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Katholische Kirche „Das ist der Ausverkauf der Kirche in China“

Der Vatikan steht offenbar kurz davor, ein Abkommen mit Peking zu schließen. Der Hongkonger Kardinal Joseph Zen Ze-kiun kritisiert einen solchen Deal mit den Kommunisten scharf – und erklärt, warum.

Katholiken in Schanghai.
Stets unter Beobachtung der Partei: Katholiken begehen in Schanghai die Osternacht. Foto: rtr

Katholiken stehen in China unter der Aufsicht der Kommunistischen Partei. Nun bietet Peking an, den Papst als Oberhaupt der geschätzt zehn Millionen chinesischen Katholiken anzuerkennen - wenn der Vatikan wiederum die von China ernannten und exkommunizierten Bischöfe als legitim betrachtet. Wir sprachen mit Joseph Zen, Kardinal in Hongkong, über diesen Deal.

Kardinal Zen, Sie sind in China katholischer Geistlicher geworden und sind später sogar als Kardinal zum Papst-Wähler geworden. Klingt nicht gerade nach einer Normalbiografie in einem Land, in dem die katholische Minderheit um ihre Religionsfreiheit fürchten muss.
Als ich in Shanghai aufgewachsen bin, war es nicht gefährlich, katholisch zu sein. Das wurde es erst, als die Kommunisten 1949 an die Macht kamen. Bis dahin konnte man als Katholik seinen Glauben ohne Probleme frei praktizieren. Schon mein Vater wollte eigentlich Priester werden, heiratete dann aber, und meine fünf Schwestern und ich kamen zur Welt. Mein Vater hat mich immer mit zur Messe genommen, und das gefiel mir. Der zweite Japanisch-Chinesische Krieg brachte dann Armut über das Land und meine Familie. Mein Vater wurde krank, und meine Mutter musste für unseren Lebensstand aufkommen. In der Situation stießen wir auf die Salesianer und ich ging später zu ihnen ins Noviziat nach Hongkong.

Sie sind dann zum Studium nach Italien gegangen und 1964 als Priester und Theologie-Dozent wieder in Ihre Heimat zurückgekehrt. Welche Situation haben Sie damals vorgefunden?
Ich bin ja zunächst nicht nach Shanghai, sondern nach Hongkong zurückgegangen. Das war bis 1997 eine Britische Kolonie und die Situation dort war völlig anders als mittlerweile im kommunistischen China. Erst als China sich nach der Kulturrevolution ab 1976 allmählich geöffnet und wieder Kontakt zu Hongkong aufgenommen hatte, habe ich Mitte der achtziger Jahre bei den Behörden beantragt, in den kirchlichen Seminaren in Shanghai zu unterrichten. Nach vier Jahren bekam ich dann die Erlaubnis und habe von 1989 bis 1996 in verschiedenen Seminaren der offiziellen Kirche unterrichten können – und habe dadurch alles miterleben können.

Was waren Ihre Erfahrungen?
Die Kommunisten kontrollieren alles, angefangen bei den Bischofsernennungen. Peking bestimmt, wer Bischof wird, am Vatikan vorbei. Dafür hatte die Regierung ja auch schon früh alle diplomatischen Beziehungen zum Vatikan gekappt. Sie sucht sich die Kandidaten heraus, die ihr passen – damit sind die Bischöfe Sklaven der Regierung, keine Hirten. Sie predigen die Eingaben der Kommunisten – nicht das Evangelium. Es gab in der Vergangenheit zwar immer einzelne Bischöfe, deren Regierungstreue nur ein Lippenbekenntnis war und die sich in Wahrheit zum Papst bekannten, auch gegenüber den Gläubigen. Aber sie lebten gefährlich. Und leider sind heute immer mehr offizielle Bischöfe und auch viele Priester ganz und gar regierungskonform.

Sie sprechen hier von der offiziell erlaubten Kirche, der Katholisch-Patriotischen Vereinigung, die seit jüngstem sogar direkt der Kommunistischen Partei Chinas und nicht mehr nur der Regierung untersteht.
Ja. Als ich 1989 nach China gekommen bin, hatte ich eigentlich die Hoffnung, dass sich die Situation entspannen und der Vatikan wieder mehr Mitsprache erhalten könnte. Denn die Kirche hat sich bei dem großen Volksaufstand am Tiananmen-Platz in Peking nicht beteiligt, dafür hat die Regierung dann Zugeständnisse gemacht und beispielsweise erlaubt, dass auch Kinder getauft werden können. Heute darf man erst mit 18 Jahren getauft werden. Und es wird immer schlimmer: Die Regierung hängt neuerdings Schilder an die Kirchen, dass man auch erst ab 18 ins Gotteshaus hinein darf. Und sie ändert die Bibel: Die Kommunisten wünschen sich tatsächlich eine neu kommentierte Übersetzung und haben den Bibelverkauf eingeschränkt. An einen offenen, theologischen Diskurs ist überhaupt nicht zu denken.

