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60 Jahre Hildegard Knef in "Die Sünderin" Priester warfen Stinkbomben

Vor sechzig Jahren hatte im Frankfurter Turmpalast-Kino „Die Sünderin“ Premiere. Eine spimple Genre-Geschichte von Willi Forst, angereichert um etliche Sensationen. Eine schier nackte Hildegard Knef etwa. Was heute bieder wirkt, war 1951 einen handfesten Skandal wert.

Szenenfoto aus Willi Forsts "Die Sünderin", der 1951 in die Kinos kam. Mit Hildegard Knef und Gustav Fröhlich. Foto: picture-alliance

Gerne würde man diese „Sünderin“ lieben, einen der wenigen Skandalfilme, die das deutsche Nachkriegskino hervorgebracht hat, doch es mag nicht gelingen. Ein Kult ist um Willi Forsts Melodram nie entstanden, dessen Frankfurter Uraufführung am 18. Januar 1951 sich heute zum sechzigsten Mal jährt. Dabei besitzt die Geschichte um die von Hildegard Knef gespielte Prostituierte, die sich in einen kranken Maler verliebt und wieder in ihrem Gewerbe arbeitet, um seine Operation zu finanzieren, alle Zutaten für klassisches Exploitation-Kino, wie es in Videotheken einen Ehrenplatz besitzt.

Eine simple Genre-Geschichte wird um etliche Sensationen angereichert: Vom moralischen Sumpf im Elternhaus der innerlich unschuldigen Heldin und dem von ihr beobachteten Mord an der Schwester führt der Weg erst in die Prostitution, dann zur errettenden Liebeserfahrung. Als der erblindete Maler jedoch trotz der von der Freundin so hart erkauften Operation dem Ende entgegen siecht, leistet die Heldin auch noch Sterbehilfe und begeht anschließend Selbstmord. Keines der Motive wäre heute nicht Mainstream-tauglich; nichts, das in der Sünderin geschieht, wäre ungeeignet für das populäre Fernsehfilmformat der Degeto, der ARD-Einkaufsorganisation. Erst recht nicht der harmlose Halbakt während einer Modellsitzung, der schon 1951 entgegen späterer Annahme kaum Anstoß erregte.

Aus all diesen Zutaten kann man gute oder schlechte Filme machen, in jedem Fall aber dürfte das Publikum lustvolles, verwegene Unterhaltung erwarten, vielleicht auch realistische Härten. „Die Sünderin“ aber bettet alle Exploitation-Motive in Watte. Der Weichzeichner-Blick auf die nackte Knef wirkt ebenso bieder wie die aufgesetzte Rechtfertigungsrede der Heldin aus dem Off. Und unter allem die umschmeichelnden Klänge des Komponisten Theo Mackeben, eines Mannes, der immerhin eimal die Uraufführung der„Dreigroschenoper“ dirigierte. Doch alles Verstörende, nach dem diese Geschichte schreit, fehlt – stattdessen gibt sich der erste Nachkriegsfilm von Willi Forst, einem der besten Erzähler des deutschsprachigen Kinos der Dreißiger, einschmeichelnd wie ein Salongemälde.

Kirchen protestierten

Tatsächlich glaubte Forst, er habe ein untadeliges Kunstwerk geschaffen. Doch so geschmäcklerisch sein Film daher kam, so geschmacklos fand ihn die FSK im Bescheid, der drei Tage vor der Premiere zugestellt wurde: „Prositutionierung als selbstverständlicher Ausweg aus einer Notlage“ sei so wenig hinnehmbar wie der Selbstmord und die Tötung auf Verlangen. Forst fiel aus allen Wolken und reiste persönlich zur FSK-Krisensitzung nach Wiesbaden, die bereits am Folgetag einberaumt wurde. Sein Film sei ein Kunstwerk und die Entscheidung, an der die FSK festhielt, eine persönliche Beleidigung, erklärte er und verließ die Sitzung.

Am Morgen der Frankfurter Premiere entschied die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, sich über die Entscheidung der von ihr selbst gegründeten FSK hinweg zu setzen: Der Film wurde herausgebracht, und die Kirchen protestierten: Erst trat der evangelische Filmbeauftragte zurück, dann zogen die Katholiken ihren FSK-Vertreter ab. Anfang April forderte der Katholische Filmdienst alle Katholiken zum Boykott der „Sünderin“ auf und fanden reichlich Zulauf: Die katholische Filmliga zählte binnen eines Jahres eineinhalb Millionen neuer Mitglieder.

Nur die „Sünderin“ selbst vermochte die Massen noch mehr zu mobilisieren: Vier Millionen Zuschauer fand der Film, der sich bis Mitte 1951 in den Kinos hielt, angeregt durch immer neue lokale Verbotsanzeigen und Gegendemonstrationen. In Regensburg etwa drängte ein Polizeiaufgebot mit Stahlhelm und Gewehren die Zuschauer aus dem Kino, nachdem der CSU-OB ein Verbot erlassen hatte. Andernorts verteidigte die Polizei den Film gegen Priester, die sich mit Stinkbomben bewaffnet hatten. In Köln erließ Kardinal Frings einen Hirtenbrief gegen den Forst-Film.

Wichtiger Streit

Als das Frankfurter Premierenkino, der Turmpalast, im vergangenen Juni glanzlos seine Tore schloss, erinnerte niemand an den aufreizenden Anblick, den die 25-jährige Hildegard Knef dort einst für wenige Filmsekunden geboten hatte. Nicht dass dieser Film vergessen worden wäre, ganz im Gegenteil: Kaum ein Ereignis ist für den öffentlichen Umgang mit dem Film in Deutschland wichtiger gewesen als der Streit um die verweigerte Freigabe durch die FSK. Den Film selbst haben die Prüfer inzwischen „ab 12“ eingestuft: FSK-Chefin Christiane von Wahlert kommentierte den Wertewandel im vergangenen Jahr anlässlich des sechzigjährigen Bestehens der Wiesbadener Organisation: „Unsere Gesellschaft ist toleranter geworden. Wir waren eine verklemmte, postfaschistische Gesellschaft mit einem prüden Frauenbild und einem heldenhaft verklärten Männerbild. Wir waren 1949 eine ziemlich darniederliegende Gesellschaft. Davon haben wir uns, Gott sei Dank, erholt.“ Ob das wohl noch immer gilt?

Das aktuellen Unterhaltungskino ist bestimmt von Filmen, die für eine eher konservative Sexualmoral eintreten: In „Immer Drama um Tamara“ muss ein Casanova für seinen Lebenswandel eines lächerlichen Todes sterben, und auch weibliches Freibeuterinnentum endet bald im glücklichen Beziehungshafen. In „Last Night“ stellt bereits der Verdacht auf einen Seitensprung eine Liebe in Frage. Und im meist publizierten Medien-Prozess, dem Kachelmann-Verfahren, tritt die Unschuldsvermutung in den Hintergrund, wenn über private Treulosigkeiten gesprochen wird. Wie es scheint, ist unsere Medienwelt an exemplarischen Sünderfiguren nicht ärmer geworden.

Es ist schwer, Willi Forsts „Sünderin“ zu lieben, aber man hat ihr viel zu verdanken: Eine klärende Debatte über die Freiheit der Kunst im Kino, von der wir bis heute profitieren. 1954 stellte das Bundesverfassungsgericht den Kunstwert von Filmen fest. Was wäre wohl gewesen, wenn die Kirchen mit ihrem Verdikt gewonnen hätten und „Die Sünderin“ von der Leinwand verbannt geblieben wäre? Es wäre ihnen wohl wohl selbst bald unheimlich geworden. 1962 jedenfalls stellte sich die FSK einhellig hinter den zweiten großen Skandalfilm der Bundesrepublik: Ingmar Bergmans metaphorisches Drama „Das Schweigen“ galt ihr bereits unzweifelhaft als Kunstwerk.

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