Gesicht blicken kann. Schließlich entschließt er sich, zu Shoko Kontakt aufzunehmen, um sich persönlich zu entschuldigen.

Dies bringt ihn in Kontakt mit Yuzuru, einem jungen Hobbyfotografen, den er für den Freund des Mädchens hält. Tatsächlich aber ist dieser jungenhafte Beschützer Shokos Schwester – und die dritte Außenseiterfigur der Geschichte. Als sich Shoya in Zeichensprache entschuldigt und damit das Mädchen rührt, mag der Genrekenner auf eine Teenagerromanze hoffen. Doch so einfach macht uns diese Verfilmung des Mangas von Yoshitoki Oima die Sache nicht. Zwar verliebt sich das Mädchen, doch sie dringt damit nicht durch zu dem verschlossenen, in Schuldgefühlen gefangenen Jungen.

Manchmal irritiert die Ausführlichkeit, mit der Regisseur Naoko Yamada auch scheinbar banalen Nebenhandlungen breiten Raum gibt. Dann aber durchbrechen kurze, visionäre Traumsequenzen den scheinbaren Realismus. Und wenn die Architektur im Hintergrund der Vorort-Kulisse seelische Zustände beschreibt, fühlt man sich gar an Antonioni erinnert. Andererseits wiederum gibt es mehrere Szenen, in denen die von den Protagonisten so schmerzlich vermisste Harmonie in überemotionalen Bildern Raum greift.

Die wörtliche Übersetzung des japanischen Titels, „Die Form der Stimme“, gibt eine weit bessere Vorstellung von der heimlichen Poesie dieses ungewöhnlich ernsthaften Teenagerfilms. Aber genau das ist ja das Geheimnis dieser großen japanischen Kunstform des Anime, gerade in seinen realistischen Spielarten: Die Heimlichkeit der Poesie.

A Silent Voice. Animationsfilm, Japan 2016. Regie: Naoko Yamada. 129 Min.

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