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Katholische Kirche „Homo-Heilung muss der Papst verbieten“

Der Theologe Brinkschröder spricht im Interview über Franziskus’ irritierenden Rat an Eltern, die schwule und lesbische Kinder haben. Er sei wohl missverstanden worden.

Papst besucht Irland
Papst Franziskus steht in der Kritik. Foto: dpa

Herr Brinkschröder, Sie kämpfen seit Jahren für die Gleichberechtigung von Homosexuellen in der katholischen Kirche. Nun hat der Papst auf dem Rückflug vom Weltfamilientreffen in Dublin einem Journalisten auf die Frage, was katholische Eltern tun sollten, wenn ihr Kind „homosexuelle Tendenzen“ zeige, gesagt, sie sollen einen Psychiater aufsuchen. Ein Rückschlag für Ihre Sache?

Nein, im Gegenteil! Ich finde das gesamte Interview einen bedeutsamen Fortschritt. Der Papst rät Eltern von homosexuellen Kindern, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Er fordert sie auf, sich mit ihnen auseinanderzusetzen statt zu verurteilen, mit ihnen zu sprechen statt das Thema zu ignorieren oder lesbische oder schwule Kinder gar aus der Familie zu verbannen. Angesichts dessen, dass dies in vielen Ländern häufig passiert, finde ich diese Aussagen sehr hilfreich.

Selbst der Vatikan nahm offenbar Anstoß an seinen Worten und tilgte das Wort „Psychiatrie“ in der autorisierten Fassung, um dem Eindruck zu wehren, die Kirche halte Homosexualität für eine Krankheit …
In den Medien ist die Aussage mit dem Psychiater verkürzt wiedergegeben und falsch interpretiert worden. Es ging um Eltern, die nicht wissen, wie sie mit ihrem schwulen Sohn oder ihrer lesbischen Tochter umgehen sollen. Dafür können Psychiater eine kompetente Adresse sein, um sich zu informieren. Er hat also die Eltern zum Psychiater geschickt, nicht die Kinder.

Aber man denkt sofort an Homo-Heilung, die konservative katholische Mileus auch gutheißen.
Von Homo-Heilung war definitiv keine Rede. Es wurde in vielen deutschen Medien nur so hingedreht, dass der Papst Kinder mit homosexuellen Neigungen zum Psychiater schicke. So verzerrt stellt man Franziskus dann als jemanden dar, der Konversionstherapien befürwortet, was sicherlich nicht der Fall ist.

Warum dann die redigierende Intervention des Vatikan?
Dass das Pressebüro den missverständlichen Satz gestrichen hat, finde ich angesichts der medialen Verwirrung hilfreich. Noch hilfreicher wäre es allerdings, wenn sich der Papst im Zuge dieser Diskussion eindeutig gegen Konversionstherapien ausspräche. Die aufgeregte Reaktion auf sein Interview erklärt sich ja auch dadurch, dass viele Schwule und Lesben mit Psychiatern zu tun hatten, die sie umpolen wollten. Das hat tiefe Wunden hinterlassen.

Der Papst nennt Homosexualität im Interview auch bloß ein „soziales und ethisches Phänomen“ ...
Er sagt im Satz davor, „Homosexualität“ habe es zu allen Zeiten gegeben. Damit meint er wohl homosexuelle Handlungen, denn der Begriff „Homosexualität“ und die Vorstellung einer sexuellen Orientierung sind moderne Phänomene, die es so nicht einmal im antiken Griechenland gab. Zugleich gibt es jedoch auch gesellschaftliche Konjunkturen. Soziologisch ist das leicht zu erklären: In modernen Gesellschaften gibt es für gleichgeschlechtliche Beziehungen bis hin zur Anerkennung als Ehen einen größeren Spielraum als in traditionellen Gesellschaften, in denen sich das gesamte soziale Leben, einschließlich Fürsorge, Absicherung gegen Krisenfälle und der Reproduktionsweise im Rahmen der Familie abspielt.

Wie sieht es derweil mit Ihrem Engagement für Gleichberechtigung in der katholischen Kirche in Deutschland aus? 
Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich bei dem Thema gerade in einer Phase der Neuorientierung und des Aufbruchs in der Pastoral. In vielen Bistümern wurden und werden aktuell Stellen eingerichtet für Homosexuellenseelsorge oder sogar für Regenbogenpastoral, die noch darüber hinaus geht und sich auch an bisexuelle, transidente und intersexuelle Menschen und ihre Familien richtet. Zuletzt haben die Bistümer Hamburg, Magdeburg und Speyer solche Ressorts eingerichtet. Sie greifen damit konstruktiv den Impuls auf, den die Familiensynoden und Papst Franziskus in seinem Abschlussschreiben gegeben haben.

Klingt so, als sei Ihr Ziel erreicht.
Nein. Die katholische Kirche hat noch alle Hände voll zu tun, um die historisch und psychologisch tief sitzende Geschichte ihrer Homophobie aufzuarbeiten, damit ihre pastorale Arbeit auch glaubwürdig werden kann. Die Dimension, die diese Aufgabe hat, hat die Kirche meiner Meinung nach noch gar nicht verstanden.

Interview: Simon Berninger

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