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Karl-Otto Apel Der Letztbegründer

Karl-Otto Apel ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf einen Philosophen, der in der Rezeption immer im Schatten von Jürgen Habermas stand - zu Unrecht.

Karl-Otto Apel
Äußerungen, die nicht ohne den beschriebenen Selbstwiderspruch zurückgewiesen werden können, bezeichnete Karl-Otto Apel als „letztbegründet“. Foto: dpa

Es gibt lapidare Äußerungen, die toll klingen, es aber nicht sind. Ein fiktiver und doch im Zusammenhang interkultureller Debatten mehr als nur denkbarer Beispielsatz wäre: „Das Modell westlicher Rationalität taugt nichts, weil es eurozentrisch ist und nur einen partikularen Herrschaftsanspruch verdeckt.“ Das Problem dieses Statements: Der Sprecher verwickelt sich damit in das, was die Philosophie einen „performativen Selbstwiderspruch“ nennt. Indem er einen Begründungszusammenhang herstellt („Etwas ist, weil es ...“), bedient er sich selbst genau jener Prinzipien „westlicher“ Rationalität, die er doch angeblich ablehnt.

Solchen Zusammenhängen und Widersprüchen galt fundamental das Interesse des deutschen Philosophen Karl-Otto Apel, der am Montagabend an seinem Wohnort Niedernhausen bei Wiesbaden im Alter von 95 Jahren verstorben ist. Äußerungen, die nicht ohne den beschriebenen Selbstwiderspruch zurückgewiesen werden können (im Beispielsfall wäre das der Satz: Vernunft ist nicht westlich, sondern ein universales Prinzip), bezeichnete Apel als „letztbegründet“. Weshalb er auch – diese Kennzeichnung verband sich teils mit ironischem Spott – als „Letztbegründer“ in die Geschichte der Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg eingegangen ist. An diesem Punkt ergab sich ein Dissens mit Apels sieben Jahre jüngerem Freund Jürgen Habermas, der philosophische Letztbegründungen weder für möglich noch für notwendig hält.

So oder so fällt heute, wenn von Karl-Otto Apel die Rede ist, schnell auch der Name Habermas. Keine Frage: In der Rezeptionsgeschichte hat der Glanz des Jüngeren den des Älteren überstrahlt. Was insofern ungerechtfertigt ist, als zentrale Habermas’sche Denkmotive und -figuren in Apels zahlreichen Werken vorgebildet sind – so wie sich dieser bereitwillig bei dem Jüngeren Anregungen geholt hat.

„Nie wieder“ als moralischer Lernimpuls

Beide (gebürtigen Düsseldorfer) kamen aus demselben „Stall“, dem des Bonner Philosophen und Kulturanthropologen Erich Rothacker, bei dem sie auch promovierten. Und ähnlich wie Habermas führte den Kriegsfreiwilligen und ehemaligen Wehrmachtsoffizier Apel die Erkenntnis der Vergiftung des deutschen Geistes durch den Nationalsozialismus zu einem radikalen Bruch auch mit den überlieferten Denktraditionen.

Apel, dessen akademische Karriere ihn nach Mainz, Kiel und zuletzt Frankfurt führte, wo er als Habermas’ Nachfolger bis 1990 Ordinarius war, leitete dieser Bruch allerdings nur sporadisch zum Neomarxismus. Stärker wurde der Einfluss des amerikanischen Pragmatismus, der Sprachphilosophie, auch Kant’scher Gedanken, deren Reformulierung Apel sich widmete. Und er verfolgte eine fast revolutionär zu nennende Neubegründung der Philosophie aus dem Prinzip des Diskurses: Denken, das etwas taugt, vollzieht sich danach nicht im einsamen Kämmerlein, sondern im steten intersubjektiven Gespräch, in dem formalisierbare Geltungsansprüche erhoben werden – die mit Gründen akzeptiert oder zurückgewiesen werden können.

Wer denkt da nicht an Habermas’ „Theorie des kommunikativen Handelns“? Und wie diesem ging es auch Apel letztlich um eine normativ anspruchsvolle Begründung einer deliberativen Demokratie. Da war es erneut: das „Nie wieder“ als moralischer Lernimpuls aus der am eigenen Leib erfahrenen historischen Katastrophe.

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