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Kerkeling-Musical Witzischkeit in Grenzen

Hape Kerkelings Film „Kein Pardon“ feiert in Düsseldorf als Musical Premiere. Aus der Fernsehsatire ist inzwischen Fernsehnostalgie geworden und so hält sich die Witzischkeit in Grenzen.

Szene aus dem Hape Kerkeling-Musical "Kein Pardon". Foto: dapd

Das deutsche Komödienwunder im Kino der späten Achtziger und frühen Neunziger war besser als sein Ruf. Sicher, es gab Untiefen, doch für jede Supernase, für jeden Manta- oder Trabbi-Film gab es auch ein anarchisches oder gar kunstvolles Gegenstück: Es gab Helge Schneider, bei dessen Filmarbeit heimlich Christoph Schlingensief im Regiestuhl saß, Loriots wunderbare Spätwerke oder die bissigen Kabarett-Filme von Gerhard Polt. Und es gab Hape Kerkeling in „Kein Pardon“.

Die Abarbeitung des jungen Komikers an den verkrusteten Formen der Fernsehunterhaltung war Satire und Hommage zugleich: Angemessen böse aber mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Stets hatte er in seinem Drehbuch beides im Blick: Die Medien-Mischpoke vor und hinter der Kamera. Und ihren bevorzugten Wirkungsraum in den kleinbürgerlichen Wohnzimmern, wo sich nur Fußballprofis oder Schlagerstars ähnlicher Wertschätzung erfreuen konnten wie die Moderatoren Peter Frankenfeld und Lou van Burg. Die Geschichte um das Bottroper Muttersöhnchen Peter Schlönzke, der tagsüber für die mütterliche Stehkneipe Schnittchen schmiert, abends aber sein Glück vor der Flimmerkiste findet, war Traum und Alptraum zugleich.

Kerkeling der Ausnahme-Unterhalter

Bei der Premiere der Musical-Version von „Kein Pardon“ im Düsseldorfer Capitol drängte sich die Fernsehprominenz von damals nun leibhaftig dicht im Parkett: Heino und Reiner Calmund, Dolly Buster und Jenny Elvers. Hape Kerkeling hatte einen sicheren Platz gewählt ganz außen in Reihe zehn – und blieb doch, sichtlich verzückt und gebannt, bis zum Ende der fast dreistündigen Show.

Ein Wunsch sei da in Erfüllung gegangen, sagte Kerkeling Journalisten, „zum ersten Mal sehe ich etwas, mit dem ich zu tun hatte, und bin nicht selbst auf der Bühne.“ In Hauptdarsteller Enrico de Pieri, einem gelernten Opernsänger, dürfte er allerdings trotz allem Bemühen nicht allzu viel von sich selbst wiedererkannt haben: Etwas steif spielt er sich durch die Szenen, aber dem direkten Vergleich mit dem jungen Tausendsassa Kerkeling im Film von 1993 hielte ohnehin wohl niemand stand.

Was für eine Hoffnung lag in diesem Ausnahme-Unterhalter. Und welche Skepsis zeigte er schon damals gegenüber dem vermeintlichen Ziel aller deutschen Entertainer, der großen Samstagabend-Show. Wer sich wundert über seine Absage als designierter „Wetten, dass?“- Moderator, muss sich nur diesen alten Film ansehen.

Wie gnadenlos bitter war vor allem die Zeichnung des Familien-Idols auf der Show-Treppe durch den großartigen Heinz Schenk. Allein die Tatsache, dass sich da ein amtierender Showmaster in der Rolle des Moderators Heinz Wäscher so schonungslos parodierte, ist etwas, das die Bühnenversion nicht einholen kann. Auch wenn Dirk Bach durchaus überzeugend in seine Fußstapfen tritt, fehlt ihm doch jene überraschende Unheimlichkeit, mit der Schenk einst den eitlen Busengrabscher spielte. Dafür gönnt Regisseur Alex Balga seinem Star Dirk Bach einen Parade-Auftritt in Kerkelings bekannter Travestie-Nummer: Nun ist er die voluminöse Schlager-Diva Uschi Blum, eingeführt als Heinz Wäschers Cousine. Ein Kinderspiel für Bach, der auf einer Kinder-CD einmal alle Tierfiguren des „Urmel“ verkörpert hat: Er entscheidet sich nun einfach für die Stimme der Schweinedame Wutz.

Klotzen ist besser als Kleckern

Doch bei aller Launigkeit, die diese Produktion verbreitet, macht sich der fehlende Biss bald schmerzlich bemerkbar. Aus der Fernsehsatire von damals ist Fernsehnostalgie geworden. Und mit dem bitteren Ernst hält sich auch die „Witzschkeit“ plötzlich in Grenzen.

Schon das Bühnenbild gleicht einem alten Röhrenfernseher, die Melodie zur „Biene Maja“ erklingt bereits als Ouvertüre. Zwar bezaubert das Dreh-Bühnenbild mit einem aufgeschnittenen Reihenhaus original aus dem Pott, doch wenn gleich vier Songnummern Glanz und Elend der Eingeborenen von „Bottrop-Beach“lanz und Elend der Eingeborenen von „Bottrop-Beach“ beschwören, ist die Botschaft irgendwann angekommen.

Nur zehn S-Bahnminuten vom Kohlenpott entfernt feiert Düsseldorf das Revier wie ein niedlich-skurriles Biotop. Bühnenautor Thomas Hermanns tat hier des Guten zuviel, aber: Klotzen ist im Musical immer besser als Kleckern. Komponist Achim Hegemann, der sich als Erfinder der Popolski-Show selbst um die alternative Show-Kultur verdient gemacht hat, ergänzte seine früheren Kerpeling-Couplets um typische Musical-Showtunes.

Mal spielt das exzellente Live-Ensemble Charleston, mal Eurovisions-Pop – schmissig ist das bis zum unvermeidlichen Finale: „Das ganze Leben ist ein Quiz“ tönt da aus allen Kehlen. Es ist wie sein soll, wie bei Mutter Schlönzke gibt’s zu jedem Schnittchen noch ein Gürkchen. Und dann ist auch die letzte Dissonanz bester Fernseh-Seligkeit gewichen.

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