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„A Quiet Place“ Der große Lausch-Angriff

John Krasinskis stimmungsvoller Gruselfilm „A Quiet Place“ zeigt Ohren-Monster.

"A Quiet Place"
Psst, messerscharfe Zähne lauern: Emily Blunt und Millicent Simmonds. Foto: Jonny Cournoyer/Paramount Pictures/dpa

Manchmal denkt man an die gruseligsten Filme zurück, die man je sah und fragt sich, warum sie so selten blieben. Oft sind es nur Momente, die diese Filme unvergesslich machten, aber die hatten es in sich.

Zum Beispiel die stummen Schreie von Dorothy McGuire, der stimmlosen Heldin von Robert Siodmaks Film „Die Wendeltreppe“. Ein Serienmörder hat es darin auf behinderte junge Opfer abgesehen. Einmal wischt Siodmak wie ein surrealer Maler McGuires Mund ganz einfach aus dem Filmbild aus. Es verschafft uns eine Gänsehaut.

Schreie können im Horrorkino durch Mark und Bein gehen. Aber wehe dem, der gar nicht schreien kann. Oder gar nichts von seinem Übel bemerkt, weil er zum Beispiel im Autokino sitzt und – wie in Peter Bogdanovichs „Bewegliche Ziele“ – die Schüsse des Killers gar nicht hört? William Castle erfand in „Schrei, wenn der Tingler kommt“ gar eine Kreatur, die sich im Rückrat der Menschen von unterdrückten Schreien ernährt. Seinen Höhepunkt findet der Film in einem Stummfilmkino.

Hier kommt nun ein kleiner, feiner Horrorfilm, der diese schöne Idee dramaturgisch verordneter Stille buchstäblich aus dem Gruselkabinett hervorholt, entstaubt und sie in der überschaubaren Szenerie einer nächtlichen Farm in Upstate New York ausbreitet.

Eine Monsterplage hat die USA erfasst, und da die Kreaturen auf Schall reagieren, zwingen sie damit die wenigen Überlebenden zum Leisetreten. Auch wir Zuschauer werden in bester Stummfilm-Diskretion darüber lautlos in Kenntnis gesetzt – über die Schlagzeilen von im Wind flatternden Zeitungen. Immerhin sind die audiophilen Kreaturen mit Blindheit geschlagen, was also einer mutigen Familie mehr als nur eine sportliche Chance beschert.

Es dauert eine Weile, bis sich diese Anti-Poltergreister auf der Leinwand zeigen, doch dann machen sie Eindruck. Ihre rüsselartigen Ohren gleichen Phonographentrichtern, wer immer sie gestaltet hat, dürfte sich dabei die Werke des Künstlers H. R. Gigers zum Vorbild genommen haben. Ach, und messerscharfe Zähnchen besitzen die rasend schnellen Biester ebenfalls, auch hintereinander in mehreren Reihen.

Regisseur John Krasinski spielt selbst den heroischen Familienvater, der eines seiner drei Kinder bereits in der Vorgeschichte wegen eines lärmenden Spielzeugautos verliert. Seine Tochter ist gehörlos, weshalb man gelernt hat, sich in Zeichensprache zu verständigen. Das vergrößert die Überlebenschancen im Freien. Die bevorstehende Entbindung seiner von Emily Blunt gespielten Ehefrau scheint unter diesen Umständen allerdings durchaus beunruhigend. Auch ein schallsicher ausgepolstertes Kinderzimmer kann da nicht wirklich beruhigen.

Man merkt schon: Eine gute Idee ist noch keine gute Geschichte, zumal John Krasinski dabei vor allem an die eigene Rolle denkt, die mitunter zu überwirklicher Heldenhaftigkeit anschwillt. Die tragischen Umstände des Kindstods am Anfang haben den Boden für ein Schuld-Trauma gelegt, wie sie das amerikanische Kino liebt. Aber reicht dies tatsächlich aus, um uns an den neuerlichen Kinderwunsch in apokalyptischen Zeiten glauben zu lassen?

Die eigentliche Heldin des Films ist freilich die gehörlose Tochter Regan, gespielt von der begabten Millicent Simmonds, die selbst nicht hören kann. Ihr Hörgerät erweist sich als Geheimwaffe gegen die Lausch-Angreifer.

„A Quiet Place“ ist vor allem ein Stimmungsfilm. Es gibt nicht viel brachiale Action, dafür eine akustische Landschaft von größerer Plastizität als die Optik eines gewöhnlichen 3D-Films. Entsprechend setzen die visuellen Effekte eher auf das Malerisch-Diffuse, das die Aufmerksamkeit des Zuschauers stets in die gleiche unbestimmte Richtung führt. Und uns mit den Monstern fragen lässt: Horcht, was kommt von draußen rein?

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