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„303“ Jule und Jan fahren durch Europa und reden

Als schaute man dem Leben selbst zu: „303“ ist ein beglückender Film von Hans Weingartner.

Der Film "303" kommt in die Kinos
Anton Spieker als Jan und Mala Emde als Jule im Hymer 303. Foto: epd

Die Moral ist das Vorrecht der Jugend. Zumindest, wenn sie so grundsätzlich und existenzbegründend daherkommt, wie am Ende eines Sommersemesters: Die Hörsäle leeren sich, die Sonne lädt dazu ein, während langer Nachmittage über das Leben nachzudenken, denn vor einem liegen Monate, in denen man es selbst in der Hand hat, was aus einem wird. Den Professoren ist es schließlich egal.

Jule hat gerade eine Biologieprüfung in den Sand gesetzt, und Jan, in einer anderen Fakultät und in einem entfernten Sprechzimmer der Uni, erfährt von seinem Dozenten, dass sein forscher Antrag auf ein Stipendium bei der Adenauer-Stiftung abgelehnt wurde. Auf getrennten Wegen machen sie sich auf in die Semesterferien, niedergeschlagen und doch voller Hoffnung auf ein paar klärende Wochen: Sie ist davon überzeugt, schwanger zu sein, und will nach Portugal zu ihrem Freund; ihn zieht es nach Spanien, wo er endlich seinen leiblichen Vater kennenlernen will.

Natürlich ahnt man in diesen ersten Szenen von „303“, dass sich Jan und Jule begegnen werden, und es ist der denkbar nüchternste und unwirtlichste Ort, an dem der Regisseur Hans Weingartner dieses erste Treffen arrangiert: Auf einer Autobahnraststätte betankt sie ihr schon etwas in die Jahre gekommenes Wohnmobil vom Typ Hymer 303 auf Mercedes-Chassis – er steht hingegen dumm rum, weil er seine Mitfahrgelegenheit verpasst hat, und fragt Jule, ob sie ihn auf der ersten Etappe nach Köln mitnimmt.

Es ist erstaunlich, wie romantisch Weingartner sein kann. Bekannt wurde er vor allem als wütender junger Mann des deutschen Kinos, mit seinem Filmpamphlet „Die fetten Jahre sind vorbei“, in dem junge Leute in die Häuser reicher Zeitgenossen einbrechen, dort aber nur Möbel verrücken und mahnende Sinnsprüche hinterlassen. Damals spielten Julia Jentsch und Daniel Brühl zwei Figuren, die auch schon Jan und Jule hießen; so ähnlich also wie die Kinderbuchfiguren Jan und Julia von Margret Rettich, die schon mal umziehen müssen oder neu in den Kindergarten kommen, oder wie die beiden Protagonisten in Ingeborg Bachmanns Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“, die sich allerdings nicht wie die beiden Reisenden in „303“ von Berlin nach Portugal bewegen, sondern mit jeder neuen Stufe ihrer Beziehung eine Etage hinauf in einem Hotelhochhaus ziehen.

Jan und Jule in Weingartners neuem Film tragen von all diesen Vorbildern etwas in sich – das Kindliche ebenso wie das Rebellische, die Sehnsucht nach Liebe und Bestätigung ebenso wie den Wunsch nach einem moralisch gelingenden Leben: Schon bald verlassen sie die Autobahn und fahren auf kleinen Straßen übers Land, und immer wieder bleibt das Wohnmobil stehen, wenn sie in schön schattigen Sommerwäldern zu Fuß übers Leben philosophieren. Einmal, als es um Suizid geht, geraten sie darüber so in Streit, dass Jule Jan aus dem 303 wirft. Der Kinozufall aber will, dass sie sich wiedersehen.

Es sind also durchaus ausgedehnte Gespräche, die Weingartner den Zuschauern zumutet – gemeinsam mit seinen beiden Darstellern, die offensichtlich auch improvisieren, zumindest aber über vorgegebene Gegenstände extemporieren. Mit im Wohnmobil haben zwei große Konversationskünstler des Kinos imaginär Platz genommen, der Franzose Eric Rohmer und der Amerikaner Richard Linklater, deren Motive „303“ spielerisch aufnimmt, aber locker variiert: Hier ist es nicht Wien oder Paris, in denen der Weg zu sich selbst über das Gespräch führt, hier ist es halb Europa. So ist „303“ nicht zuletzt ein lupenreines Roadmovie.

Das wirklich Beglückende an Weingartners Film aber ist, dass er seinen zahlreichen Einflüssen und Inspirationsquellen zum Trotz etwas ganz und gar Eigenständiges darstellt. Er ist so tiefgründig wie die Dialoge von Jule und Jan zu Dingen wie Überbevölkerung, Vegetarismus und der Relation zwischen Sex und Körpergeruch, und er ist gleichzeitig wolkenleicht und licht wie eine sommerliche Fahrt durch Frankreich, Spanien und Portugal. Und so erwartungsvoll, angstbesetzt und größenwahnsinnig wie ein Studentenleben Anfang 20.

Mala Emde und Anton Spieker sind zumindest auf der großen Kinoleinwand weitgehend unbeschriebene Blätter, und sie sind eine Offenbarung. Selbst wenn sie den größten Unsinn reden, könnte man ihnen stundenlang zuhören – „303“ ist auch mit 145 Minuten keine einzige zu lang. Ihr unbefangenes Spiel entfaltet eine Magie, als schaute man dem Leben selbst zu, wie es zwischen brandenburgischem Sand und den Wellen des Atlantiks schon eine gute Richtung nehmen wird, und vielleicht wird genau das ja auch daneben gehen. Es ist eine der schönsten Geschichten zwischen zwei Leuten, die das deutsche Kino, die das Kino überhaupt seit langem erzählt hat. Und was lässt sich Besseres sagen, als dass man gar nicht will, dass es irgendwann in dieser Geschichte ein Ende gibt.

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