Daneben gibt es auch die so genannte Untergrundkirche.
Ja, das ist die wahre Kirche, denn sie weigert sich, von Rom unabhängig zu sein. Ihre Bischöfe bestimmt der Papst. Aber sie ist von der Regierung natürlich verboten und je nach Region wird sie auch stark verfolgt. Sie treffen sich in vielen Regionen Chinas nur privat, weil sie natürlich keine Kirchen haben können, und riskieren, dass die Regierung sie aufspürt. In der Vergangenheit sind viele Untergrundpriester, auch Bischöfe, verschwunden, wurden von der Polizei verhaftet und sind nie wieder aufgetaucht. Und leider gibt es immer weniger Bischöfe in der Untergrundkirche, weil die alten sterben und der Vatikan keine Nachfolger für sie bestimmt, sondern lieber mit den Kommunisten Kompromisse machen will.

Sie meinen, der Vatikan spielt dem kommunistisch kontrollierten Katholizismus in China in die Hände?
Nun ja. Eine Delegation aus dem Vatikan hat den Untergrundbischof Peter Zhuang Jianjian, den Rom 2006 zum Bischof ernannte und heimlich weihte, im Dezember in seiner Diözese besucht und ihn wiederholt aufgefordert, seinen Bischofsstuhl für den regierungstreuen Bischof Joseph Huang Bingzhang zu räumen. Der wurde aber 2011 sogar schon exkommuniziert, weil er von Peking ohne Zustimmung des Vatikans Bischof wurde. Er sitzt sogar im chinesischen Parlament! Und wenn der Vatikan dann auch die anderen sechs Bischöfe anerkennen will, die früher schon wegen ihrer einseitigen Einsetzung durch Peking exkommuniziert wurden – wie könnte das anders verstanden werden, als dass der Heilige Stuhl mit einer solchen Diplomatie einen Kniefall vor Peking macht? Das bedeutet den Ausverkauf der katholischen Kirche in China!

Welche Rolle spielt dabei der Papst?
Manchmal ist der Heilige Stuhl nicht der Heilige Vater. Erst, wenn die Pläne realisiert werden, bedeutet das, dass der Papst dahinter steht. Dann werde ich auch für immer schweigen, weil ich mich nicht gegen den Papst aufbäumen will. Aber ich habe ihn Anfang des Jahres in Rom getroffen und ihm einen Brief von Peter Zhuang Jianjian geben, in dem er vor einem Kompromiss mit Peking gewarnt hat. Er hat auch meine Warnungen verstanden, vorsichtig zu sein mit irgendwelchen Abkommen mit den Kommunisten. Deshalb glaube ich, dass er von seinen Diplomaten falsch beraten ist. Allen voran von seinem Staatssekretär Pietro Parolin, auf dessen Mist diese kompromissbereite Ostpolitik gewachsen ist, mit der er die Kirche herunterwirtschaftet.

Wenn der Papst verstanden hat, müsste er dann die Sache nicht selbst in die Hand nehmen und selbst nach China reisen – statt zweifelhafte Diplomaten zu schicken?
Das hatte der Papst ja vor, so hoffnungslos optimistisch, wie er ist. Aber er hat keine Ahnung von den Kommunisten in China. Es ist ein totalitäres Regime. Deshalb habe ich dem Papst auch von einem Besuch abgeraten, als ich bei ihm war. Es würde nichts bringen. Er würde nur Vertreter der Katholisch-Patriotischen Vereinigung sehen, die Regierung würde sagen: „Applaus“ – und alles würde applaudieren. Alles ist Fake in China! Und er hätte überhaupt keine Chance, die Untergrundbischöfe zu treffen. Außerdem hat der Papst ja auch Kuba besucht. Glauben Sie, dass sein Besuch irgendetwas verändert hat?

Chinesische Katholiken, die sich einer Kirche von Chinas Gnaden verweigern wollen, stehen derweil vor der schwierigen Situation, ihren Glauben wenn überhaupt nur im Untergrund praktizieren zu können, womit sie sich selbst in Gefahr bringen. Was raten Sie – anstatt auf Diplomatie zu setzen?
Wir müssen alles in Gottes Hand legen. Die Urchristen wurden 300 Jahre verfolgt und mussten ihren Glauben in Katakomben praktizieren. Und die Märtyrer aus der Zeit verehren wir heute und sagen nicht: Wie dumm, hätten sie mal besser ihrem Glauben abgesagt. Der Glaube ist entscheidend – noch entscheidender als die Sakramente zu feiern. Wo es also keine Kirchen oder Priester gibt, die den Glauben der Kirche statt der Kommunisten bezeugen, gibt es nur die Möglichkeit, zu Hause im Stillen zu beten.

Interview: Simon Berninger

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