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Karl Marx Der dogmatische Gebrauchswert der Statue

Der chinesische Künstler Wu Weishan hofft bei seinem Marx-Denkmal in Trier auf eine KP-konforme Aufmerksamkeit.

Karl Marx
Am Samstag fallen dann die letzten Hüllen der Marx-Statue in Trier. Foto: rtr

Spätere Versuche, Marx für die aktuelle chinesische Situation verwendbar zu machen, wirken ebenso bemüht. So hat Xi Jinping den politischen Slogan vom „chinesischen Traum“ ausgegeben. Das ist eine mächtige politische Idee, doch sie klingt mehr nach Selbstverwirklichung im amerikanischen Stil als nach Lenin und Mao. Der übergeordnete Teil des „Traums“ soll zudem die „Erneuerung der Chinesischen Nation“ sein – das wiederum nach der Förderung von Patriotismus klingt, nicht nach der Sozialistischen Internationalen.

Diese Widersprüche stellen kein Problem für die geschulten Ideologen in der Parteischule dar. Schrieb Marx nicht, dass die Arbeiterschaft für sich selbst zu denken habe, um zu einem Klassenstandpunkt zu finden? Das „Kommunistische Manifest“, 1848 von Marx und Friedrich Engels veröffentlicht, stellt die Frage des Eigentums oder der Entfremdung des Arbeiters von der Arbeit. In China werden stattdessen die Reichen immer reicher; den einfachen Arbeitern sind Streiks verboten. Und Marx versprach seinerzeit: „Die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände.“ Bei Auflehnung gegen die Machtverhältnisse droht in China jedoch Gefängnis.

Dass angesichts der vielen Verdrehungen der Worte sozialistischer Vordenker und immer wieder neuer Doktrinen die totale Beliebigkeit ausbricht, stört in China keinen. Spätestens seit der Zeit des Reformers Deng Xiaoping gilt eine flexible Denkweise als Tugend. Dieser hatte den Kapitalismus und die Marktwirtschaft dreist zu wertvollen Instrumenten für den Aufbau des Sozialismus erklärt. Wu hat sich viele Gedanken gemacht, wie er das ausdrückt. „Die Statue zeigt einen Marx, der vorangeht, der die Dinge vorantreibt.“ Ihre Höhe von 5,50 Metern symbolisiert den Geburtstag am 5. Mai. Der Stil lehnt sich laut Wu an den „westlichen Realismus“ an, der zu Marx’ Zeiten vorgeherrscht habe, und kombiniere ihn mit einem chinesischen Impressionismus.

Ob das jedem Betrachter ins Auge springt oder nicht – dem Tourismus dürfte das Projekt allemal nützen. Eine Marx-Statue für den Geburtsort des sozialistischen Vordenkers: Dieses Thema stößt in China auf großes Interesse. Trier taucht in diesen Wochen auf Reisewebseiten ganz oben bei den Tipps für Europatouren auf. Die Propagandamedien sind verpflichtet, das Thema breit zu behandeln. Die seit Römerzeiten traditionsreiche Stadt kommt so in Fernost zu neuer Berühmtheit.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Karl Marx 200

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