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Kino Sherlock Humbug lässt grüßen

Ist der Ruf erst ruiniert: Erst mit seinem zweiten „Holmes“-Auftritt findet Robert Downey Jr. den richtigen Riecher für den legendären Detektiv.

Kombiniere: Watson (Jude Law, l.) und Holmes (Robert Downey Jr.). Foto: Warner Bros.

Ist der Ruf erst ruiniert: Erst mit seinem zweiten „Holmes“-Auftritt findet Robert Downey Jr. den richtigen Riecher für den legendären Detektiv.

Während die Medienhelden des vergangenen Jahrhunderts zusehends in Vergessenheit geraten – welches Kind kennt heute noch Charlie Chaplin? –, erweist sich ausgerechnet ein Romanheld der vorletzten Jahrhundertwende als unsterblich. Nicht, dass Sherlock-Holmes-Geschichten noch weithin gelesen würden. Aber etwas an diesem Detektiv ist nicht totzukriegen, wie schon sein Erfinder erleben musste. Was tat Sir Arthur Conan Doyle nicht alles, um seine Schöpfung wieder loszuwerden? Erst forderte er von seinem Verleger ein absurd hohes Honorar von tausend Pfund für ein paar Geschichten – das man ihm anstandslos zahlte. Dann ließ er seinen Helden dramatisch in den Schweizerischen Reichenbachfällen sterben – und beugte sich dann dem Ruf nach einer Wiederbelebung. So wurde der Detektiv aus der Baker Street nicht nur im Kriminalgenre zum Vorbild für allen erdenklichen Sherlock Humbug. Serien-Autoren können sich bis heute auf ihn berufen, wenn sie tote Serien-Helden auferstehen lassen.

Unvermeidliche Fortsetzung

Schon als Guy Ritchies erstes Holmes-Kinoabenteuer im Januar 2010 in den deutschen Kinos startete, galt eine Fortsetzung als unvermeidlich; der erfolgreiche US-amerikanische Kinostart hatte sie geradezu befohlen. Tatsächlich ist Teil 2 das entschieden größere Vergnügen. Denn ist der Ruf einer Legende erst einmal ruiniert, lebt sie ganz ungeniert. Musste man sich an die Hektik des ersten Films erst einmal gewöhnen (die nie ein Markenzeichen des feinsinnigen Detektivs war, wohl aber des Regisseurs Guy Ritchie), macht man sich nun auf dasselbe verwegene Tempo gefasst. Und ist umso dankbarer, als sich der Regisseur Ritchie und das Autoren-Ehepaar Michele und Kieran Mulroney in ihrem Actio-Spektakel sogar Ruhepausen leisten. Damit geben sie Gelegenheit, einige Nebenfiguren näher kennen zu lernen. Der britische Charakterdarsteller Stephen Fry ist hinreißend komisch als Holmes weniger cleverer Bruder Mycroft, der über angeblich beste Kontakte ins Außenministerium verfügt. So liegt es an ihm, 1891 über drohende Kriegsgefahren zu informieren, ohne freilich die Namen der beteiligten Nationen zu enthüllen: „Ich kann aber verraten, dass in ihnen französisch und deutsch gesprochen wird.“

Zunächst einmal herrscht jedoch die beunruhigende Sprache anarchistischer Terrorakte. Hoch verdächtig daran ist der zynische Intellektuelle Moriarty. Dass diesem bei Conan Doyle keine späte Gnade zuteil wurde, nachdem er gemeinsam mit Holmes in den Wasserfall gestürzt war, ist uns kein Trost. Verkörpert von Jared Harris ist er von gefährlicher Lebendigkeit – und von angemessen perfider Ausstrahlung, um der Vorlage wenigstens in einem entscheidenden Punkt gerecht zu werden: Als Meisterschurke wirkt er wie die dunkle Seite von Holmes’ Intellektualität – und erscheint damit als sein alter ego. Der Detektiv dankt es ihm mit faszinierter Aufmerksamkeit.

Schnüffler als Koksnase

Aber wie schon im ersten Film hat die runderneuerte Holmes-Figur nicht nur geistige Nöte. Einmal mehr spielt Robert Downey Jr. mit der eigenen Drogenvergangenheit, wenn er den Schnüffler als haltlose Koksnase porträtiert. Auch die Spekulationen des Vorgängerfilms über eine mögliche Liebesbeziehung zum schönsten Dr. Watson der Filmgeschichte (Jude Law) erhalten neue Nahrung: Als dieser durch eine Heirat seinen Ausstieg aus dem männerbündischen Detektivleben andeutet, nutzt Holmes die erste Gelegenheit, das Paar zu trennen. Als die junge Frau während einer Zugfahrt den Feinden in die Hände zu fallen droht, rettet er sie auf denkbar rüde Weise: Bei voller Fahrt wirft er sie von einer Brücke in einen Fluss, wo sie zwar wieder aufgefischt wird – die Geste aber spricht für sich.

Vergessen ist die Würde des pfeifenrauchenden Kombinieres, den in der klassischen Hollywood-Version Basil Rathbone spielte. Was wir stattdessen erleben, ist die Wiederkehr einer anderen Genre-Tradition: der Kriminalklamotte. Louis de Funes (als Gendarm von Saint Tropez) und Peter Sellers (als Inspector Clouseau) haben in Robert Downey Jr. einen würdigen Nachfolger gefunden. Auch wenn sein Dandy-Detektiv mit dem literarischen Vorbild kaum mehr als den Namen gemeinsam hat: Auf seine eigene Art ist er unwiderstehlich.

Sherlock Holmes: Spiel im Schatten GB/USA 2011. Regie: Guy Ritchie, Drehbuch: Guy Ritchie, Michele Mulroney, Kieran Mulroney, Kamera: Philippe Rousselot, Darsteller: Robert Downey Jr., Jude Law, Eddie Marsan, Kelly Reilly, Noomi Rapace, Jared Harris, Rachel McAdams, Stephen Fry u. a.; 129 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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