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„Am Strand“ Unsicherheit in der Tonlage, Eklat in der Hochzeitsnacht

„Am Strand“: Dominic Cooke versucht sich an einer Liebesgeschichte und einem historischen Sittenbild.

Der Film "Am Strand" kommt in die Kinos
Billy Howle als Edward und Saoirse Ronan als Florence. Foto: epd

Er liebt Chuck Berry, sie schätzt Mozart, aber irgendwie finden sie doch einen gemeinsamen Rhythmus. Florence und Edward lieben sich, und das auch noch über Klassengrenzen hinweg: Sie, die disziplinierte Violinistin, entstammt einer Unternehmerfamilie, er, der etwas zerzauste Geschichtsstudent, kommt aus unordentlichen Verhältnissen mit einer verwirrten Mutter und einem überforderten Vater. Ein eigentlich fortschrittliches Paar also, dessen zarte Bande Dominic Cooke zudem mit den Vorzeichen eines gesellschaftlichen Umbruchs umgibt. 1962 ist die Zeit der Beatles, der Studentenrevolte und des Pillenknicks nicht mehr fern.

„Am Strand“ ist also Liebesgeschichte und historisches Sittenbild in einem, zumindest strebt Cookes Film diese Doppelexistenz an: Das erzählerische Zentrum bildet die Hochzeitsnacht in der Nähe des titelgebenden Strandes, mit Kerzenscheindinner und Entjungferung noch ganz den Sitten der guten, alten Zeit verhaftet. Von da aus aber schwärmt der Film in Rückblenden und Zeitsprüngen in die Zukunft hinein aus. Florences Familie lernen wir darin näher kennen, vor allem die blasierte Mutter (Emily Watson), die der Demütigung des ehemaligen Empire in der Nachkriegszeit mit umso größeren Allüren trotzt. Edwards Mutter hingegen gilt nach einem Unfall als hirngeschädigt, doch wenn sie sich splitternackt in der Natur ihrer Malerei hingibt, scheint in ihr schon das Vorbild für die späteren Hippies auf, die Cooke auch noch porträtieren wird. Bis zum Jahr 2007 arbeitet er sich auf diese Weise voran.

Allerdings kann sich der arrivierte Theaterregisseur in seinem Kinodebüt nicht recht entscheiden, ob er seine Zeitreise komisch oder seriös aufzäumen soll. Bis zur Karikatur steif und standesbewusst mokiert sich Florences Sippschaft über den jungen Liebhaber, der seinerseits etwa beim Tennismatch mit dem zukünftigen und reichlich überambitionierten Schwiegervater wie der Inbegriff des kleinbürgerlichen Tollpatschs wirkt. 

Sonderlich tief berührt Cooke die Zeitschichten also nicht, die er auftürmt, eher verkürzt er sie auf Stimmungsbilder und Frisurenmoden. Noch weniger aber gelingt es ihm, die psychischen Verwerfungen nachvollziehbar zu machen, denen die Liebesbeziehung zwischen Florence und Edward unterworfen ist. Die Hochzeitsnacht mündet, gelinde gesagt, in einer Katastrophe, die darauf folgende Aussprache – bezeichnenderweise am Strand voller Steine – im endgültigen Zerwürfnis, und das als Abschluss einer Romanze, die Cooke nicht hätte romantischer, zärtlicher und von gegenseitigem Respekt und Verständnis geprägt zeigen können. Auch in dieser Hinsicht erweist er sich als erstaunlich unsicher, was die Tonlage seines Films betrifft, was umso bedauerlicher ist, als Saoirse Ronan und der beeindruckende Neuling Billy Howle ein anrührendes Paar abgeben.

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