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"A Most Wanted Man" Der Letzte seiner Art

Was für ein Abschied: Philip Seymour Hoffman spielt in Anton Corbijns Spionagethriller „A Most Wanted Man“ einen Einzelgänger, der alles an sich hat verkommen lassen – außer seinen Prinzipien.

Philip Seymour Hoffman in „A Most Wanted Man“: Es ist ein Kinoklischee, nur kann man im Wissen um Hoffmans Tod nicht anders, als Darsteller und Rolle in einem zu sehen. Foto: dpa

Wenn wir uns schon wieder im Kalten Krieg befinden, können wir uns wenigstens auf ein Comeback des Spionagethrillers freuen. John Le Carré, seinem beliebtesten Vertreter in der Literatur, gingen die Themen aber auch nicht aus, als man noch nicht wieder fröstelnd nach Osteuropa blickte. Eisige Szenarien fand er ebenso im Nahost-Konflikt wie im „Krieg gegen den Terror“. Doch was ist noch nobel an automatisierten Späh-Systemen? Heutige Spionagefilme erinnern an die späten Tage des Hollywood-Western. Sie erzählen vom Untergang einer Zunft, von den Letzten der Mohikaner.

„A Most Wanted Man“, Anton Corbijns Verfilmung des Le-Carré-Romans, der auf deutsch „Marionetten“ heißt, lässt Heiß und Kalt auf wunderbare Weise aufeinandertreffen. Eisig ist sein Bild von Hamburg, früher in den USA bekannt für Fleischbrötchen, heute eher für die gleichnamige Zelle um Mohammed Atta. US-Geheimdienstler tummeln sich hier in noch größerer Dichte als einst im „Russland-Haus“.

Umso wärmer erscheint da die Zeichnung des deutschen Spions im Mittelpunkt: Philip Seymour Hoffman spielt in einer seiner letzten großen Kino-Hauptrollen (ein letzter Abschied steht noch aus mit der Fernsehserie „Happyish“) den unkompromittierbaren Günther Bachmann. Er spielt einen Einzelgänger, der alles an sich hat verkommen lassen – außer seinen Prinzipien.

Seine Strategien des Abwartens aber passen nicht mehr in die Zeit. „Man braucht einen Fisch, um einen Baraccuda zu fangen, und mit diesem fängt man dann den Hai“, sagt er einmal etwas oberlehrerhaft. Doch die US-Geheimdienste, die von den deutschen Beamten lediglich Zulieferdienste erwarten, haben ihre eigenen Methoden. An der Beobachtung eines Verdächtigen sind sie nicht mehr interessiert. Die Geheimnisse, die es ihm zu entlocken gibt, finden sich schon wieder im Verhör in irgendeinem Geheimgefängnis.

Nun hat dieser Verdächtige, der tschetschenischstämmige Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) schon ein russisches und ein türkisches Foltergefängnis hinter sich, als er im Hamburger Hafen eintrifft. Eine Menschenrechtsanwältin (Rachel McAdams) und ein britischer Banker (Willem Dafoe) sollen ihm dabei helfen, an das Erbe seines Vaters zu gelangen. Doch was hat der selbstlos auftretende Mann mit den Millionen vor? Sollen sie wieder einfließen in die Geldströme, die islamistische Terroristen finanzieren? Selten hat ein Film so subtil den Eindruck von Zwielichtigkeit erweckt. Denn diese liegt oft genug im Auge des Betrachters. Wie eben auch die Terroristenfahndung durch ihre Raster oft genug erst die Verdächtigen produziert, nach denen sie suchen kann.

Anton Corbijn ist ein Meister der Reduktion. Als Pop- und Albumcover-Fotograf bevorzugt er schwarz-weiß, hier malt er ein Hamburg in blassem Blau und Grau. Wie in seinen Musikvideos findet er Schauplätze, die Stimmungen anschlagen wie Gitarrenakkorde. Vor und in ihnen spielen die Akteure leise Soli. Hier ist der Klang ein Echo: Zwei gebrochene Männer, die nie zu Helden werden, treffen aufeinander. Ein traumatisierter Flüchtling und ein Spion, der – wie man es im Genre ja gut kennt – eine unausgesprochene Leidensgeschichte mit sich schleppt, die ihn zum einsamen Wolf gemacht hat. Es ist ein Kinoklischee, nur kann man im Wissen um Hoffmans Tod nicht anders, als Darsteller und Rolle in einem zu sehen. Ist das überhaupt erlaubt? Tun wir dem großen Schauspieler gar Unrecht, wenn wir das Verlebte, das er in diese Rolle eingebracht hat, auf seinen selbstzerstörerischen Lebensstil beziehen?

Auf John Le Carrés Internetseite findet sich ein Video von Hoffman, in dem er über die Dreharbeiten spricht. Als er selbst. Aufgeräumt und gut aussehend. So ist es wohl das Erlebte und nicht das Verlebte, das er in sein Spiel eingebracht hat und zu einer solchen Intensität führt, dass es uns sogar den absurden Umstand vergessen lässt, dass er mit deutscher Färbung englisch spricht.

Heimlichen Trost findet seine Filmfigur kettenrauchend im Alkohol und einer auf ihre spröde Art liebenswerten Mitarbeiterin. Nina Hoss ist hier als Erna Frey wieder einmal so ein Christian-Petzold’sches Gespenst, ein merkwürdiger, einsilbiger Schutzengel. Daniel Brühl, der sich als Nebendarsteller wunderbar zurücknimmt, komplettiert das Team und die vorzügliche Besetzung.

Es ist nicht viel Text geblieben von John Le Carrés dickem und kompliziert strukturiertem Roman und den Selbstreflexionen seines Protagonisten. Anton Corbijn hat alles in Bilder übertragen. Herbert Grönemeyer hat ihm dazu eine ebenso stimmungsvolle wie mutig melodiöse Filmmusik geschrieben, die, falls man es noch sagen muss, ein erstaunliches Kompositionstalent in der Instrumentalmusik beweist.

In einem berühmt gewordenen Musikvideo hatte Anton Corbijn 1990 die Idee, Depeche Modes Song „Enjoy the Silence“ mit Leadsänger David Gahan in der Rolle eines heimatlosen Königs zu inszenieren. Mit einem Liegestuhl unter dem Arm wandert er durchs schottische Hochland, entlang der portugiesischen Küste und schließlich durch die Schweizer Alpen.

So ist nun Hoffman als Günther Bachmann ein heimatloser König, für den es – wie schon für Alec Guinness in der vielleicht besten Le-Carré-Verfilmung weder Dame gibt noch As. Er ist der Letzte der Mohikaner. Der kalte Krieg ist wieder da, doch den Mythos vom noblen Spion muss man begraben.

A Most Wanted Man. Regie: Anton Corbijn. GB 2014. 121 Minuten.

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