Lade Inhalte...

Adam & Evelyn Heißer Sommer

Andreas Goldstein inszeniert in seinem DDR-Film „Adam und Evelyn“ den historischen Sommer 1989 mit dem Mut zur Langsamkeit.

Kinostart - Adam und Evelyn
Adam macht die Bekanntschaft einer Republikflüchtigen (Lena Lauzemis). Foto: Neue Visionen Filmverleih/dpa

Kann man die deutsch-deutsche Zeitenwende von 1989 als Beziehungsgeschichte erzählen? Als was denn sonst, würden die Produzenten der großen „event movies“ antworten, die noch jedes historische Ereignis auf das allzu Private zu reduzieren wussten. Viele menschliche Schicksale werden da aufgerollt und in großen Massenszenen zusammengeführt. Dabei wird ja erst umgekehrt ein Schuh daraus: Wahrhaft Liebenden werden auch die größten weltpolitischen Ereignisse als zweitrangig erscheinen.

Andreas Goldstein verfilmte Andreas Schulzes Wende-Roman „Adam und Evelyn“ mit dem Mut zur Auslassung. Mit Naturgeräuschen vor schwarzer Leinwand beginnt der erste Langfilm des 55-jährigen gebürtigen Ost-Berliners. Auch während jemand am Radio zwischen West- und Ostsendern herumdreht, bleibt die Leinwand dunkel. Von einer besetzten Botschaft in Ungarn ist da die Rede, von Appellen der Kirchen an den Staatsratsvorsitzenden Honecker. Man muss nicht nach-inszenieren, was man sich so einfach akustisch wachrufen kann. Erst dann wird es allmählich hell, aber nur ein bisschen. Wir sehen, in der Dämmerung, den paradiesischen Garten, aus dem sich Adam und Evelyn wohl vertreiben lassen werden.

In einer Dunkelkammer spielt die erste Dialogszene zwischen dem erfolgreichen Damenschneider und seiner Frau. Adam kleidet seine Kundinnen nicht nur ein, er macht auch bewundernde Porträts und sicher läuft da auch noch mehr. Lange wird sich Evelyn das nicht mehr bieten lassen. Mit ihrer Freundin macht auch sie sich wie so viele andere auf nach Ungarn. Adam fährt ihr in seinem schicken 1962er Wartburg hinterher, macht aber unterwegs die Bekanntschaft einer republikflüchtigen Anhalterin. Ihn selbst drängt nichts dazu, den Staat, in dem er seine Freiheit gefunden hat, für den Westen zu verlassen.

Wer die DDR noch erlebt hat, erinnert sich vielleicht als erstes an die Langsamkeit. Selbst in vielen Defa-Unterhaltungsfilmen ist sie noch zu spüren. Sommerliche Liebesgeschichten drehte man dort in Serie, und die wenigstens gaben sich so mondän wie „Heißer Sommer“ oder Angela Merkels Lieblingsfilm, „Die Legende von Paul und Paula“. Die schönste von allen, Jürgen Böttchers durch einen Urlaub unterbrochenes Trennungsstück „Jahrgang 45“, dürfte auch Andreas Goldstein inspiriert haben. Eine magische Gelassenheit und ein Auge für Komposition prägen seinen Film, die an diese große Schule des Filmemachens anknüpft.

Ein anderes Stilmerkmal, das diesen Film nach einem Buch von Goldstein und Jakobine Motz auszeichnet, ist ein distanzierendes Spiel, das sich dem fotografischen Impressionismus ein wenig in den Weg stellt. Manchmal erinnert das an Straub/Huillet, manchmal an die griechische Neue Welle wie Attina Rachels „Attenberg“. Welche Ausdauer muss diesem späten Langfilmdebüt vorausgegangen sein und welcher Mut zum unkonventionellen Erzählen.

„Was ich und wir nicht wollten, war eine Dramatisierung“, erklärte er seinen respektvollen Umgang mit der literarischen Vorlage in einem Interview. Das entspreche nicht seiner historischen Erfahrung, „weil die Leute ihr Leben leben, und dahinter bewegen sich die Dinge, und da bewegt sich die Geschichte, und das ist nicht deckungsgleich.“

Wahrscheinlich muss man gerade diesen Augenblick der Geschichte bewusst erlebt haben, um das sagen zu können. Selten wurde die Historizität des Augenblicks von Politikern und Journalisten wortreicher beschworen, und selten wusste man so wenig, wohin die Reise gehen würde. Das gilt genauso für die damalige Bundesrepublik: Viele erhofften sich damals, der Westen würde auch vom Osten lernen – und nichts davon geschah. Oder sagen wir, wenig: Noch immer kann man zum Beispiel von Jürgen Böttchers Filmen lernen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen