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Katholische Kirche Wo ein Wille ist, ist auch eine Weihe

Rund zehn Prozent der katholischen Priester scheiden nach der Weihe aus dem Amt. Ein großes Potenzial, das verloren geht - wenn es keine Reformen gibt.

Priesterweihe
Neun Diakone bei der Priesterweihe im Freiburger Münster. Foto: imago

Bekennerschreiben sind mit Vorsicht zu genießen. Das wissen nicht nur Kriminalisten, sondern auch Journalisten. Zu viel eigene Betroffenheit, zu viel Herzblut – das schadet der Sache. Aber manchmal hilft es nichts. Da braucht es ein offenes Bekenntnis des Autors, wo er steht oder wo er herkommt. Weil es sonst heißt, er habe eine verborgene Agenda. Und das tut der Sache auch nicht gut.

So sei es also: Ich bin auch einer von ihnen. Einer von denen, um die es hier gehen soll: katholische Priester, die ihr Amt niedergelegt und einen anderen Beruf ergriffen haben. „Der Liebe wegen“ oder „zölibatsbedingt“, wie ich in bewusst stilisierter Abkürzung gern sage, weil allzu viel Persönliches – ungefragt preisgegeben – auch schnell indiskret und peinlich wirkt. Und weil ein solcher Werdegang in rechten, angeblich katholischen Kreisen reflexhaftes Geifern auslöst über die Treulosigkeit eines Abtrünnigen und – ein besonders reizendes Schimpfwort – „Abfall-Priesters“.

Auch für Kardinal Joachim Meisner (1933 bis 2017) war klar, was er von einem Mitbruder zu halten habe, der seinen Dienst quittiert: einmal Verräter, immer Verräter – dieses Wort des früheren Kölner Erzbischofs ist verbürgt.

Doch gibt es auch gegenläufige Tendenzen. Edgar Büttner weiß davon zu berichten. Der 1952 geborene Unternehmensberater und Supervisor ist Initiator und Koordinator der 2007 gebildeten Ehemaligen-Gruppe „Priester im Dialog“, die sich regelmäßig in Würzburg und seit 2016 auch in München trifft, meistens im Beisein der Generalvikare oder anderer Bistumsvertreter. In Würzburg ist der ehemalige Bischof Friedhelm Hofmann zu einem der Treffen gekommen. Die Kirchenzeitungen beider Diözesen berichteten ausführlich und wohlwollend. „Auch wenn diese Priester aus dem Amt ausgeschieden sind, sind sie doch nicht aus dem Glauben ausgeschieden“, sagt der Münchner Generalvikar Peter Beer und würdigt die Bereitschaft, „sich weiterhin in das kirchliche Leben einzubringen“.

Schon vor zehn Jahren formulierte ein Bischof seinen Wunsch, „dass es eine Zeit geben wird, in der unsere Mitbrüder, die jetzt nicht mehr im Dienst sind, ihrer Berufung wieder ganz folgen können und das zum Wohle aller in der christlichen Kirche.“

Rigoroses Löschen der Daten  

Dies sind in Tat und Wort sprechende Indizien einer veränderten Großwetterlage. Lange Zeit galt für den Umgang mit Priestern, die ihr Amt aufgaben, das Prinzip der „damnatio memoriae“: Sie mussten ihren Wohnsitz wechseln, wurden aus den Personalverzeichnissen, den Schematismen, gestrichen. Aus dem Erzbistum München wird berichtet, dass sogar Personalakten auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Einladungen zu Kurstreffen oder Jubiläen – Fehlanzeige.

Eine Ausnahme ist ausgerechnet das von den Jesuiten geleitete römische „Collegium Germanicum et Hungaricum“, dem von alters her der Ruf als „Kaderschmiede“ für den deutschsprachigen Klerus anhängt. Im „Germaniker-Katalog“, dem Verzeichnis der Ehemaligen, bleiben sowohl diejenigen stehen, die sich vor der Priesterweihe für einen anderen Beruf entschieden haben, als auch diejenigen, die ihr Amt nach der Weihe niedergelegt haben. Einziger Unterschied: Ihr Weihedatum steht in Klammern.

Absturz in Hartz IV 

Viele Priester fielen nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt auch finanziell ins Nichts, wenn nicht ihr Bischof oder ein wohlwollender Personaldezernent ihnen Unterstützung gewährte. Drei Monate Gehaltsfortzahlung, dann Hartz IV – so widerfuhr es einem Betroffenen im Erzbistum Paderborn. Was aus ihm werden würde, das habe keinen interessiert. Im Gegenteil: „Der muss erst mal so richtig in die Sch… fallen“, lautete das Verdikt eines Bistumsgewaltigen.

Für Edgar Büttner und die von ihm vertretenen Priester ist deshalb schon jetzt ein Stück „Rechtssicherheit“ wichtig. „Wir wollen eine Teilnahme am kirchlichen Leben, die auch offiziell geregelt ist.“ Dazu gehören dann auch so handfeste Punkte wie Überbrückungshilfen beim Berufswechsel oder die Nachzahlung von Rentenbeiträgen. Zum kirchlichen „Aus den Augen, aus dem Sinn“ passt es, dass die Deutsche Bischofskonferenz nach eigenen Angaben keine Zahlen hat, wie viele Priester über die Jahre ihr Amt aufgegeben haben. Erst recht ist an zentraler Stelle in Bonn nichts über die Motive bekannt oder über den weiteren Werdegang. „Versuchen Sie es in den Diözesen“, lautete die Auskunft auf eine entsprechende Frage. Stichproben ergeben: 25 Amtsniederlegungen in Köln zwischen 1996 und 2017 – bei 180 Priesterweihen im gleichen Zeitraum. 17 Abgänger in Rottenburg-Stuttgart zwischen 2000 und 2017, neun in Würzburg in den Jahren 2005 bis 2015. Keine Zahlen in Münster und München, wo es allerdings eine Schätzung gibt, wonach im Großraum der bayerischen Landeshauptstadt 300 ehemalige Pfarrer oder Kapläne aus sämtlichen deutschen Bistümern leben.

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