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Karl-Otto Apel Du existierst

Archimedischer Punkt nach 1945: Der Philosoph Karl-Otto Apel feiert am heutigen Mittwoch seinen 95. Geburtstag.

Karl-Otto Apel
Karl-Otto Apel, hier 1966. Foto: dpa

Es ist ein schöner Frühlingstag und der Philosoph kommt ins Erzählen. Er gräbt tief in seinen Erinnerungen, schärft seine Begriffe und präsentiert manche Anekdote. Karl-Otto Apel ist einer der ganz großen deutschen Nachkriegsphilosophen. Viele meinen, er sei neben Jürgen Habermas der bedeutendste. Wer der wirklich Größte und Beste ist, ist auch unter Philosophen eine heikle Frage. Und einig ist man nur darin, dass hier völlige Uneinigkeit herrscht. Fraglos hingegen ist, dass Apel der deutschen Philosophie einen Hauch von Übersee verpasst hat. Denn er war einer der ersten, welche die Wahrheit nicht mehr nur in knöchernen Begriffssystemen suchte, sondern sie in der lebendigen Sprache zu finden meinte. Für deutsche Denker ein klassischer Umsturzversuch. Sprachphilosophische Wende nannte man den neuen Ansatz – oder linguistic turn, wie es wohl als einer der ersten der US-Philosoph Richard Rorty tat.

Daraus erwuchs bei Apel etwas, was unter „transzendentaler Sprachpragmatik“ Eingang in die Welt der Denker fand. „Transformation der Philosophie“ lautete der Titel seiner durchschlagenden Schrift, in der er sein Denken vorstellte. Um der Philosophie einen Sinn zu geben, musste sie erst überführt werden aus den klassischen Denksystemen in eine neue, offene Welt.

Aber auch in dieser, das war und blieb Apels feste Überzeugung, gibt es einen archimedischen Punkt. Ein Letztes, hinter das wir nicht gehen können, das uns aber die Sicherheit für die Welt des Wandels und die wechselnden Werte gibt. Wir finden es, wenn wir auf die Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns blicken. Etwa wenn einer sagt: „Du existierst nicht“ oder „Ich plädiere für Streit als Ziel der Diskurse“ geraten sie in Selbstwidersprüche, da sie den „Nicht-Existierenden“ als Existierenden ansprechen und durch das Plädoyer ja Einigkeit erstreben. Wenn es aber solche unbestreibaren Gründe gibt, lassen sich auch Prinzipien formulieren, aus denen andere Wahrheiten folgen. Das war ein echter Clou von Apel. Dieses Letzte bewahrt uns davor, dass wir offenkundigen Unsinn reden.

1945 hatte der in Düsseldorf geborene Apel nach Kriegsgefangenschaft sein Studium aufgenommen. Man spürt in seinen Worten noch, wie groß die Erschütterung über die NS-Zeit gewesen war, junge Männer wie er sahen, auf welchen Lügen und Verbrechen das Nazi-System erbaut war. „Wir fingen an, andere Menschen zu werden nach der Katastrophe der NS-Zeit“, sagt er im Gespräch, das vor einiger Zeit in Wuppertal am Rande eines Kongresses stattfand. In Bonn schrieb sich der junge Apel ein und studierte erst Geschichte. Später unter dem Einfluss Erich Rothackers dann Philosophie. „Wir saßen auf den Schränken, so voll waren die Hörsäle.“

1950 lernte er einen Mann aus Gummersbach kennen. „Damals habe ich promoviert und Jürgen Habermas kennengelernt.“ Sie wurden Freunde. Sie wollten die Welt verändern, sagt er. „Habermas und ich waren sehr nah beieinander in unserem politischen Denken. Wir wollten beide den Nationalismus überwinden und für Europa und eine weltbürgerliche Ordnung eintreten.“

Sie hatten ähnliche Ansätze und gingen dann doch eigene Wege: „Wir haben uns in der Tat voneinander entfernt“, erklärt Apel. Er war sich mit Habermas einig, dass das heutige Denken post-metaphysisch sein muss. Es gibt kein Zurück mehr in die Zeiten, in denen Hegel seine Systemphilosophie ausbreitete, geschweige denn in die Zeiten, in denen die Denker Gottesbeweise führten. Er entwickelte einen eigenen Ansatz. Seine Philosophie ist getragen von der Sorge um die ethische Grundlage des menschlichen Handelns. Es sollte nicht kulturellen Differenzen zum Opfer fallen, sondern universal gelten. Die ethischen Regeln werden im Diskurs festgelegt. Über Moral lässt sich reden. Menschenrechte taugen nicht zum Relativismus.

An deutschen Universitäten reichte die Philosophie lange Zeit nur bis Friedrich Nietzsche, später auch zu Martin Heidegger. Dann folgte lange nichts. Das war noch in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts so, bis ein Generationenwechsel auf den Lehrstühlen einsetzte. Viele glaubten, dass in Deutschland zu lange historisch philosophiert wurde. „Nein“, so Apel im Gespräch, „das würde ich nicht sagen. So war es nicht.“ Es habe schon damals wichtige Stränge gegeben, die sich an der Mathematik oder am Positivismus orientiert hätten und vor allem an der Existenzphilosophie. Für sie stand auf der einen Seite Heidegger, auf der anderen Kierkegaard, wenn sie religiös motiviert war. „Das war die Ausbildung, die man damals durchlief“, erzählt Apel.

Nach seiner Zeit in Bonn führte ihn sein akademischer Weg nach Mainz, dann Kiel, Saarbrücken und zuletzt Frankfurt, wo er bis 1990 Ordinarius war. Die wilden 60er Jahre veränderten auch die philosophische Landschaft, erinnert sich Apel. Habermas war ohnedies stark an den Lehren von Karl Marx interessiert. Schon in Gummersbach war er immer in eine als „rote“ Buchhandlungen verschriene Institution gelaufen, um sich intellektuellen Nachschub zu holen. Auch Apel interessiert sich zunächst für den Neomarxismus. Wie sagte doch Marx? Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern. „Das kann ich unterstreichen. Darauf kommt es immer an und wird niemals anders sein“, findet Apel.

Erst vor kurzem hat Apel mit Hilfe des in Wuppertal lehrenden Philosophie-Professors Smail Rapic sein vielleicht letztes Buch im Suhrkamp-Verlag fertiggestellt. „Transzendentale Reflexion und Geschichte“ lautet der Titel. Es beinhaltet die Züge seiner Ethik, für die er einst berühmt wurde: die Diskursethik. In ihr gibt es ein unhintergehbares Fundament, einen Punkt, der eine immerwährende Leuchtkraft besitzt und dafür sorgt, dass wir die Frage „Warum sollen wir moralisch sein?“ letztlich positiv beantworten können.

Karl-Otto Apel, der Letztbegründer, wird heute 95 Jahre alt. In seinem Haus bei Wiesbaden wird er nur eine kleine Schar von Gästen empfangen. Seit einer Operation im Sommer hat der große Philosoph an Kraft verloren. Seine Töchter werden da sein, die eine, Dorothea Apel, ist promovierte Philosophin und schreibt seine Gedanken fort, Michaela ist Juristin und Katharina spielt im Kölner Gürzenich-Orchester. Apel liebt es, mit seiner Frau Judith seiner zweiten Passion nachzugehen: der Geschichte. Nur die Philosophie, erklärt sie, die bringe den Jubilar manchmal um den Schlaf.

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