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„American Sniper“ Ein Patriot mit kleinen Fehlern

Clint Eastwoods „American Sniper“ ist ein Heldengedicht und nicht der Antikriegsfilm, den der Regisseur verspricht. Die eingeschmuggelten Botschaften sind alarmierend.

Jake McDorman als Biggles (l.) und Bradley Cooper als Chris Kyle in „American Sniper“. Foto: dpa

Der Junge ist ein Naturtalent. „Es wird sicher mal ein feiner Jäger aus dir“, freut sich der Vater des Nachwuchsschützen. Er soll recht behalten. Zwar trifft Chris Kyle in der Militärausbildung nicht jede Metallscheibe, aber wehe der Klapperschlange am Horizont. Er weiß: „Ich bin besser bei Dingen, die atmen.“ Chris Kyle ist das, was man nach einem alten Oliver-Stone-Filmtitel einen „Natural Born Killer“ nennen würde. 160 getötete Verdächtige bei vier Einsätzen im Irak machen ihn zum „erfolgreichsten“ Scharfschützen in der US-Militärgeschichte. In deren makabrer Hitliste entthronte er den 109-fach tödlichen Vietnamkriegs-Veteranen Adelbert F. Waldron. Doch die Zeit, in der man Seinesgleichen Heldenlieder gedichtet hätte, schien lange vorbei.

1946 schrieb der Folksänger Woody Guthrie ein Lied für die Ukrainerin Ljudmila Pawlitschenko, die im Zweiten Weltkrieg 309 deutsche Soldaten tötete. „The whole world will love you for a long time to come / For more than three hundred Nazis fell by your gun.“ Chris Kyle half nicht dabei, die Nazis zu besiegen. Er kämpfte in einem ungerechten Krieg gegen Menschen, die er in seiner Autobiographie mitunter als „Wilde“ bezeichnet: „I hate the damn savages. I couldn’t give a flying fuck about the Iraqis.“

Clint Eastwoods Film macht sich Chris Kyles Perspektive zu eigen, er übernimmt seine Diktion. Mitunter hat man den Eindruck, einen jener frühen Western zu sehen, in denen die amerikanischen Ureinwohner ähnlich abfällig bezeichnet wurden. Das patriotische Finale lässt keinen Zweifel an Eastwoods Wirkungsabsicht. Er porträtiert einen Helden mit „kleinen Charakterfehlern“ – und kann sich dabei sogar noch für objektiver halten als Kyles Eintrag in der US-Ausgabe von Wikipedia: Dort werden die entlarvenden Zitate aus der 900 000-fach verkauften Autobiographie kontinuierlich gestrichen als „aus dem Kontext gerissen“, Verweise auf kritische Rezensionen postwendend getilgt.

Seitdem Chris Kyle im Jahr 2013 von einem offenbar schwer traumatisierten Veteranen bei einer Schießübung getötet wurde, erscheint er den Gralshütern seines Erbes offensichtlich als eine Art Heiliger.

Nun sind Filme keine Lexikonartikel, und die Werke eines der bedeutendsten lebenden Regisseure des amerikanischen Films schon gar nicht. Heldengedichte aber sind sie nicht selten, und „American Sniper“ ist es auf eine formal betrachtet exzellente Weise. Künstlerisch gesehen ist es Eastwoods interessantester Film seit seinem letzten Ausflug ins Kriegsfilmgenre, „Letters of Iwo Jima“. Der 84-Jährige stürzt damit seine Bewunderer in ein Dilemma, so wie sich eine frühere Cineastengeneration einst an John Ford abarbeitete: Welche Debatten entfachte der Großmeister des Westerns einst mit seinem Klassiker „The Searchers“, einem offensichtlichen Kunstwerk – trotz der diskriminierenden Zeichnung der Comanchen.

Diesen Rang hat „American Sniper“ natürlich nicht, aber zumindest eine Szene gibt es, die Filmgeschichte schreiben wird. Es gibt im letzten Viertel einen Kampfeinsatz, der durch den Staub in der Luft fast unsichtbar ist – und gerade dadurch zu einem gesteigerten Realismus führt, der unabhängig vom Abbildhaften funktioniert.

Durchweg bewundert man die Dichte der Erzählung – und ist doch zugleich alarmiert von den eingeschmuggelten Botschaften: Eine Legitimierung des Irak-Kriegs als Antwort auf den Terror von 9/11. Oder die nur vorgeschoben wirkende Repräsentation einer kriegskritischen Perspektive in der Rede einer trauernden Mutter bei einem Begräbnis. Clint Eastwood kommt nicht ganz darum herum: Ein Heldengedicht über den Irakkrieg muss auch jene Toten mit einschließen, die sich als traumatisierte Veteranen das Leben nahmen.

Er vergisst sie nicht, immerhin sind sie gegenüber den Gefallenen mittlerweile in der Überzahl. Doch für Kyle sind es nicht die getöteten Iraker, die ihn nachts verfolgen. Es sind die, die ihm entwischten. Und so seinen Kameraden potentiell den Tod bescherten. Dass ein Mann all dieses Leiden auf sich nahm, dass er lieber viermal in den Krieg zog als seine Kinder aufwachsen zu sehen, macht diesen „American Sniper“ zu Eastwoods Helden.

Man glaubt es dem Regisseur gern, dass sein Anliegen nicht vordergründig darin bestand, seinen republikanischen Parteifreunden einen Gefallen zu tun und den Irakkrieg nachträglich zu legitimieren (auch wenn er das tut). Er besingt – in Umkehr des großen Antikriegssongs – den „Universal Soldier“, der alles hergibt für sein Vaterland. Aber kann man diesen Opfergeist loben, ohne die Sache zu loben, der er dient?

Im Januar erklärte Eastwood gegenüber dem „Hollywood Reporter“: „Das ist das stärkste Antikriegs-Statement, das man machen kann: Was Krieg mit einer Familie anstellt und mit den Leuten, die wieder in ein ziviles Leben gehen müssen.“

Den Zweiten Weltkrieg habe er als Kind erlebt als den Krieg, der angeblich alle Kriege beenden würde, erklärte er der Zeitung „The Star“. „Und vier Jahre später wurde ich dann nach Korea eingezogen. Dann kam der Vietnamkrieg. Und ich frage mich, hört das jemals auf?“

Wohl kaum, so lange Filme wie „American Sniper“ ausgerechnet Bushs Irakkrieg zum Anlass für patriotische Heldenverehrung nehmen. Die Frage ist dabei nicht: Ist es nun Kunst oder ist es Propaganda, denn das ist nicht unbedingt ein Widerspruch. Auf Twitter verglich Kollege Seth Rogan Eastwoods Film mit einer Parodie auf Leni Riefenstahl: „‚American Sniper‘ erinnert mich an den Film, der im dritten Akt von ,Inglourious Basterds‘ gezeigt wird.“

American Sniper. USA 2014. Regie: Clint Eastwood. 132 Min.

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