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„A Beautiful Day“ Blut, Plüsch und Schönheit

Joaquin Phoenix als Todesengel in Lynne Ramsays Thriller-Juwel „A Beautiful Day“.

Kinostart - "A beautiful Day"
Der Killer und das Mädchen, Joaquin Phoenix und Ekaterina Samsonov. Foto: Constantin Film/dpa

Der amerikanische Popsong „I’ve Never Been To Me“ war noch nie ein Trost. 1977 beklagte darin die längst vergessene Sängerin Charlene die leere Mitte eines Jet-Set-Lebens gegenüber einer namenlosen Adressatin, einer von ihrem Dasein frustrierten Hausfrau: „Ich war im Paradies, doch nie war ich bei mir.“ In Lynne Ramsays Film spielt ihn ein unsichtbares Küchenradio, während das Opfer eines Killers gerade sein Lebenslicht aushaucht. 

Hoffnungen, das besungene Paradies in Kürze selbst zu betreten, hat der Mann freilich kaum. Er ist ein korrupter Polizist im Dienste krimineller Politiker. Kurz zuvor hat er die greise Mutter des Mannes getötet, der ihn nun selbst tödlich verletzt hat. Nun liegen beide Männer nebeneinander auf dem Fußboden und halten ihre Hände, während Charlene ihr Klagelied beendet. Quentin Tarantino hätte es wohl satt auf alle Kinolautsprecher verteilt; hier parfümiert die Musik nur leise das Elend. 

Überhaupt ist es eine ungewöhnliche Sterbeszene. Der von Joaquin Phoenix mit zotteligem Rauschebart gespielte Killer Joe hat eine Mission. Der traumatisierte Kriegsveteran hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zwangsprostituierte zu retten und Kinderschänder zu ermorden. Dazu reicht ihm meist ein Hammer. Ein Senator hat ihn engagiert, um seine verschleppte Tochter aus einem Edelbordell zu befreien. Zu den Kunden gehören weitere ranghohe Politiker, und wie ihm der sterbende Polizist gestanden hat, sogar der Gouverneur. Die vermisste Minderjährige sei sein „Liebling“.

Es ist eine Welt schäbiger Dekadenz, in die Lynne Ramsays moderner Film noir entführt, ein Alptraum aus Plüsch und Blut. Und doch ist er von einer schwülen Schönheit. Dem letztjährigen Filmfestival von Cannes gelang damit ein später Trumpf, in seiner kunstvollen Komposition aus Andeutungen, Visionen und Rückblenden war es der visuell originellste Film des Wettbewerbs. Bilder und Töne sind bei allen Kontrasten stimmig verwoben, der ganze Dialog passt dagegen wohl auf zwei DIN-A4-Blätter. 

Wer von einem Thriller erwartet, ein Bild der Realität zu malen, wäre wohl im falschen Film. Auftragsmörder sind im Kino ohnehin weit häufiger anzutreffen als in der amerikanischen Wirklichkeit, wo sie nur für rund drei Prozent aller Morde verantwortlich sein sollen. Auf der Leinwand aber leben in ihnen die Kopfgeldjäger aus dem Western fort oder die Todesengel aus der Mythologie. Der poetische Originaltitel nach der Buchvorlage von Jonathan Ames, „You Were Never Really Here“, verweist die menschliche Existenz in ein Niemandsland zwischen Kommen und Gehen und hat dabei vor allem seine jenseitige Titelfigur im Sinn. Mehr als alle Leichen, die seine Wege pflastern. 

Keine Frage, Killer Joe ist ein Kino-Klischee, wie es nur je eines gegeben hat, aber Lynne Ramsey, dieser großen Stilistin des britischen Kinos, ist Kunstgewerbe fremd. Es ist erst der vierte Film seit ihrem Debüt, dem gefeierten Sozialdrama „Ratcatcher“ und der erste seit dem meisterhaften Kammerspiel „We Need to Talk About Kevin“ über die Mutter eines jugendlichen Amokläufers. Das immerhin liegt auch schon sieben Jahre zurück.

Schon immer war jedes einzelne Bild ihrer Filme von Bedeutung, doch diesmal stehen sie nicht mehr imponierend nebeneinander wie in einer Kunstausstellung. Ihr Übergang ist fließend, manchmal geradezu schwelgerisch. Joes traumatische Erinnerungen seit der Kindheit durchsetzen den Film als zwanghafte Tagträume, ohne ihn dabei zu durchschneiden. Vielmehr schwimmen sie in seinem melodramatischen Fluss, dessen sensibler Ton auch die Einbrüche brutaler Gewalt auf berückende Weise einfängt. 

Doch auch die Gegenwart des Helden hat traumhafte Züge. Auf die beschriebene Sterbeszene folgt die hochromantische Sequenz einer Wasserbestattung, die Joe seiner Mutter ausrichtet. Joaquin Phoenix, dieser Fels von einem Mann, spielt diese leisen Szenen so zärtlich wie das Pianissimo, das man einer Standpauke entlockt. Dann streichelt sein Joe der toten Mutter noch einmal über die Füße, bevor er sie in einem Müllsack verpackt aus New York herausfährt. Schließlich bettet er sie in einen idyllischen Waldsee. Die Schottin Ramsay liebäugelt hier mit der Todessehnsucht viktorianischer Malerei. „A Beautiful Day“ hat der deutsche Verleih den Film genannt, was wohl ironisch klingen soll. A beautiful film, bei aller Schwärze, das trifft es eher. 

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