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„1001 Gramm“ Liebe ist schwer

Gesten auf der Goldwaage: Bent Hamers Film „1001 Gramm“ erzählt erwartbar skurril von einer Physikerin.

Die Physikerin Marie (Anne Dahl Torp) zwischen ihren Kollegen angesichts eines gewichtigen Objekts. Foto: Pandora Film

Auch wenn ein Kilo Federn und ein Kilo Blei objektiv dasselbe wiegen, ist Kilo dennoch nicht gleich Kilo: Nicht umsonst tagt Jahr um Jahr in Sèvre bei Paris das Internationale Büro für Maß und Gewicht (BIPM), wo das Urkilogramm zu Hause ist, ein Zylinder aus neunzig Prozent Platin und zehn Prozent Iridium. Form und Legierung sollen dafür sorgen, dass das Kilo auch ein Kilo bleibt – und konnten dennoch nicht verhindern, dass das formschöne Objekt in den letzten hundert Jahren rund fünfzig Mikrogramm leichter geworden ist – im Vergleich zu seinen 84 Kopien, die sich überall auf der Welt im Besitz der Unterzeichnerstaaten der Meterkonvention befinden.

Der norwegische Filmemacher Bent Hamer hat dem norwegischen Kilogramm-Prototyp nun ein Denkmal gesetzt: Seine romantische Komödie „1001 Gramm“ legt dabei jede Geste auf die Goldwaage. Der Regisseur, der 2003 mit „Kitchen Stories“ bekannt wurde, einer Komödie, über die wissenschaftliche Vermessung von Hausarbeit, porträtiert hier nicht nur die Maßeinheit in ihren engen, aber dennoch überraschend relativen Grenzen.

Im Mittelpunkt steht die Physikerin Marie, die in die Fußstapfen ihres Vaters getreten ist, einem hoch respektierten Kollegen, der eigentlich den nationalen Kilo-Prototypen zur Feinabstimmung nach Paris bringen soll. Dem Tode nah, schickt er Marie statt seiner auf die Reise, die schon an einer misstrauischen Zollbeamtin am Pariser Flughafen zu scheitern droht. Auch dort nimmt man es mit Maßeinheiten recht genau, und man meint fast, eine Seelenverwandtschaft zu spüren zwischen den beiden streng frisierten Frauen: Gehört es nicht zu den Konventionen lakonischer Komödien über skurrile Einzelgänger, dass der nicht herkömmlich geformte Pott früher oder später seinen Deckel findet? Er tut es, allerdings erst etwas später in Gestalt des Gärtners im französischen Institut, hinter dessen unscheinbarer Existenz sich bald ein weiteres unbesungenes Genie der Wissenschaft offenbart.

Es passiert nicht viel in „1001 Gramm“, dessen Titel sich auf das Gewicht der sterblichen Überreste des Vaters der Protagonistin bezieht. Was diese zu Reflexionen über den Wert des irdischen Daseins anregt. Auch wenn diese Überlegungen vielleicht doch nicht so gewichtig sind, wie der Ton, in dem sie vorgetragen werden, glauben lassen will: „Die schwerste Last, trägt der auf seinen Schultern, der nichts zu tragen hat“, heißt eine davon. Oder: „Wie viel wiegt ein Leben? Und die Liebe, wie viel wiegt die?“ Gemeinsam mit ihrem Gärtner-Physiker vertieft sich die nachdenkliche Marie immer tiefer in existentielle Debatten: „Im Grunde gehen wir nur einer einzigen Frage nach: Wer sind wir. Früher oder später muss jeder sein Leben in die Waagschale werfen.“

Wenn ein wortkarger Film plaus seiner stimmungsvollen Lakonie erwacht und gesprächig zu werden beginnt, ist manchmal jedes Wort zu viel. Für Hamer verhalten sich auch das Komische und das Romantische sich wie Teile einer Legierung, fest umrissen, aber auch unverrückbar in der Mischung. Und nur zu einem verschwindend kleinen Anteil offen für spontane Fluktuation. Nach seinem künstlerisch unebenen Weihnachtsfilm „Home for Christmas“ ist Hamer zur einfachen Erzählform des Vorgängers „O Horten“ zurückgekehrt, dem liebevollen Porträt eines Eisenbahn-Fanatikers. Doch das reizvolle Milieu der Gewichts-Wächter trägt nicht über den Film, und Anne Dahl Torp füllt das Mysteriöse ihrer Filmfigur nicht mit der nötigen Ausstrahlung von Lebendigkeit. Sie bleibt Platzhalter für das Erwartbar-Skurrile, das Hamers Film an allen Ecken findet.

Man kann sich dennoch erfreuen an den ordnungsliebenden Bildkompositionen von John Christian Rosenlunds Kamera. Doch schon John Erik Kaadas kindertümelnde Piano-Themen in der Filmmusik erinnern fortwährend daran, dass das Arthouse-Kino ebenso viele Konventionen kennt wie Hollywood.

1001 Gramm. Regie: Bent Hamer. Norwegen 2014. 91 Min.

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